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Inklusiver Unterricht an einer Regelschule: In NRW ist das nur für wenige Kinder einer Förderschule möglich. - © picture alliance
Inklusiver Unterricht an einer Regelschule: In NRW ist das nur für wenige Kinder einer Förderschule möglich. | © picture alliance

Düsseldorf/Bielefeld Stand der Inklusion in NRW für Forscher besonders enttäuschend

Die Bielefelder Wissenschaftler Helen und Marcus Knauf kritisieren, dass nur zwölf Prozent der Förderschüler in einer allgemeinbildenden Schule unterrichtet werden.

Carolin Nieder-Entgelmeier
15.03.2019 | Stand 15.03.2019, 06:47 Uhr

Düsseldorf/Bielefeld. Statt Kinder mit Behinderung aus den Förderschulen herauszuholen und inklusiv zu beschulen, werden immer mehr Schüler an allgemeinen Schulen als Behinderte deklariert. Mit dieser ernüchternden Bilanz zum zehnten Jahrestag des Inkrafttretens der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland am 26. März bewerten die Bielefelder Wissenschaftler Helen und Marcus Knauf die Inklusionsbemühungen in Deutschland. Ihre Auswertung der Bildungsstatistik der Kultusminister-Konferenz zeigt, dass die Situation in NRW besonders enttäuschend ist. „Die Analyse zeigt, dass der angestrebte Abbau einer separaten Beschulung von Schülern auf Förderschulen in NRW kaum vorangekommen ist. Von 2009 bis 2017 gab es lediglich einen Rückgang von zwölf Prozent. 2017 stagnierte die Inklusion sogar", moniert Helen Knauf, Professorin an der Hochschule Fulda mit dem Forschungsschwerpunkt Inklusion. Fortschritte gebe es in NRW lediglich bei der Inklusion von Schülern mit dem Förderschwerpunkt Lernen. „Auch die bundesweiten Entwicklungen zeigen, dass Deutschland die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention nicht erfüllt", ergänzt Marcus Knauf, der Institutionen und Unternehmen wissenschaftlich berät und Studien durchführt. Gleichzeitig ist laut Bildungsstatistik zwischen 2009 und 2017 die Zahl der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in NRW um 30 Prozent gestiegen und damit deutlich stärker als im Bundesdurchschnitt mit 20 Prozent. „Die wachsende Zahl von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf allgemeinen Schulen stammt jedoch nur zu einem Viertel aus Förderschulen. Vielmehr rekrutiert er sich zum Großteil aus zusätzlich als förderbedürftig diagnostizierten Schülern", erklärt Marcus Knauf. Immer mehr Kinder erhalten das Etikett Förderbedarf Das Phänomen eines zusätzlich diagnostizierten Förderbedarfs betrifft allein in NRW 31.000 Schüler, im Vergleich von 2017 zu 2009. Bundesweit sind es 90.000 Schüler. „Dem deutschen Bildungssystem gelingt es also kaum, Inklusion zu bewältigen." Stattdessen werden die Ressourcen dafür verwendet, bei immer mehr Schülern einen sonderpädagogischen Förderbedarf festzustellen, sagt Knauf. In ihrer Analyse finden Helen und Marcus Knauf ebenfalls heraus, dass die zur Verfügung stehenden Mittel für Inklusion in Deutschland nicht optimal eingesetzt wurden. „Diese Problematik ist jedoch oft nicht sichtbar, weil die Bildungsausgaben für schulische Inklusion intransparent sind", erklärt Helen Knauf. „Deutlich wird auch, dass im Bildungssystem viel Geld für Inklusion vorhanden war und ist, aber nicht dafür eingesetzt wird, damit ein Großteil der Förderschüler inklusiv unterrichtet wird." Die Folgen dieser stagnierenden Inklusion tragen die Schüler. „Zum Einen finden Kinder aus Förderschulen keinen Platz an allgemeinen Schulen, obwohl sie inklusiv beschult werden könnten. Zum Anderen erhalten Kinder mit Behinderungen, die inklusiv an allgemeinen Schulen unterrichtet werden, nicht die Unterstützung, die sie benötigen", erklärt Knauf. „Zudem werden Kinder mit geringen Abweichungen, die ihr Lern- und Sozialverhalten nur relativ wenig beeinträchtigen, als ’behindert’ etikettiert. Dieses Etikett kann sie ihre gesamte Schullaufbahn und auch im weiteren Leben als Stigma begleiten."

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