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ESPELKAMP Gauselmann fürchtet um tausende Jobs

Glücksspiel-Branche: Klagewelle gegen Staatsvertrag droht

VON STEFAN SCHELP
16.12.2011 , 11:00 Uhr
70.000 Menschen sind in der Glücksspiel-Branche beschäftigt. - © SYMBOLFOTO: DPA
70.000 Menschen sind in der Glücksspiel-Branche beschäftigt. | © SYMBOLFOTO: DPA
Gauselmann fürchtet um tausende Jobs - © ESPELKAMP
Gauselmann fürchtet um tausende Jobs | © ESPELKAMP

Espelkamp. Die Unterschriften unter dem Glücksspiel-Staatsvertrag sind kaum getrocknet, da läuft Europas größter Hersteller von Geldspiel-Automaten schon Sturm. Das Schriftstück, das 15 von 16 Ministerpräsidenten gestern unterzeichnet haben, gefährde die gesamte Branche, sagt Paul Gauselmann. Notfalls werde er vor den Europäischen Gerichtshof ziehen.

"Wir werden plattgemacht, wir werden wirtschaftlich ermordet. Aus, Ende k.o.", schimpfte der 77-Jährige kürzlich im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Und die Menschen in der Region OWL seien die ersten, die das zu spüren bekämen, legte Gauselmann-Sprecher Mario Hofmeister nun nach. "Von den 1.700 Arbeitsplätzen in Lübbecke und Espelkamp steht die Hälfte auf dem Spiel."

70.000 Menschen arbeiten an Automaten

Betroffen seien im nächsten Schritt aber auch die 3.000 Gauselmann-Angestellten in den Spielotheken. Bundesweit beschäftigt die Automaten-Branche 70.000 Menschen – auch hier ist die Hälfte der Arbeitsplätze gefährdet. Auch die Kommunen bleiben nicht ungeschoren. Sie gewinnen dank der Spielsalons 400 Millionen Euro Vergnügungssteuer pro Jahr.

Der 77-Jährige Paul Gauselmann. - © ARCHIVFOTO: TYLER LARKIN
Der 77-Jährige Paul Gauselmann. | © ARCHIVFOTO: TYLER LARKIN

Für Verdruss sorgt in der Branche, dass gemäß Vertrag nach einer Übergangszeit von fünf Jahren die Bündelung von Konzessionen für Spielstätten verboten werden soll. Weil der Gesetzgeber derzeit nur zwölf Automaten pro Spielstätte zulässt, baut Gauselmann zumeist vier Spielotheken nebeneinander. Das erlaubt der Gesetzgeber – sofern die Spielstätten auch einzeln zu betreiben wären. Tritt der Staatsvertrag in Kraft, müssten an jedem Standort innerhalb der nächsten fünf Jahre drei der vier Hallen geschlossen werden – mit den geschilderten Folgen.

Die Politik agiere nicht mit der Heckenschere, sondern mit der Axt. Einschüchtern lässt sich Gauselmann aber nicht. "Ich werde die Prozesse gewinnen, nicht alle, aber die meisten."
In Berlin ist die Prozessflut bereits losgebrochen. Denn dort hat der Gesetzgeber bereits die Ausführungsbestimmungen für den Staatsvertrag festgeschrieben. "In den weiteren Ländern klagen wir, sobald die Bestimmungen vorliegen", kündigt Hofmeister an. Trotzdem hoffe er, das Unternehmen werde mit einem blauen Auge davonkommen. "Das wäre für Paul Gauselmann ein Alptraum, wenn er Mitarbeiter entlassen müsste."

Information
  • Unterschrieben haben den Glücksspielstaatsvertrag alle Bundesländer außer Schleswig-Holstein, das eine noch liberalere Lösung verlangt.
  • Bundesweit sollen 20 Anbieter von Sportwetten eine Lizenz erhalten und eine Steuer von fünf Prozent zahlen.
  • Der Staatsvertrag steht unter Vorbehalt der Zustimmung der EU-Kommission.

"Spielhallen werden endlich reguliert"

Ein Alptraum – das war für Ilona Füchtenschnieder, Vorsitzende des Fachbeirats Glücksspielsucht, der bisherige Umgang mit den Betreibern von Geldspiel-Automaten. "In der Vergangenheit sind die Bedingungen für die Unternehmer von Mal zu Mal besser geworden", erinnert sie. Zuletzt habe das Automaten-Glücksspiel 57 Prozent des Gesamtumsatzes der Branche ausgemacht. "Deshalb ist es das größte Plus des Staatsvertrages, dass die Spielhallen endlich reguliert werden." In Jubelstürme bricht sie dennoch nicht aus.

Sorgen macht ihr die Übergangsfrist, die der Staatsvertrag den Unternehmern gewährt. "Fünf Jahre sind eine lange Zeit", warnt sie.
Ihr Gegenspieler bleibt – trotz seiner 77 Jahre – Paul Gauselmann. Er werde so lange bleiben, "bis Firma und Branche gesichert sind." Nur ganz vorsichtig bereitet er das Unternehmen auf die Zeit danach vor. In eine Stiftung will der Patriarch das Unternehmen umwandeln, damit die Zukunft des Konzerns kein Glücksspiel wird. Eilig hat er es allerdings keineswegs.


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