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Arbeitet mit Mördern in der forensischen Psychiatrie: Nahlah Saimeh ist forensische Psychiaterin und Gutachterin vor Gericht. - © Barbara Franke
Arbeitet mit Mördern in der forensischen Psychiatrie: Nahlah Saimeh ist forensische Psychiaterin und Gutachterin vor Gericht. | © Barbara Franke

Lippstadt „Jeder kann zum Mörder werden“: Psychiaterin Nahlah Saimeh im Interview

Die Direktorin der forensischen Psychiatrie Lippstadt, spricht im Interview über ihre Arbeit im Maßregelvollzug und als Gutachterin

Carolin Nieder-Entgelmeier
02.06.2016 | Stand 02.06.2016, 18:42 Uhr |

Lippstadt. Nahlah Saimeh, die Direktorin der forensischen Psychiatrie Lippstadt, spricht im Interview über ihre Arbeit im Maßregelvollzug. Sie erklärt, warum Männer anders morden als Frauen, welche Rolle Macht beim Töten spielt und wie Gewaltopfer zu Tätern werden. Frau Saimeh, eine ihrer Thesen besagt, dass jeder zum Mörder werden kann. Warum wird es nicht jeder? Nahlah Saimeh: Lebenswege, Schicksale und Persönlichkeitsentwicklungen von Menschen verlaufen sehr unterschiedlich. Trotzdem können auch „normale" Menschen an einen Punkt kommen, einen Tatentschluss zu fassen. Der Schweizer Psychiater Frank Urbaniok unterscheidet zwischen Persönlichkeitstätern und Situationstätern. Situationstäter sind nicht grundsätzlich gewaltbereit, sondern nur in extremen Situationen, in die grundsätzlich jeder gelangen könnte. Aber die Schwelle zur massiven Gewaltbereitschaft ist individuell unterschiedlich hoch. Gibt es Indizien, an denen man Mörder erkennen kann? Saimeh: Nein. Sie können einem Menschen nicht ansehen, was er getan hat. Es gibt aber konkrete Faktoren, die das Wiederholungsrisiko für schwere Gewaltstraftaten individuell gut beschreiben lassen. Die Motive, warum Menschen töten, sind ja sehr unterschiedlich: Rache, Eifersucht, Wut, Kränkung, Habgier, Konkurrenzvernichtung, Überforderung und viele mehr. Medial werden Mörder oft zu Monstern stilisiert. Kann man das Monster Mördern ansehen? Saimeh: Taten können monströs sein. Menschen können sie so etwas aber nicht ansehen. Ich spreche mit vielen Gewaltstraftätern. Oberflächlich betrachtet unterscheiden sie sich im Gespräch nicht sonderlich von anderen Menschen, sofern sie nicht an einer psychischen Krankheit leiden. Nachbarn zum Beispiel bekommen oft gar nichts mit oder haben eine andere Wahrnehmungsschwelle für Gewalttätigkeit. Ich erinnere mich an einen Fall, wo eine Frau in ihrer Wohnung erstochen wurde. Die Nachbarn hörten Schreie, doch niemand nahm die Geräusche ernst, weil es im Haus öfters lautstarke Auseinandersetzungen gab. Morden Männer anders als Frauen? Saimeh: Ja. Nur zwölf Prozent aller Tötungsdelikte werden von Frauen begangen. Frauen töten mehr im direkten sozialen Umfeld. Und wenn sie ihren Partner töten, dann eher aus Habgier oder weil sie den Weg für einen anderen Mann frei machen wollen. Männer töten ihre Partnerinnen eher, um eine Trennung zu vermeiden. Welche Unterschiede gibt es bei sexualisierter Gewalt? Saimeh: Auch bei sexualisierter Gewalt sind Männer überrepräsentiert. Das liegt auch daran, dass abweichende sexuelle Präferenzen bei Männern häufiger vorkommen. Sexualstraftäter sind eine extrem unterschiedliche Tätergruppe. Es gibt nicht „den" Sexualstraftäter. Man muss zwischen Tätern mit einer sexuellen Abweichung und nicht per se sexuell gestörten Tätern unterscheiden. Bei einer sexuellen Abweichung wie Pädophilie ist das Delikt für das persönliche sexuelle Lusterleben bedeutsam. Es gibt auch pädosexuelle Frauen, aber nicht so viele. Beim sexuellen Missbrauch von Minderjährigen findet je nach Geschlecht von Täter und Opfer auch eine Umdefinition statt. Ich kenne Männer, die als Jugendliche in Heimen von Betreuerinnen missbraucht wurden. Diese Männer erzählten mir alle, dass sie sehr stolz waren, einer erwachsenen Frau zu gefallen. Meine Frage nach Missbrauch hat sie überrascht. Warum werden Gewaltopfer selber zu Gewalttätern? Saimeh: Wenn Menschen in ihrer frühen Entwicklungsphase massive Gewalt erleben, führt das zu einer fundamentalen Verunsicherung und zu der bitteren Lektion, dass man um alles kämpfen muss und sich nichts bieten lassen darf. Gewalttätige Erziehung verhindert die Ausbildung einer vernünftigen Impulskontrolle und den vernünftigen Umgang mit Ärger und Wut. Es gibt zudem die Annahme, dass Gewalt sozial erlernt wird. Welche Rolle spielt Macht, wenn Gewalttäter töten? Saimeh: Es gibt Mörder, die in einem Machtrausch töten. Das sind häufig Menschen, die im wahren Leben wenig Macht und Erfolg haben. In der Tatsituation selbst sind sie Herr über Leben und Tod und damit maximal mächtig. Ich kenne auch sehr gefühlskalte Täter, die einfach nur mal sehen wollten, wie jemand stirbt. Menschen, die aus einem Machtbedürfnis heraus morden, sind also erfolglos? Saimeh: Der talentierte Mr. Ripley, aus dem Patricia Highsmith Roman, als erfolgreicher, wohlerzogener, intelligenter Serienmörder ist eher selten. Ich kenne persönlich keinen. Der Frauenmörder Jack Unterweger aus Österreich, ein absoluter Psychopath, war wohl so ein Fall. Mörder sind nicht dumm, sie scheitern aber oft an ihrer kriminellen Lebensorientierung. Haben Sie dem Bösen schon Mal gegenübergesessen? Saimeh: Das Böse ist kein medizinischer, sondern ein moralischer Begriff. Ich verwende den Begriff daher nicht, auch wenn es natürlich Straftaten gibt, die ausgesprochen grausam sind. In der Arbeit mit meinen Probanden betrachte ich Persönlichkeitsstrukturen, Emotionsregulation, Denkmuster und Grundüberzeugungen, um zu prüfen, ob und wenn ja welche psychische Störung der Täterentwicklung zugrunde liegt und wie Schuldfähigkeit und vor allem auch das Wiederholungsrisiko einzuschätzen sind. Sie sind die Ärztliche Direktorin des Zentrums für forensische Psychiatrie in Lippstadt. Wie kommen Menschen zu Ihnen in den Maßregelvollzug? Saimeh: Die forensische Psychiatrie behandelt Menschen, die in Folge einer schweren psychischen Erkrankung Straftaten begangen haben und juristisch als erheblich vermindert schuldfähig oder gar schuldunfähig gelten und deshalb nicht bestraft werden können. Wir arbeiten ausschließlich mit Männern und Frauen, die von einem Landgericht zur Behandlung in die Psychiatrie untergebracht werden. Unser Auftrag ist, die Störung so zu behandeln, dass keine weitere Gefahr mehr von der Person ausgeht und, dass die Person wieder fähig ist, frei in der Gesellschaft zu leben. Maßregelvollzug ist also nur eine temporäre Unterbringung? Saimeh: Ja, das trifft zumindest auf 80 Prozent unserer Patienten zu. Es gibt aber eine kleine Gruppe von Menschen, deren Gefährlichkeit langanhaltend so hoch bleibt, dass es viel zu riskant wäre, sie zu entlassen. Das entscheidet jedoch ein Gericht. Die Patienten werden alle drei Jahre extern begutachtet. Haben Patienten während der Behandlung Kontakt nach draußen? Saimeh: Ja natürlich. Patienten haben ein Recht auf Besuch, solange sie Angehörige und Freunde haben, die weder dem Patienten noch der Therapie schaden. Patienten bekommen im Laufe der Therapie, wenn die Risikoeinschätzung positiv ist, auch Lockerungen wie begleitete Ausgänge. Als Vorbereitung auf eine Entlassung gibt es auch unbegleitete Ausgänge, damit Patienten das, was sie in der Therapie gelernt haben, im Alltag umsetzen können. Das ist wichtig, weil das Leben in einer Klinik dem Leben unter einer Käseglocke gleicht. Sie arbeiten als Gutachterin und bewerten die Schuldfähigkeit und das Gefahrenpotenzial von Mördern. Wie sicher sind sich bei ihren Prognosen? Saimeh: Es geht darum, für jeden Täter individuell eine Art Landkarte der Risikoberge und Risikotäler zu beschreiben und auch auf vergleichbare Tätergruppen mit bekannten statistischen Rückfallraten zurückzugreifen. Diese Risikoprofile entsprechen allerdings keiner TÜV-Plakette und sind keine Wahrsagerei. Sie können das Leben eines Menschen nicht exakt über Jahrzehnte hinweg vorhersagen. Haben Sie Angst vor falschen Prognosen? Saimeh: Wenn ich zum Beispiel sagen würde: Herr X begeht bestimmt keine Straftat mehr, wäre das töricht. Ich zeige auf, was Herr X zu einem Straftäter gemacht hat. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber, ich bin mir meiner Verantwortung gegenüber den Menschen, die ich begutachte, als auch gegenüber der Gesellschaft und der Justiz jedoch sehr bewusst. Doch ob ein Täter freigelassen oder untergebracht wird, ist nicht meine Entscheidung, sondern die der Justiz. Das ist die Rollenverteilung im Rechtsstaat. Wie begutachten sie Straftäter, die nicht mit ihnen reden? Saimeh: Darüber bin ich immer unglücklich. Gutachten nach Aktenlage sind niemals so gut, wie Gutachten, die auch auf Gesprächen beruhen. Gutachter sind jedoch dazu verpflichtet Prognosen zu erstellen, wenn sie den Auftrag haben, auch wenn Täter das Gespräch ablehnen. Dann müssen sie die Grenzen ihrer sachverständigen Erkenntnis darlegen. Ein Gutachten soll so etwas sein wie ein sehr gut geschnittener Maßanzug.

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