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Braunkohletagebau geplant Reportage aus dem Hambacher Forst: Kampf um jeden Baum

Die Polizei hat die ersten Hütten und Plattformen der Umweltschützer abgerissen. Ein „Geschmäckle“ habe die Begründung für den Großeinsatz, sagen Aktivisten

Florian Pfitzner
14.09.2018 | Stand 14.09.2018, 11:44 Uhr |

Kerpen-Buir. Angestrengt klammert sich eine Aktivistin an die riesige dreibeinige Holzkonstruktion. Über Nacht war das gewaltige Stativ auf einer Waldlichtung am Tagebau Hambach aufgestellt worden. Seit Stunden harrt die Frau nun auf der Plattform aus, um die Räumung im Hambacher Forst lahmzulegen. Sie hat lange ausgehalten, langsam schwinden die Kräfte. Ihre Freunde jubeln ihr aus den Wipfeln zu, als eine Sondereinheit der Polizei mit einer Hebebühne hinauffährt. Er scheint nur vorläufig gezähmt, der „zivile Ungehorsam". Früh am Morgen haben die Polizei und der Energiekonzern RWE schweres Gerät aufgefahren, um die Baumhäuser zu zerlegen. Es ist der Beginn eines der größten Polizeieinsätze in der nordrhein-westfälischen Geschichte: Über den Tag gehen 3.500 Polizisten in den verregneten Wald. „Mehr als zweimal so viel wie an einem Spieltag in der Bundesliga", sagt der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in NRW, Michael Mertens. Mehrere Hundertschaften sind vorgerückt, Landes- und Bundespolizei, sogar ein Spezialeinsatzkommando. Aktivisten werfen dem Land "faule Tricks" vor Der Hambacher Forst gehört RWE, unter ihm liegen 1,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Klimaschützern gilt der Wald längst als Symbol für ihren Widerstand. Begründet wurde die Räumung nun allerdings nicht mit dem geplanten Braunkohleabbau – das Landesbauministerium argumentiert mit Brandschutzvorschriften und der „Gefahr für Leib und Leben". Brandschutz, jetzt? Hat schon ein gewisses Geschmäckle, meint Antje Grothus von der Initiative „Buirer für Buir". Die Landesregierung hantiere mit „faulen Tricks", um „Fakten zu schaffen", sagt die Anwohnerin aus der Region, in „vorauseilendem Gehorsam für den RWE-Konzern". Kurz nach Auftakt des Polizeieinsatzes gehen beim Kölner Verwaltungsgericht zwei Eilanträge ein. Womöglich wird die Räumung noch gestoppt, vorerst aber läuft sie schwergängig an. Polizeikletterer steigen hinauf zur Aktivistin. Unter dem hohen Holzgerüst haben sie ein Luftkissen aufgeblasen, falls jemand abstürzt. Trotz ihres Trainings sei der Einsatz „in so einer Höhe eine echte Herausforderung", sagt GdP-Chef Mertens. Das Höhenteam sichert die Frau mit Seilen und führt sie auf die Hebebühne. „Was soll denn das?!", röhrt es empört aus dem Wald. „Hört auf mit der Scheiße!" Der Aktivistin werden Handfesseln angelegt, auf Knien wird sie zu den Einsatzwagen geschleift. Im Wald des Widerstands hoffen sie auf die große Mobilisierung Im rheinischen Revier steigen aus den Kraftwerken so hohe Mengen an Treibhausgasen in den Himmel wie nirgendwo in Europa. Die Verstromung der Braunkohle ist jedoch vertraglich festgelegt. Die damals rot-grüne Landesregierung hatte 2016 der Abholzung der letzten 200 Hektar Wald stattgegeben. Jede geförderte Tonne sei „ihre Kohle", hält Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) den Grünen nun regelmäßig vor. Aus Sicht der Landesregierung und der SPD haben die Grünen deshalb ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn sie heute zum friedlichen Protest im „Hambi" aufrufen. Die Landesvorsitzende der Öko-Partei, Mona Neubaur, sieht in der Räumung „zum jetzigen Zeitpunkt, unter dem fadenscheinigen Vorwand des Brandschutzes, eine unverantwortliche Provokation". Die Landesregierung habe sich „offensichtlich entschieden, den Weg des gesamtgesellschaftlichen Konsenses bei der Braunkohle zu verlassen". Laschets Behauptung, er sei beim Kohle-Konflikt außen vor, „ist mit dem heutigen Tag widerlegt". Als die Polizei kurz abgelenkt scheint, springt eine Aktivistin über ein Flatterband und rennt zur Waldlichtung. Sofort stürzen sich fünf, sechs Beamte auf die Frau. Sie gehen nicht zimperlich mit ihr um, halten sie im Nacken, führen sie grob ab. Man habe sich hier gegenseitig zuletzt richtig Ärger gemacht, rechtfertigt ein Polizeisprecher. In der Tat flogen Steine und Brandflaschen, es gab verletzte Polizisten. Im Wald des Widerstands hoffen sie auf die große Mobilisierung, manche auch auf eine gewisse Militanz. Es gibt wieder Schüsse mit Zwillen auf einen Abgeordneten und Polizisten, außerdem Steinwürfe, erneut fliegen Molotowcocktails, sagt die Polizei. „Friedlicher Protest sieht anders aus."

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