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Bad Oeynhausen/Berlin Balda: Putsch gescheitert

Außerordentliche Hauptversammlung endet ohne Beschluss

VON MARTIN KRAUSE
20.07.2013 | Stand 19.07.2013, 16:45 Uhr
Putsch bei Balda gescheitert - © Wirtschaft
Putsch bei Balda gescheitert | © Wirtschaft

Berlin/Bad Oeynhausen. Das Publikum im Souterrain des Berliner Ludwig-Erhard-Hauses gluckste und klatschte, als ein älterer Herr den breiten Widerstand gegen Balda-Großaktionär Thomas van Aubel auf den Punkt brachte: "Wir wollen es uns nicht gefallen lassen, dass die Gesellschaft seeräubermäßig ausgebeutet wird", knurrte Bernd Günther in Hamburger Direktheit. Zu diesem Zeitpunkt stand bereits fest, dass die Hauptversammlung nicht beschlussfähig war und ergebnislos enden würde.

Der freundliche Herr Günther (71) ist selbst nicht jedermanns Liebling, er gilt als Hauptversammlungsschreck. Diesmal aber stand er eindeutig auf der Seite der meisten anwesenden Aktionäre. Ob die tatsächlich auch die Mehrheit der Stimmen in der Tasche gehabt hätten - bei einer Kampfabstimmung gegen die 30-prozentige Beteiligung von Thomas van Aubel - das wurde gar nicht erst festgestellt.

Information

Thomas van Aubel

  • Rechtsanwalt und Balda-Großaktionär Thomas van Aubel und Aufsichtratschef Michael Naschke arbeiteten einst gemeinsam in einer Kanzlei.
  • Zu ihren Mandanten zählte der Rahdener Lars Windhorst, der durch Pleiten und juristische Konflikte auffiel - und der auch Investor bei Balda war.
  • Berichten zufolge ist van Aubel als Ex-Aufsichtsratschef und Großaktionär der insolventen Solarfirma Q-Cells in einen Subventionsbetrug verwickelt. Durch rechtzeitigen Verkauf seiner Aktien soll er sehr vermögend geworden sein.

Versammlungsleiter Michael Naschke, Baldas Aufsichtsratsvorsitzender, den van Aubel so gerne stürzen würde, hatte zuvor mitgeteilt, dass sich überhaupt keiner der anwesenden mehr als 300 Aktionäre wirksam angemeldet habe - und zwar wegen organisatorischer Fehler, die allein der Großaktionär Elector GmbH, also der betroffen dreinschauende Thomas van Aubel selbst, zu verantworten hätte.

Undurchsichtiger Großunternehmer

Van Aubel hatte wie berichtet die Absicht, in Berlin den kompletten dreiköpfigen Aufsichtsrat der Balda AG aus dem Weg zu räumen und durch sich selbst und zwei Vertrauensleute zu ersetzen. Zu weiteren Plänen hat er sich bisher nicht geäußert, aber vermutet wird, dass er aus Balda eine Solarfirma machen und für entsprechende Investitionen die mit 270 Millionen Euro prall gefüllte Firmenkasse plündern will.

Thomas von Aubel musste seine Akten wieder einpacken. - © FOTO: DPA
Thomas von Aubel musste seine Akten wieder einpacken. | © FOTO: DPA

"Wir müssen wissen, was will dieser Großaktionär eigentlich", murrte Aktionärsschützer Heiko Barkemeyer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) über van Aubels Schweigen. Die Wahl des von Bad Oeynhausen weit entfernten Versammlungsortes Berlin und des Termins in der Ferienzeit erwecke "den Eindruck, dass Sie handstreichartig vorgehen wollten", sagte er.

Schon zur Begrüßung hatte Aufsichtsratschef Naschke die Aktionäre über eine Reihe von Versäumnissen und Fehlern aufgeklärt, die Großaktionär Elector und deren Chef van Aubel als Einladende nach seiner Überzeugung gemacht hätten. Der irreparable Kardinalfehler sei gewesen, dass die Aktionäre aufgefordert wurden, sich beim Dienstleister Haubrok anzumelden, nicht aber bei der Balda AG (oder einem von Balda beauftragten Veranstalter) - und dies sei unzulässig gewesen.

Mängel bei der Organisation

Balda sei mit der Wahl des Dienstleisters nicht nur nicht einverstanden gewesen, Haubrok habe Balda obendrein auch nicht über den Stand der Vorbereitungen und der Anmeldungen informiert: "Da haben wir Gutachten von drei bekannten Experten eingeholt, die unabhängig voneinander zu dem Schluss gekommen sind: Kein Aktionär konnte bei Haubrok wirksam zur Hauptversammlung angemeldet werden", so Naschke. Die Gutachter seien die Professoren Walter Bayer (Jena) und Andreas Cahn (Frankfurt) sowie der Richter Eberhard Stilz
(Stuttgart).

Naschke nannte weitere Unregelmäßigkeiten, etwa, dass die Unterlagen den Aktionären nur elektronisch zur Verfügung gestellt wurden, nicht aber - wie bei Balda Pflicht - in gedruckter Form. Viele Aktionäre hätten daher keine Einladung und keinerlei Unterlagen erhalten.

Vollends zur Farce drohte die Veranstaltung zu geraten, als "Berufskläger" wie Catarina Steeg und Manfred Klein für Stimmung sorgten. Moniert wurde etwa die Beschallung im Haus und die Unübersichtlichkeit der Fluchtwege für Rollstuhlfahrer. Ehrliche Zustimmung erntete Steeg, als sie van Aubel vehement aufforderte, sich zu seinen Plänen sowie zu seiner Rolle bei der insolventen Q-Cells AG zu äußern: "Sonst können Sie sich nicht über Misstrauen beschweren."

"Ein Kompromiss muss her"

Die Stimme der Vernunft erhob dann Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Er nahm den renommierten Veranstalter Haubrok in Schutz ("die machen normalerweise keine Fehler") und schlug eine Kompromisslinie vor: Entweder erhalte van Aubel einen Sitz im bestehenden Aufsichtsrat, oder die Zahl der Sitze werde auf sechs erhöht und van Aubel könne davon zwei besetzen. "Ein Kompromiss muss her", forderte er noch einmal, ansonsten gebe es Verlierer, die fortan weiter klagen: "Das tut dem Unternehme nicht gut." Genauso aber scheint es nun zu kommen.

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