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Orientierung in Brasiliens Dschungel

Der Möbelmarkt bietet enormes Potenzial und ist so groß wie in Deutschland

VON STEFAN SCHELP
30.05.2013 | Stand 29.05.2013, 16:34 Uhr
Orientierung in

Brasiliens Dschungel - © Wirtschaft
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Brasiliens Dschungel | © Wirtschaft

Sao Paulo. Niemand hat behauptet, dass es einfach ist auf dem brasilianischen Markt. Dass sich die Mühe lohnt, in Brasilien Fuß zu fassen, hören die Ostwestfalen, die sich seit Sonntag in Sao Paulo schlau machen, dagegen an jeder Ecke.

"Das Potenzial ist riesig", sagt Winfried Titze. Er ist Unternehmensberater und hilft seit vielen Jahren gemeinsam mit Karlheinz Naumann und dessen Unternehmen Eurolatina, all jenen Wagemutigen, die in Brasilien Fuß fassen wollen.

"Der Möbelmarkt in Brasilien ist so groß wie der deutsche Markt", erklärt Titze. Im Zweijahres-Rhythmus nimmt er die Branche in Südamerika unter der Lupe. Aktuelle Erkenntnis: Die Produktion geht sprunghaft hoch, von 2009 auf 2011 hat die Branche von 11 Milliarden Euro auf 17,5 Milliarden zugelegt. Dafür hat Brasiliens Ex-Präsident "Lula" gesorgt, ein Sozialist, dessen wichtigstes Anliegen es war, die Mittelschicht zu stärken. "Er hat 40 Millionen Menschen aus der Unterschicht in die Mittelschicht gehievt."

Das World Trade Center in Sao Paulo bietet neben Hotel und Theater auch 95 Möbelläden. - © FOTO: STEFAN SCHELP
Das World Trade Center in Sao Paulo bietet neben Hotel und Theater auch 95 Möbelläden. | © FOTO: STEFAN SCHELP

Menschen, die nun viel bereitwilliger investieren, als wir Deutschen es tun würden - nicht zuletzt in Möbel. 16.000 Möbelhersteller gibt es in Brasilien, der größte Teil ist im Süden des Landes heimisch, 293.000 Beschäftigte finden Arbeit in dieser Branche.

Anders als in Deutschland, verstehen sich die Hersteller hier als Allrounder. Wer Küchen baut, der stellt auch Büromöbel her und er verkauft natürlich auch Schlafzimmer.

Die Möbelimporte nach Brasilien sind laut Titze erstaunlich gering - sie umfassen nur 400 Millionen Euro. Ein Drittel davon kommt aus China. Deutschland rangiert hinter Italien, Frankreich und Polen mit einem Anteil von nur vier Prozent an den Exporten nach Brasilien unter ferner liefen. Nur Otto ist ein Riese im Geschäft. Beim Online-Handel liegt er ganz vorn, in den kommenden Jahren wollen die Hamburger rund 300 Millionen Euro in den Internethandel in Brasilien investieren. "In weniger als fünf Jahren ist Brasilien einer der führenden Handelsmärkte der Welt", sagt Titze. Und manch einer der Ostwestfalen ergänzt im Geiste: "Und wer nicht dabei ist, ist selbst schuld."

Dabei ist völlig klar, warum die vorsichtigen Ostwestfalen bisher lieber abseits gestanden haben. Denn die Zollpolitik der Regierung in Brasilia ist ein Handelshemmnis erster Güte. "Wenn Sie die Gesetze anwenden wollen, sind sie pleite", unkt Eurolatina-Chef Karlheinz Naumann. Und setzt noch einen drauf: "Das Gesetz hier wird respektiert, aber nicht angewandt." Zum Beispiel die neueste Bestimmung, die von Importeuren nach Brasilien verlangt, dass sie in den Unterlagen festhalten, wie hoch der Ursprungspreis ihrer Ware im Herkunftsland ist. "Damit jeder gleich sieht, wie hoch die Gewinnmarge ist."

Kein Wunder, dass die Händler Sturm laufen. Ergebnis: Wer Widerspruch einlegt, ist von der Regel automatisch befreit. So einfach, so ungerecht kann's gehen. Hinzu kommt, dass die Zoll- und Steuerbestimmungen von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sind. "Das macht eine Kalkulation noch schwieriger." Und wenn den Zollbehörden die Nase nicht passt, kann es sein, dass Ware, die - weil eilig - per Luftpost eingetroffen ist, erstmal zehn Tage nicht abgefertigt wird.

Dringend warnt Naumann davor, sich auf die in Brasilien nicht unübliche Bestechung einzulassen. "Wenn Sie einmal gezahlt haben, stehen Sie auf der Liste. Dann zahlen Sie immer wieder." Naumanns augenzwinkerndes Fazit: "Wenn Sie richtig Ärger haben wollen, dann kümmern Sie sich selbst um den Import nach Brasilien." Wer es richtig machen wolle, der suche sich zwecks Zusammenarbeit einen Dienstleister, der sich zurechtfindet im brasilianischen Dschungel. "Leicht ist es nicht. Man braucht jede Menge Durchhaltevermögen. Aber es lohnt sich."

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