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Mit der Erfahrung aus zwölf Jahren: Saaldienerin Marie Jung vor der Ahnengalerie des Landtags. - © Landtag NRW/Bernd Schälte
Mit der Erfahrung aus zwölf Jahren: Saaldienerin Marie Jung vor der Ahnengalerie des Landtags. | © Landtag NRW/Bernd Schälte

Düsseldorf Stets zu Diensten - Saaldiener im NRW-Landtag

Auf seine Saaldiener kann sich der nordrhein-westfälische Landtag auch vor der letzten Sitzungswoche des Jahres verlassen. Manchmal aber müssen sich die stillen Helfer gehörig strecken

Florian Pfitzner
11.12.2018 | Stand 11.12.2018, 11:56 Uhr

Düsseldorf. Tablett und Wasserglas, damit sieht man Marie Jung häufig im Landtag. „Gehört beides zu meinem Job", sagt sie und lächelt einem entgegen. Verlässt ein Abgeordneter das Redepult des Plenarsaals, steht sie für einen Moment im Mittelpunkt: Sie tritt nach vorne, räumt ein Glas ab, stellt ein frisches hin und verschwindet wieder hinter der grün-weiß-roten Gestaltung des nordrhein-westfälischen Landeswappens. Marie Jung zählt zu den stillen Helfern im Hintergrund des Hohen Hauses. Sie ist eine von acht Saaldienern im Düsseldorfer Landtag. Ihr Dienst beginnt um neun Uhr – eine Stunde, bevor der Präsident die Sitzung einläutet. „Ich komme mit dem Fahrrad zum Landtag und ziehe mich zunächst einmal um", erzählt Jung in ihrer eleganten Dienstkleidung: dunkelblauer Rock, dunkelblauer Blazer, weißes Hemd, weißes Halstuch. „Dann gehen wir gemeinsam in den Saal und bereiten den Tag vor." "Wer was trinkt, wissen wir mittlerweile" Es werden Getränkekisten angekarrt. Die Abgeordneten haben die Wahl zwischen Wasser mit und ohne Kohlensäure. „Wer was trinkt, wissen wir mittlerweile", sagt Marie Jung. Gar nicht so einfach bei 199 Abgeordneten. Abgesehen von den Mandatsträgern, den Regierungsmitgliedern, Referenten und Mitarbeitern der Landtagsverwaltung sind Jung und ihre Kollegen die einzigen, die eine Zugangsberechtigung für den Plenarsaal haben. Kaum jemand kommt dem Regierungschef, den Ministerinnen und Ministern so nah wie sie. Marie Jung findet das auch nach zwölf Jahren immer noch ein bisschen aufregend. Seit 2006 ist sie als Saaldienerin beschäftigt, vorher hat sie in der Landtagskantine gearbeitet. „Man hat mich damals abgeworben", sagt die 75-jährige Rheinländerin und lacht. Lange eine reine Männersache Lange war der Saaldienst eine reine Männerangelegenheit, bis die Verwaltung vor 25 Jahren auch Frauen zugelassen hat. Wer für den Plenarsaal eingeteilt ist, sitzt während der Redebeiträge in der Nähe des Präsidiums, an der Stirnseite des kreisrunden Streitforums. Wer an der Tür steht und den Zugang kontrolliert, hat bei der großen Zahl der Abgeordneten schwer zu tun. Marie Jung hat sich die Politiker eingeprägt. Gesichter könne sie sich ganz leicht merken, sagt sie, „und ich habe ein gutes Namensgedächtnis". Im Gegensatz zum Bundestag, wo die Mitarbeiter des sogenannten Plenarassistenzdienstes die Besucher auf den Tribünen einweisen, konzentrieren sich die Saaldiener am Rheinufer auf die Abgeordneten. Die Politiker sitzen aufgereiht in ringförmiger Anordnung gegenüber den Mitgliedern der Landesregierung. Um die Landtagsbesucher auf dem Emporenring, oberhalb des Plenarsaals, kümmert sich eine Sicherheitsfirma. Man muss sich ruhig verhalten, keine Transparente, kein Applaus, fotografieren verboten. Es ist schon vorgekommen, dass die Saaldiener einem Abgeordneten am Redepult ein Plakat wegnehmen mussten. Jeder habe sich hier an die Hausordnung zu halten, sagt Marie Jung und faltet streng die Stirn. Bezahlung nach Stunden Die Saaldiener werden nach Stunden bezahlt. Manchmal stehen drei Sitzungstage im Monat zu Buche, manchmal sechs. „Im Landtag frische ich meine Rente auf", sagt Jung, die zusätzlich in einem Museum jobbt. Die Sache mit dem Wasserglas kann im Übrigen manchmal schwierig werden. Das Pult lässt sich hoch und runter fahren, Abgeordnete wie der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion, Henning Höne, messen fast zwei Meter. „Da muss ich mich ganz schön strecken", sagt Marie Jung, 1,54 Meter. Empfängt der Präsident einen hohen Gast, bleibt die Saaldienerin entspannt. Und auch die Angst, vor aller Augen zu stolpern oder gar ein Glas vom Tablett rutschen zu lassen, die einige Mitarbeiter anfangs plagt, sei ihr völlig fremd. „So richtig nervös bin ich nie gewesen."

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