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Aus Rheda-Wiedenbrück: Andreas Westerfellhaus sucht gerade nach einer Zweitwohnung in Berlin. - © Foto: ANDREAS FRÜCHT
Aus Rheda-Wiedenbrück: Andreas Westerfellhaus sucht gerade nach einer Zweitwohnung in Berlin. | © Foto: ANDREAS FRÜCHT

Gütersloh/Berlin Spahns Berater fordert Pflege-Aktionsplan

Miriam Scharlibbe
20.03.2018 | Stand 20.03.2018, 11:21 Uhr

Gütersloh/Berlin. Es gibt wenige Arbeitsorte in Ostwestfalen-Lippe, die auf den ersten Blick so idyllisch wirken, wie das Gelände des LWL-Klinikums in Gütersloh. Mitten in der Stadt verteilen sich die Gebäude in einem Park, an dessen Ende sich sogar ein Tiergehege anschließt. Andreas Westerfellhaus will diese Idylle eintauschen - gegen das politische Haifischbecken Berlin. Mittwoch wird der Mann aus Rheda-Wiedenbrück aller Voraussicht nach auf Vorschlag des neuen Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU) zum Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung gewählt. Der Ostwestfale hat sich viel vorgenommen: Er will nicht weniger als die Reform des deutschen Pflegesystems. Bis 2017 Präsident des Deutschen Pflegerats Seit der Bekanntgabe der Personalie Westerfellhaus steht im Haus 20 an der Hermann-Simon-Straße in Gütersloh das Telefon nicht mehr still. Glückwünsche, Interviewanfragen und auch die ersten Anliegen von Patienten erreichen den 61-Jährigen, der derzeit noch Geschäftsführer der von ihm gegründeten Zentralen Akademie für Gesundheitsberufe, kurz ZAB, ist. Das Gesundheitsministerium hat Nachfragen zum Lebenslauf, den das Kabinett am Mittwoch vorgelegt bekommt. Die Antworten: Westerfellhaus ist römisch-katholisch, verheiratet und hat drei Kinder. Bis September 2017 hatte der CDU-Politiker, der viele Jahre Mitglied des Gütersloher Kreistags war, acht Jahre lang als Präsident des Deutschen Pflegerats eine einflussreiche Stimme. Die will er jetzt als Pflegebevollmächtigter erneut erheben. Es ist ein Amt, das 2014 neu geschaffen wurde und noch mit dem des Patientenbeauftragten gekoppelt ist - ob das auch für Westerfellhaus gilt, ist noch offen. Der Pflegebevollmächtigte ist zuständig für die Belange Pflegebedürftiger, ihrer Angehörigen und der Pflegekräfte. Er soll sich auch für gute Arbeitsbedingungen einsetzen. Ein Schild im Büro: "Großbaustelle Gesundheitswesen" Westerfellhaus gilt als Mann der Praxis und als Freund des offenen Wortes. In seinem Bücherregal findet sich neben Fachliteratur, Familienfotos und Staubfängern ein gelbes Schild. "Großbaustelle Gesundheitswesen" steht darauf. Es wirkt wie eine Mahnung an ihn selbst, immer wieder den Finger in die Wunde der Branche zu legen, der er sein gesamtes Berufsleben gewidmet hat. Und er hört nicht auf: "Wir stehen in Deutschland vor einer Riesenaufgabe: Wir haben einen gigantischen Fachkräftemangel in der Pflege." Aktuell müssten Kliniken Stationen schließen, weil Patienten nicht versorgt werden können, und Pflegedienste stoppen die Aufnahme von Patienten. Der Deutsche Pflegerat geht davon aus, dass aktuell 60.000 Fachkräfte in deutschen Krankenhäusern fehlen. Westerfellhaus: "Darum brauchen wir einen nationalen Aktionsplan Pflege." "Der Pflege-Tatort aus Bremen war nicht übertrieben" Westerfellhaus selbst spricht den viel diskutierten Bremer Tatort "Im toten Winkel" an. In dem ARD-Krimi spielten mit der Pflege ihrer Angehörigen überforderte Menschen die eigentlichen Hauptrollen. "Die geschilderte Not war nicht übertrieben dargestellt", findet Westerfellhaus. "Die Ängste sind in Deutschland real." Pflegebedürftigkeit könne jeden Menschen in jeder Lebenslage treffen. "Darum muss man sich darauf verlassen können, in Deutschland ausreichend versorgt zu werden. Viele haben aber genau dieses Vertrauen verloren", sagt Westerfellhaus, der selbst in den 1970er Jahren die Ausbildung zum Krankenpfleger absolvierte. "Viele Angehörige fühlen sich alleine gelassen. Dabei sind genau diese Angehörige eigentlich der größte ambulante Pflegedienst Deutschlands." Vielerorts werde Pflege im Dauerlauf absolviert: "Haustür rein, Haustür raus und der Mensch, der die ganze Zeit wartet, bekommt kaum Zeit, um mit der Pflegekraft zu sprechen." Im Krankenhaus würden Pflegende selbst krank, weil sie zu viel in zu kurzer Zeit mit zu wenig Personal leisten müssten. Die Folge: Viele flüchten sich in Teilzeit oder verlassen den Beruf. 50.000 Pflegekräfte seien seit 2009 auf diesem Weg "verloren gegangen". Westerfellhaus spart nicht mit drastischen Vergleichen: "Dieser Exodus muss gestoppt werden." "Jens Spahn und ich kennen uns seit 15 Jahren" Er fordert eine Reform des Systems, damit Pfleger, die ihren Job hingeschmissen haben, zurückkommen. Außerdem müssten sich Kliniken mehr in der Ausbildung engagieren. Ab 2020 kommt die Generalistische Pflegeausbildung in Deutschland. Die Trennung zwischen Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege wird aufgehoben. Aber auch dann sei die Umsetzung entscheidend. "Es kann nicht sein, dass eine Krankenschwester mit einer Schülerin nachts 40 Patienten versorgt." Ein weiteres Problem sieht Westerfellhaus in zu viel Bürokratie und unsinnigen Regeln. "Pfleger können viel, dürfen aber längst nicht alles." So müsse eine Krankenschwester zum Beispiel bei einem älteren, dehydrierten Patienten zum Anlegen einer Kochsalzlösung einen Arzt rufen. In Westerfellhaus Augen ist das "Ressourcenverschwendung". Klar sei, all seine Ideen werden Geld kosten. Westerfellhaus stellt sich auf Diskussionen ein. Aber: "Jens Spahn und ich kennen uns seit 15 Jahren. Er wusste genau, wen er sich da für das Amt holt", sagt der Ostwestfale und legt nach: "Es kann nicht sein, dass eine Altenpflegerin schon während ihres Berufslebens weiß, dass es für ihre eigene Versorgung nicht reichen wird. Da muss der Staat mit Leistungen einspringen." Und ja, natürlich müssten Pfleger besser bezahlt werden. "Inzwischen verlangt ein Handwerker den fünffachen Stundenlohn von dem eines Pflegers. Da hat sich etwas massiv verschoben."

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