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Werbefallen auf dem Spielplatz Internet

Bundesverband der Verbraucherzentralen kritisiert Webseiten für Kinder

VON JULIA GESEMANN
06.12.2012 | Stand 06.12.2012, 00:49 Uhr
Werbefallen auf dem

Spielplatz Internet - © Wirtschaft
Werbefallen auf dem
Spielplatz Internet | © Wirtschaft

Bielefeld. Das Layout ist knallbunt. Alle paar Sekunden öffnet sich ein neues Fenster mit einem flotten Spruch oder einem animierten Bild. Figuren aus beliebten Fernsehsendungen tauchen neben Gewinnspielen auf, zwischendrin immer wieder eingebaute Werbeanzeigen, die den übrigen Bildern ähnlich sehen. Das Projekt "Verbraucherrechte in der digitalen Welt" des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (vzbv) hat 52 Kinderspielseiten im Internet untersucht. Das Ergebnis: Auf jeder zweiten geprüften Seite gibt es Probleme mit der Werbung. Und das ist nicht alles.

"Es ist schon erschreckend, wie hemmungslos manche Anbieter die Unerfahrenheit von Kindern für Geschäfte ausnutzen", sagt vzbv-Vorstand Gerd Billen. Werbung und redaktionelle Inhalte sind in vielen Fällen auf den Seiten für Kinder nicht hinreichend getrennt.

Da gibt es blinkende Banner, Programmtrailer und animierte Bildchen – die Hinweise auf Werbung am Rand sind auf manchen Seiten schwer zu erkennen. Ein Klick in dem Glauben, es startet ein neues Spiel, schon beginnt ein Werbefilm. Oder das Kind wird auf die Unternehmensseite weitergeleitet. Im Internet existieren längst nicht so klare Regeln bei der Werbung wie im Fernsehen.

Werbung und Inhalt sind hier oft kaum getrennt. - © FOTO: DPA/MONTAGE: THOMAS LÖHRIG
Werbung und Inhalt sind hier oft kaum getrennt. | © FOTO: DPA/MONTAGE: THOMAS LÖHRIG

Kommerzielle Botschaften lassen sich einfacher auf den Seiten platzieren, sie sind allgegenwärtig. Sie schweben über Erklärtexten, erscheinen in Geschichten und verstecken sich in Spielen. Werbung und Inhalt verschmelzen.

"Spiele und Unterhaltung sind gut und schön", sagt Michael Wenzel. Er ist Medienberater und -pädagoge beim Bielefelder Netzwerk "Surfen mit Sin(n) – Sicherheit im Netz". Das Projekt schult Schüler, Eltern und Lehrer im Umgang mit dem Internet. Wenzel sagt: "Aber es ist üblich, dass Werbung und Spiele miteinander verbunden werden." Layout und Design der Seiten sei durchaus verwirrend gestaltet. "Wir wissen, dass zum Teil Psychologen an der Gestaltung mitarbeiten." Der Aufbau der Seiten habe keine klare Logik, Werbung werde so platziert, dass sie nicht weggeklickt werden kann. "Da ist kein Zufall dahinter, das ist Strategie", sagt Wenzel.

Der vzbv hat von August bis Oktober 2011 Seiten wie kika.de, toggo.de und kindercampus.de untersucht. Von 29 eingeleiteten Unterlassungsverfahren konnten 17 Verfahren durch außergerichtliche Unterlassungserklärung erledigt werden; die Betreiber haben ihre Seiten bereits entsprechend geändert. In acht Fällen hat der vzbv Klage erhoben.

Der vzbv kritisiert auch, dass auf einigen Kinderspielplattformen zu viele Daten abgefragt werden. Vor- und Nachname, Straße, Hausnummer, Postleitzahl, Wohnort und Land – das sei für eine Teilnahme am Gewinnspiel oder an einer Umfrage nicht erforderlich. "Kinder wissen häufig nicht, welche Folgen es hat, wenn sie persönliche Daten eintragen", so der vzbv. "Schlimm: Die Daten, die ich bei der Registrierung angebe, werden ohne mein Wissen an entsprechende Werbepartner weitergegeben", sagt auch Wenzel. Bei dieser personalisierten Werbestrategie fehle es an Transparenz. "Nur selten wird in den entsprechenden Datenschutzerklärungen darauf hingewiesen."

Kritisch sieht Wenzel auch die sogenannte Credits-Strategie. "Die Kinder müssen Münzen oder virtuelle Gegenstände kaufen, um ein Level höher zu rücken und weiterspielen zu können." So entstünden Zwänge und Abhängigkeiten, "die Kinder geraten in Versuchung". Auffällig sei diese Strategie bei Spielen wie Farmerama oder Ponyrama, die anfangs noch kostenlos sind. "Die Kinder werden so angefüttert." Erreichen sie erst einmal ein bestimmtes Level, kostet es. "Das sind dann kleine Beträge, die sich aber in der Summe unglaublich bemerkbar machen." Wenzel fordert auch hier eine klare Grenze und mehr Transparenz.

"Wir wünschen uns generell eine Kategorisierung und Bewertung von Online-Spielen, vielleicht ein zulassungsähnliches TÜV-Verfahren." Da bestehe großer Aufholbedarf. Eltern sollten mit ihren Kindern darüber sprechen, sie aufklären. "Erschwert wird das allerdings durch Smartphones", weiß Wenzel. "Die meisten Onlinespiele funktionieren mobil auch mit einer geringen Übertragungsrate – das entzieht sich dann der Kontrolle der Eltern."

Links zum Thema
www.spieleratgeber-nrw.de www.internet-abc.de/eltern www.klicksafe.de

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