0
Die Polizei sucht Spezialisten, die sich mit den Tiefen der IT auskennen. - © picture alliance / dpa
Die Polizei sucht Spezialisten, die sich mit den Tiefen der IT auskennen. | © picture alliance / dpa

Polizei NRW-Polizei will mehr IT-Spezialisten - auch für Fälle wie Lügde

Aufklärung: Die Datenmenge des Kindesmissbrauchs überfordert die Behörde. Die Gewerkschaft der Polizei fordert ab sofort 75 Profis, denn so eine Beweissicherung ist ein Spiel gegen die Zeit

Friderieke Schulz
18.02.2019 | Stand 18.02.2019, 23:10 Uhr

Bielefeld/ Düsseldorf. Die Aufklärung im Fall des Kindesmissbrauchs von Lügde zeigt, wie sehr die Polizei in Nordrhein-Westfalen mit der Sichtung des Beweismaterials überfordert ist und wie viel Luft noch zu einer optimalen aber möglichen Polizeiarbeit ist. Bei den Tatverdächtigen haben die Ermittler 15 Terabyte digitale Daten (das sind 15.000 Gigabyte) Kinderpornografie sichergestellt. Nach einer ersten Einschätzung der Beamten müssen vier Terabyte davon ausgewertet werden. "Dafür braucht ein Beamter elf Jahre", sagt Stephan Hegger, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei NRW und zeigt damit, welches Ausmaß die Datenmenge hat. Und der Fall Lügde ist dabei keine Ausnahme. Immer wieder haben es die Beamten mit Cyberkriminalität und solchen Mengen an zu sichtendem Material zu tun. Beamten läuft die Zeit weg - eine Software hilft ab sofort Dabei muss es immer schnell gehen, denn der Polizei rennt schon bei der Sicherung der Beweise die Zeit davon. "Allein durch die mediale Berichterstattung werden eventuell weitere Täter und Mittäter gewarnt und könnten verschwinden oder Beweismaterial vernichten", so Hegger. Aus diesem Grund wurde die für die Aufklärung der Kinderpornografie und des Missbrauchs in Lügde gegründete "Besondere Aufbauorganisation" mit 51 Beamten neben Polizisten aus Bielefeld auch mit Kollegen vom Landeskriminalamt NRW und aus den Präsidien Düsseldorf, Dortmund, Essen, Köln und Münster besetzt. "Das sind Beamte, die natürlich derzeit bei ihrer eigentlichen Arbeit fehlen", sagt Hegger. Um die Beweiserfassung weiter zu beschleunigen und in Zukunft gut ausgerüstet zu sein, hat die Polizei NRW zudem eine neue Software angeschafft, ein automatisches Bilderkennungsprogrmm, das relevante Bilder deutlich schneller filtern und verschiedene Gesamtdaten erfassen kann. "Es erkennt Schlüsselmomente, wie im Fall Lügde zum Beispiel einen erigierten Penis. Aber auch Gesichter werden vom Programm erkannt und eine Datenbank zusammengestellt mit den Szenen, die dieses Gesicht zeigen", erzählt Hegger. Dadurch können relevante Bilder viel schneller erfasst werden und eine Beweislast viel schneller erstellt werden: "Das Programm kann zum Beispiel schnell sagen an wie vielen Taten der Täter beteiligt war." In Zukunft muss und wird sich die Polizeiarbeit verändern Die Software ist erst der Anfang, denn, so Hegger, die Digitalisierung der Polizei sei nicht am Anfang, sondern noch in der Steinzeit. "Und Menschen, die Geld als IT-Profi verdienen arbeiten immer mit den schnellsten Rechnern und der besten Technik." Technik, die es bei der Polizei derzeit nicht gibt. Von diesen IT-Spezialisten fordert ein gerade verabschiedetes Positionspapier der GdP sofort 75. Insgesamt 2.500 zusätzliche Tarifbeschäftigte über fünf Jahre hatte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) der Polizei zugesagt. Aus diesem Versprechen sollten die 75 kommen. Die Stellen sind also da, doch es fehlt an lukrativen Angeboten. "Damit wir wirklich Top-Leute bekommen, müssen sie natürlich dementsprechend bezahlt werden", so der Sprecher. Denn derzeit verdienen diese Spezialisten 3.500 Euro Brutto - viel weniger, als sie in der Wirtschaft bekommen. Vielleicht, so das Papier, dass Reul am Freitag erhalten hat, müsse man auch über das Angebot einer Verbeamtung der Spezialisten nachdenken. Für die Zukunft sei eventuell auch ein spezieller Studiengang, quasi zu einer Art "Cyber-Cop" anzudenken, doch das habe derzeit nicht die oberste Priorität. Sicher ist hingegen, dass die Polizei in fünf Jahren ganz anders aussehen werde, sollten die Forderungen der GdP erfüllt werden. "Wir brauchen zum Beispiel IT-Forensiker, die sich nicht nur um Sexualverbrechen, sondern auch um die Auswertung von Verkehrsunfällen kümmern und die Blackboxen auswerten. Und das ist nicht das Ende der Fahnenstange, sondern erst der Anfang", so Hegger. Polizeiarbeit, wie es sie in Filmen gibt, ist möglich, aber fern der Realität Polizeiarbeit, wie sie in Serien und Kriminalfilmen häufig routinemäßig stattfindet, sei zwar möglich und wünschenswert, aber noch weit von der Realität entfernt. "Die NRW-Polizei fährt noch mit Block und Bleistift zur Unfallaufnahme. In Holland gibt es zum Beispiel Notebooks und Smartphones für die Polizisten. Letztere gibt es bei uns theoretisch auch, aber keine persönlichen, sondern allgemeine, die bereit liegen", sag der Sprecher der Gewerkschaft und ärgert sich über die Ressourenverschwendung: "Statt darüber selbst vor Ort die Person checken zu können, rennen wir zum Polizeifunk und buchstabieren den Namen, damit ein Kollege in der Leitstelle nachschauen kann." Beispiele dazu fallen Hegger genug ein. Von der Umgebungskarte, um Einbrecher eventuell schon auf der Flucht stellen zu können bis hin zur direkten Überprüfung einer Person auf der Straße. "Innenminister Reul denkt in die ähnliche Richtung wie wir und erkennt den erheblichen Handlungsbedarf", formuliert Hegger seinen Eindruck. Diesem hängt er die Hoffnung an, dass sich etwas ändern wird.

realisiert durch evolver group