Rheda-Wiedenbrück Russen zeigen Tönnies die kalte Schulter

Importstopp mit fadenscheiniger Begründung verhängt

VON HUBERTUS GÄRTNER
Russen zeigen Tönnies die kalte Schulter - © Wirtschaft
Russen zeigen Tönnies die kalte Schulter | © Wirtschaft

Rheda-Wiedenbrück. Eigentlich hat Clemens Tönnies beste Kontakte nach Osteuropa. Als Aufsichtsratsvorsitzender von Schalke 04 handelte er 2011 einen millionenschweren Sponsorenvertrag mit dem russischen Energiegiganten Gazprom aus. Sogar Präsident Wladimir Putin gratulierte und ließ sich damals zusammen mit dem erfolgreichen Unternehmer aus Rheda-Wiedenbrück ablichten.

Auf seinem ureigenen Geschäftsfeld haben die Russen Tönnies nun aber die kalte Schulter gezeigt. Wie Sprecher Markus Eicher bestätigt, darf das Unternehmen seit dem 25. Juli kein gefrorenes Schweinefleisch mehr nach Russland liefern.
Dadurch drohen auch Deutschlands größtem Fleischkonzern wirtschaftliche Einbußen.

Insidern mag es längst bekannt sein, aber Außenstehende können es kaum glauben: Russische Veterinärbehörden kontrollieren regelmäßig die Schlachtbetriebe in Deutschland und stellen dort angeblich immer wieder gravierende Hygienemängel fest. Damit wird dann ein Exportverbot nach Russland begründet. Betroffen ist davon nicht nur der Tönnies-Konzern.

Einfuhstoppfür Fleischimporte

Von den zirka 80 Schlachthöfen, die in Deutschland eigentlich eine Zulassung für das Russlandgeschäft besitzen, dürfe derzeit "nur noch etwa eine Handvoll tatsächlich liefern", sagt Heike Harstick vom Verband der Fleischwirtschaft. Für Frischfleisch und Milch aus Bayern, Niedersachsen und NRW hatten die Russen bereits im Februar wegen angeblicher "Mängel im deutschen Veterinärsystem" einen Einfuhrstopp erlassen, der immer noch Geltung hat. Auch Schweinefleischimporten aus den USA, Brasilien, Spanien und anderen Staaten schoben sie einen Riegel vor.

Russen verhängen Einfuhrstopp. - © SYMBOLFOTO: DPA
Russen verhängen Einfuhrstopp. | © SYMBOLFOTO: DPA

Die Russen "wollen ihren eigenen Markt aufbauen und schützen", sagt Harstick. Um nicht offenen Protektionismus zu betreiben, würden die Gründe für die Importstopps an den Haaren herbeigezogen. "Mal sind es Salmonellen, mal sind es andere Bakterien", sagt Harstick. In gefrorenem Tönnies-Fleisch wollen russische Kontrolleure sogenannte coliforme Keime festgestellt haben. Die Schlachtbetriebe des Konzerns in Weidemark in Sögel und in Weißenfels wurden schon im Juni für den Russland-Export gesperrt. Jetzt trifft es auch Rheda-Wiedenbrück.

Mit den rigiden Maßnahmen werden die Mitarbeiter in den deutschen Veterinärbehörden von ihren russischen Kollegen als "Flaschen" hingestellt. So sind beim Veterinäramt des Kreises Gütersloh rund 100 Fachleute angestellt, die im Schichtsystem am Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück kontrollieren. In der letzten Zeit habe man dort "keine hygienischen Mängel festgestellt", teilte der Kreis mit. Konkrete Gefährdungen könnten coliforme Keime ohnehin kaum auslösen. Die von den russischen Behörden veranlassten Sperrungen seien "fachlich sehr selten nachzuvollziehen", so der Kreis.

Alternative Absatzmöglichkeiten

In seinem Konzern produziere nur der Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück für den russischen Markt, sagte Tönnies-Geschäftsführer Josef Tillmann dieser Zeitung. Zirka 2.500 Tonnen Schweinefleisch würden pro Woche dorthin geliefert. Wenn Russland die Ware nicht mehr abnimmt, stünde in Rheda-Wiedenbrück pro Woche ein Schlachttag (25.000 Schweine) zur Disposition.

Deshalb werde man "alles tun", damit der Importstopp so schnell wie möglich wieder aufgehoben wird, sagte Tillmann. "Etwa fünf Prozent unserer Schweinefleischproduktion gehen nach Russland", sagt Tönnies-Sprecher Markus Eicher. Man habe aber alternative Absatzmöglichkeiten in Japan, Korea und auf den Philippinen. Tönnies plant, selbst Schlachthöfe in Russland zu bauen.

Doch die seien "noch nicht fertig". Existenziell werde sich der russische Importstopp für den Tönnies-Konzern nicht auswirken, sagt Eicher. Sollten die Russen allerdings ihre Grenzen länger dicht machen, dann könnte es auf dem Fleischmarkt zu Verwerfungen kommen.

Viele deutsche Schlachtbetriebe hätten von den russischen Behörden "die Nase voll", sagt Heike Harstick vom Fleischwirtschafts-Verband. Beim holländischen Fleischkonzern Vion sieht das wohl anders aus. Laut einheimischen Medien hat der große Tönnies-Konkurrent Vion letzten Woche an zwei Standorten die Zulassung für den russischen Markt erhalten. Zufall?
      

Copyright © Neue Westfälische 2018
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group