0

Bielefelder Commerzbank-Chef: "Planungsunsicherheit
bremst Investitionen"

Studie: NRW hinter Thüringen

15.05.2012 | Stand 14.05.2012, 18:50 Uhr
Hans-Jürgen Stricker, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Commerzbank in Bielefeld. - © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
Hans-Jürgen Stricker, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Commerzbank in Bielefeld. | © FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Bielefeld (fr). Die Eurokrise verunsichert den Mittelstand in NRW und zeigt inzwischen auch Auswirkungen in der Region Bielefeld. Laut einer Studie im Auftrag der Commerzbank geben 71 Prozent der befragten Unternehmen in Bielefeld an, dass die Eurokrise die mittel- und langfristige Planungssicherheit verringert.

65 Prozent der Geschäftsführer und Inhaber sagen, dass die konjunkturelle Entwicklung insgesamt nachlässt. Gut jeder Dritte (36 Prozent) ist direkt betroffen: "Die Nachfrage unserer Kunden geht zurück."

"Die Planungsunsicherheit wird zur Investitionsbremse. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die Umfrageergebnisse", resümiert Hans-Jürgen Stricker, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Commerzbank in Bielefeld. Gut jeder zweite sieht unsichere wirtschaftliche Rahmenbedingungen als Hemmnis bei Investitionen.
Für die Studie "Gute Schulden – schlechte Schulden: Unternehmertum in schwierigen Zeiten" befragte TNS Infratest 4.000 Unternehmen, darunter 941Mittelständler in NRW und 283 in der Region Bielefeld.

Jeder Dritte in Bielefeld hält Kreditzugang für schwerer

Erstaunlich: Nur 67 Prozent der Befragten in NRW (Bundesschnitt: 69 Prozent) investieren. Spitzenreiter ist Thüringen mit 78 Prozent, gefolgt von Sachsen und Brandenburg (75 Prozent). Immerhin fast jeder dritte Befragte (30 Prozent) in Bielefeld hält den Kreditzugang für schwerer. "In Spanien, Frankreich und Italien ist dieser Anteil weit höher", sagt Stricker. Aber nur 16 (Bundesschnitt: 17) Prozent haben in Bielefeld Probleme bei der Finanzierung von Investitionen.

Bei der Eigenkapitalquote belegt NRW mit 39 Prozent bundesweit immerhin Platz vier. Spitzenreiter ist Baden-Württemberg (43 Prozent). Schulden gelten als Risiko. Die Finanzierung von Investitionen aus Gewinnen und Rücklagen wird favorisiert (60 Prozent). "In OWL ist zudem die Hilfsbereitschaft der Mittelständler untereinander unheimlich ausgeprägt", betont Stricker. Bankkredite sehen nur 36 Prozent als wichtiges Finanzinstrument, gefolgt von Leasing (29 Prozent) und Gesellschafterdarlehen (28).

Als Grund für die Überschuldung gelten vor allem Managementfehler. Verschuldete Kommunen hätten zu leichten Kreditzugang, glauben 77 Prozent. Für den Mittelstand sehen diese Gefahr dagegen nur 47 Prozent. Dass Bankkredite durch Basel III schwerer erhältlich und teurer werden, fürchtet die große Mehrheit.

Information

Meinungsbörse: Große Vorsicht

von Andrea Frühauf

Die Mittelständler in Ostwestfalen-Lippe planen ihre Umsatzziele auch bei Verhandlungen mit Kreditinstituten lieber konservativ, um am Ende nicht eine Bruchlandung zu erleben. Das ist gut so. Nach Ansicht der Commerzbank vergeben Unternehmen aber Wachstumschancen, weil sie das Risiko fürchten und Schulden laut der Commerzbank-Umfrage am liebsten vermeiden. Immerhin glaubt demnach jeder zweite Befragte, dass Schulden die unternehmerische Freiheit einengen. Das stimmt nur zum Teil. Wachstum kostet. Kredite müssen vor allem bezahlbar sein.
Dass Mittelständler wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit jetzt kurzfristig planen, ist zwar nachvollziehbar. Doch dass 87 Prozent der Befragten den Kapitalbedarf nur für 2012 planen und lediglich 46 Prozent den Bedarf für die nächsten drei Jahre kalkulieren, könnte sich eines Tages als fahrlässig erweisen. Wer Visionen hat, sichert sich langfristig Kredit. Mancher umgeht dabei Banken. Kreditzinsen werden aber in jedem Fall teurer werden – selbst die Bundesbank verheißt inzwischen eine steigende Inflationsrate.

Empfohlene Artikel

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.


Newsletter abonnieren

Wirtschaft-OWL

Mächtige Familienunternehmen, kreative Start-ups, solides Handwerk – all das zeichnet Ostwestfalen-Lippe aus. Jeden Freitagmorgen neu versorgen wir Sie in unserem Wirtschaftsnewsletter mit den wichtigsten Informationen aus unserer starken Region. Damit Sie mitreden können.
realisiert durch evolver group