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Noch mehr als 50 Jahre nach Bundeskanzler Ludwig Erhard fordern viele Bürger "Wohlstand für alle". Dirk Loerwald analysiert wie das funktionieren kann. - © FOTO: CHRISTIAN WEISCHE
Noch mehr als 50 Jahre nach Bundeskanzler Ludwig Erhard fordern viele Bürger "Wohlstand für alle". Dirk Loerwald analysiert wie das funktionieren kann. | © FOTO: CHRISTIAN WEISCHE

"Armut ist relativ"

Versprechen Wohlstand: Ökonom Dirk Loerwald beim Dietrich-Kramer-Symposium

VON MIRIAM SCHARLIBBE
20.09.2013 | Stand 19.09.2013, 08:52 Uhr

Bielefeld. 1957 forderte Ludwig Erhard "Wohlstand für alle". Heute feiern die einen die Soziale Marktwirtschaft als Erfolgsmodell, andere machen den Markt verantwortlich für die Kluft zwischen Arm und Reich. Doch die im Wahlkampf gepriesenen Mittel zur Armutsbekämpfung verfehlen oft ihre Wirkung. Davon ist Dirk Loerwald, Professor an der Universität Oldenburg, überzeugt. In der Bielefelder Hechelei erklärte der Ökonom beim Dietrich Kramer Symposium, wie die Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland politisch gesteuert wird.

"Uns Ökonomen wird oft vorgeworfen kaltherzig zu sein", sagte Loerwald. Deswegen sei das Thema der vom Verein Gildenhaus und dem Unternehmerverband der Metallindustrie OWL initiierten Veranstaltung "Armut und Reichtum in Deutschland" eine Herausforderung. Doch Loerwald nahm an und stellte sich den fragenden Blicken aus 250 Schüler-, Studenten- und Unternehmergesichtern.

Armut werde nach Adam Smith, dem Vater der klassischen Marktwirtschaft, als Mangel an Wohlstand definiert, erklärte Loerwald. Und Wohlstand gelte in unserer heutigen Gesellschaft als höchstes Ziel. Doch Reichtum habe viele Gesichter: Verschroben und geizig wie Dagobert Duck in seinem Geldspeicher, bösartig wie die Bosse in Filmen oder doch faszinierend wie bei der Fernseh-Familie namens Geissens. Reichtum fasziniere und funktioniere als Quotenbringer. "Wenn wir schon selbst nicht reich sind, gucken wir gerne zu, wie andere versuchen, es zu werden."

Gerade im Wahlkampf werde unter dem Schlagwort "Soziale Gerechtigkeit" viel über Umverteilung gesprochen. "Aber populistische Werkzeuge wie der Mindestlohn oder die Vermögenssteuer bringen nicht viel", sagte der Ökonom. "Ich weiß nicht, ob ein alleinstehender Facharbeiter mit einem Jahresgehalt von 54.000 Euro wirklich als reich zu bezeichnen ist." Sinnvoller sei es, den Spitzensteuersatz oder die Einkommensteuer zu überdenken. Denn wer darüber nachdenke, das Vermögen der Bürger anzugreifen, müsse auch entscheiden, wie die Grenzen verlaufen. "Dass jemand sein Diamantencollier veräußern muss, bevor er Sozialhilfe beantragt, versteht jeder, aber wie ist das zum Beispiel mit dem Ehering?"

Der Begriff "Reichtum" bekomme bei solchen Überlegungen eine neue Definition. Nicht anders sei das mit der Armut. "Als arm gilt bei uns, wer weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens verdient", erklärte der Professor. Das ist in sehr armen Ländern ein ganz anderer Wert, als in sehr reichen." Armut, sei eben immer relativ.
So sah das wohl auch eine Zuhörerin. "Ich finde, Arm und Reich sollte man im Reisen erkunden", sagte eine Frau zu ihrem Gesprächspartner. "Wer in andere Länder fährt und sieht, was Armut dort bedeutet, kann doch nur dem lieben Gott dafür danken, wie gut es uns geht."


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