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Bedrohlich: In Klassenräumen kommt es immer häufiger zu Übergriffen auf Lehrer. Schüler greifen Lehrer vermehrt an, verbal und körperlich. - © dpa
Bedrohlich: In Klassenräumen kommt es immer häufiger zu Übergriffen auf Lehrer. Schüler greifen Lehrer vermehrt an, verbal und körperlich. | © dpa

Herford Eine Lehrerin aus OWL berichtet von Gewalt in der Schule

Jede vierte Lehrkraft wurde schon Mal von einem Schüler angegriffen. Eine Lehrerin aus OWL berichtet von verbalen und körperlichen Übergriffen. Die 29-Jährige beklagt die Tabuisierung des Themas

Carolin Nieder-Entgelmeier
23.11.2016 | Stand 23.11.2016, 11:19 Uhr

Herford. Sportunterricht an einem Gymnasium: Lehrerin Katharina Ludwig erklärt ihren Schülern Turnübungen am Reck, ein Schüler scheitert bei einem Aufschwung und attackiert Ludwig. Der 14-Jährige rastet aus, beschimpft, schubst und tritt seine Lehrerin, bis sie auf die Turnmatte fällt. Für Ludwig ist das nur ein Zwischenfall von vielen, denn der 29-Jährigen geht es so wie vielen anderen Lehrern, die Opfer von physischer und psychischer Gewalt geworden sind. Aus der ersten repräsentativen Umfrage zur Gewalt gegen Lehrkräfte geht hervor, dass Schüler immer häufiger verbal und auch mit der Faust gegen Lehrer austeilen. Sechs von 100 Lehrkräften sind von Schülern schon einmal körperlich angegriffen worden. Psychische Gewalt wie Bedrohungen, Beleidigungen oder Beschimpfungen hat bereits jede vierte Lehrkraft erlitten. Der Auftraggeber der Umfrage, der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE) kennt das Problem, ist aber von der Größenordnung überrascht. „Respekt vor dem anderen, insbesondere vor Autoritäten, gibt es nicht", moniert der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann. Die Gründe für die zunehmende Gewalt liegen nach Einschätzung des Paderborner in der allgemeinen Verrohung der Gesellschaft. „Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Schule wider, doch für viele ist Gewalt gegen Lehrer ein Tabuthema." Diese Einschätzung teilen auch Katharina Ludwig und ihre Schulleiterin Andrea Schütthoff (beide Namen von der Redaktion geändert). Die Pädagoginnen möchten anonym bleiben und weder ihre Namen, noch den Namen der Schule, öffentlich machen. „Die Angst, dass die Schule einen schlechten Ruf bekommen könnte, ist einfach zu groß", sagt Schütthoff. „Außerdem haben wir die Erfahrung gemacht, dass Schüler und Eltern Lehrer als schwach empfinden und noch stärker angreifen, wenn sie Gewalt offen ansprechen." Das gelte für junge und erfahrene Lehrer ebenso wie für Männer und Frauen des Kollegiums. Ludwig arbeitet seit eineinhalb Jahren als Sport- und Biologie-Lehrerin an dem Gymnasium im Kreis Herford. Die 29-Jährige tritt selbstsicher auf, spricht mit lauter und fester Stimme und gibt klare Regeln im Unterricht vor. „Meine Schüler schüchtern mich nicht ein, doch in jeder Klasse gibt es aggressive Jugendliche, die sich nicht im Griff haben." Besonders häufig werde sie beschimpft. „Beleidigungen wie Schlampe, Nutte oder Hure sind fast immer dabei, übrigens von Mädchen und Jungen." Beim Versuch eine Schimpftirade zu unterbinden, habe sie ein Schüler bespuckt und sich anschließend von seinen Freunden feiern lassen. „Bei Elternsprechtagen erfahre ich häufig, warum es manchen Jugendlichen an Respekt fehlt, denn die Eltern stehen ihren Kindern in nichts nach", sagt Ludwig. „Wenn Eltern mit Noten nicht einverstanden sind, dann fragen sie nicht nach den Gründen, sondern schreien mir Beschimpfungen entgegen." Die vermeintlich besonders engagierten Eltern drohen zudem gerne mit Beschwerden bei der Schulleitung oder Anwälten. Auch Unterrichtsinhalte führen häufig zu Auseinandersetzungen. „Wenn Eltern nicht wollen, dass ihre Töchter im Biologieunterricht über Sexualität sprechen oder am Schwimmunterricht teilnehmen, werden sie schnell aggressiv." Häufig begründen solche Eltern ihr Verhalten mit religiösen Motiven. Ludwig habe bereits während ihres Referendariats an einem anderen Gymnasium im Kreis Herford muslimische Eltern und Schüler kennengelernt, die ihr nicht nur den Handschlag verweigern, sondern auch sexistisch beschimpfen. „Ich musste mir bereits mehrfach anhören, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts nicht für den Lehrerberuf geeignet seien." Auch Bedrohungen spielen bei solchen Auseinandersetzungen eine Rolle. „Mehrere Väter haben mir mit Übergriffen gedroht und mir offen zu verstehen gegeben, dass sie wissen, wo ich lebe und welchen Weg ich mit dem Fahrrad dorthin fahre." Bedrohungen wie diese und andere Angriffe meldet Ludwig ihrer Schulleitung. „Extremfälle wie körperliche Angriffe zeigen wir auch bei der Polizei an, doch leider wird Gewalt gegen Lehrkräfte in der Öffentlichkeit noch immer als privates Problem der Pädagogen gesehen", so Schütthoff.

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