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Präses Annette Kurschus: „Luthers Freiheitsbegriff bleibt aktuell." - © Andreas Fruecht
Präses Annette Kurschus: „Luthers Freiheitsbegriff bleibt aktuell." | © Andreas Fruecht

Bielefeld Annette Kurschus: „Luther taugt nicht zum Helden“

Luther-Jahr: Westfalens Präses im Interview

Carsten Heil
31.10.2016 | Stand 31.10.2016, 07:01 Uhr
Thomas Seim

Lothar Schmalen

Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, spricht im Interview über das beginnende Jubiläumsjahr, die Bedeutung des großen Reformators Martin Luther und die Chancen der Ökumene von protestantischen und katholischen Christen. Frau Präses, beginnt heute ein protestantisches Jahr in Deutschland? Annette Kurschus: So würde ich es nicht formulieren. Es ist ja kein Zufall, dass wir das Jahr mit einer ökumenischen Pilgerreise ins Heilige Land eingeleitet haben. Bei allem, woran wir uns in dem Jubiläumsjahr als protestantische Kirche erfreuen und wofür wir dankbar sind – wir wollen das Reformationsjubiläum nicht ohne unsere katholischen Geschwister feiern. Sind denn 500 Jahre Kirchenspaltung nicht genug? Kurschus: Die Kirchenspaltung war ja nicht das Ziel der Reformation. Luther wollte seine – die katholische! – Kirche an Haupt und Gliedern zurückführen auf ihr Fundament, Jesus Christus. Daraus wurden dann die Trennung und der Weg einer neuen Kirche. Heute ist es katholischen und evangelischen Christen längst selbstverständlich, sich nach vielen gegenseitigen Verletzungen wieder stärker auf das Gemeinsame und Verbindende zu besinnen. Gerade deshalb können und wollen wir das Trennende nicht leugnen, das schmerzlich bleibt. Der entscheidende Punkt ist das unterschiedliche Amtsverständnis, woraus sich vieles andere ableitet, zum Beispiel, dass wir aus katholischer Sicht bis heute nicht gemeinsam Abendmahl feiern können. Das klingt aber jetzt sehr formal... Kurschus: Wir feiern gemeinsame Gottesdienste, wir starten gemeinsame Initiativen, wir haben eine gemeinsame Haltung in der Flüchtlingsfrage und wir erheben gemeinsam unsere Stimme, wo wir es aus unserem gemeinsamen christlichen Glauben heraus für geboten halten. Es gibt Einigkeit in vielen Fragen – trotz bestehender Unterschiede. Wir müssen auch nicht gleichförmig werden. Für mich ist nicht die institutionelle Einheit das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen, sondern dass wir gemeinsam auf dem Weg bleiben und uns gegenseitig achten. Papst Franziskus revolutioniert die katholische Kirche und setzt neue Themen. Hat auch das Auswirkungen auf die Ökumene? Kurschus: Franziskus führt das Amt als ein Seelsorger, weniger als ein theologischer Lehrer wie sein Vorgänger. In Gesprächen wird mir deutlich, dass dies Auswirkungen auf meine katholischen Amtsbrüder hat. Nach anfänglichem Befremden spüre ich bei vielen eine dankbare Zustimmung zu diesem neuen Weg. Er ermutigt sie offenbar, sich auch selbst mehr zu öffnen. Kurz gesagt: Ich bin zuversichtlich, dass sich auf längere Sicht in Sachen Ökumene einiges bewegt. Wir würden Sie Martin Luther und sein Wirken heute würdigen? Kurschus: Wir feiern im Jubiläumsjahr nicht Luther, sondern die Reformation als Bewegung, die bis heute entscheidende Auswirkungen auf Kirche und Gesellschaft hat. Neben Luther mit seinen zweifellos maßgeblichen Anstößen gab es zahlreiche andere Persönlichkeiten, die mit ihren eigenen Akzenten die Bewegung geprägt, vorangebracht und weit über Deutschland hinaus in die Welt getragen haben. Ich nenne als ein Beispiel von vielen Johannes Calvin. Martin Luther war in mancher Hinsicht genial; zu den herausragenden Fähigkeiten gehörte seine faszinierende Sprachbegabung. Dadurch hat er die deutsche Sprache wesentlich beeinflusst und bereichert. Er hat darüber hinaus unser modernes Denken geprägt und neues Licht auf das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft geworfen. Daneben gab es bei Luther auch schlimme Verirrungen. Was er beispielsweise über „die Juden" oder gegen „die Türken" gesagt hat, ist und bleibt verheerend. Das kann und darf man nicht schönreden. Auch manche seiner Äußerungen über „die Frauen" sind nichts, worauf wir stolz sein können. Luther taugt nicht zum Helden, und er wollte auch nie einer sein. Ist der Reformator nicht ein gutes Beispiel für klare Ansprache und müsste die evangelische Kirche heute nicht noch deutlicher Stellung gegen Pegida und gegen die AfD beziehen? Kurschus: Wir sind sehr deutlich. Wir treten klar für Menschen fremder Herkunft ein und engagieren uns tatkräftig dafür, dass sie bei uns mit Respekt und Achtung aufgenommen werden. Hier ist unsere Haltung (katholisch wie evangelisch!) eindeutig. Mich beschäftigt die Frage, wie es sein kann, dass Menschen platte Hassparolen verbreiten, Hetze betreiben, Stimmung gegen Fremde machen und sich dabei voller Überzeugung auf das Christentum berufen. Dies erschreckt mich zutiefst. Ich möchte wissen, was da passiert ist, dass es zu solch grausamer Verirrung kommt. Deshalb halte ich es für falsch, den Gesprächsfaden mit Menschen, die eine für mich nicht zu akzeptierende Haltung einnehmen, gänzlich abzuschneiden. Kann ein Christ denn überhaupt mit gutem Gewissen AfD wählen? Kurschus: Ich könnte es nicht. Aber ich muss einigermaßen ratlos wahrnehmen, dass es Menschen gibt, die ausdrücklich als Christen zur AfD halten. Ich kann das nicht nachvollziehen, will aber wissen, was diese Menschen dazu veranlasst. Sind Sie denn nicht besorgt über die Stärke der AfD? Kurschus: Ja, ich bin besorgt. Vor allem darüber, dass Hassreden und rohe Sprache einen offenen gesellschaftlichen Diskurs verdrängen. Mit der Angst der Menschen vor dem Fremden wird Politik gemacht. Die damit verbundene Emotionalisierung verhindert das sachliche Gespräch. Ohne Frage: Wir müssen die realen Ängste und Befürchtungen, die viele empfinden, ernst nehmen. Es gibt Schwierigkeiten, und es wäre unredlich, sie zu verschweigen. Zugleich gilt es, diejenigen zu ermutigen und zu unterstützen, die sich weiterhin mit ungebrochenem Einsatz für geflüchtete Menschen engagieren. Denn auch das sollten wir dankbar registrieren: Trotz der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit lässt die Hilfsbereitschaft in unserem Land – ich kann das immer wieder nur staunend von unseren Kirchengemeinden sagen! – nicht nach. Die Freiheit des Christenmenschen spielt bei Luther eine zentrale Rolle. Was sagt uns das heute noch? Kurschus: Die Freiheit bleibt ein aktuelles und ein hoch anspruchsvolles Thema. Frei sein von der Angst vor einem strafenden Gott, frei sein von dem Druck, sich selbst einen Wert verschaffen und dem eigenen Leben einen Sinn geben zu müssen, heißt für Martin Luther zugleich: Frei sein für die Welt und meine Mitmenschen. Anders gesagt: Befreit sein von der Sorge um sich selbst bringt Verantwortung für andere mit sich. Wann wäre das Reformations-Jahr für Sie ein gelungenes Jubiläum? Was wünschen Sie sich für die Kirche, für die Ökumene? Kurschus: Wenn am Ende des kommenden Jahres viele Menschen sagen könnten: „Ich bin gern und aus gutem Grund evangelisch", dann wäre das schon viel. Ich möchte dazu beitragen, dass Menschen sich ihres Glaubens neu bewusst werden – und damit den tragenden Grund ihres Lebens entdecken oder wiederentdecken. Meine Erfahrung ist: Wer auf solche evangelische Weise „selbstbewusst" ist, kann aufrecht und offen auf Menschen anderen Glaubens und anderer Überzeugung zugehen. Fröhliche und selbstbewusste Protestanten sind gut und hilfreich für die Ökumene.

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