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Dass Ralf Greve die Schriftzeichen auf dem Präsent eines Geschäftspartners nicht lesen kann, ist kein Problem zur Anbahnung des Kontaktes genügte Englisch. - © FOTO: TYLER LARKIN
Dass Ralf Greve die Schriftzeichen auf dem Präsent eines Geschäftspartners nicht lesen kann, ist kein Problem zur Anbahnung des Kontaktes genügte Englisch. | © FOTO: TYLER LARKIN

Ein Ingenieur für Guangzhou

Lübbecker Firmenchef fliegt 10.000 Kilometer für ein Bewerbungsgespräch

VON MARIUS GIESSMANN
30.10.2010 | Stand 29.10.2010, 17:33 Uhr

Lübbecke. Vor zweieinhalb Jahren begann Ralf Greve ein Experiment: Den Versuch, mit seinem Zehn-Mann-Betrieb in China Fuß zu fassen. "Alle Welt sprach immer nur vom Boom", sagt der Chef des Konstruktionsbüros Greco Technik. "Den wollte ich mir selbst angucken." Aus dem ersten Gucken wurden regelmäßigen Besuche, daraus wiederum Geschäftskontakte zu Lieferanten. Im November fliegt Greve jetzt zum 18. Mal nach China – um seinen ersten chinesischen Mitarbeiter einzustellen.

Sein Unternehmen importiert Spritzgusswerkzeuge für unterschiedliche Industriezweige und bietet Projektierung und Qualitätssicherung an. Der gesuchte Maschinenbau-Ingenieur soll künftig vor Ort Projektierung, Qualitätssicherung und Werkzeugänderungen umzusetzen. "Wir sind aktuell mitten im Auswahlverfahren", sagt Greve.

Auf eine erste Zeitungsanzeige hin meldeten sich mehr als 20 Bewerber, die Deutsche Auslandshandelskammer (AHK) half mit einer Vorauswahl der drei formal am besten geeigneten. "Für mich als Außenstehenden ist es schließlich schwierig, die jeweiligen Universitätsabschlüsse zu beurteilen", sagt Greve. Um die Fachqualifikation zu testen, fliegt der Unternehmer zum Bewerbungsgespräch. "Das sind mal grad 10.000 Kilometer", sagt er und lacht. "Geht ja nicht anders."

Keine Kommunikationsprobleme

Ähnlich kompliziert ist auch die folgende Anstellung des erfolgreichen Bewerbers. "Auf dem Papier wird der erst einmal Mitarbeiter der AHK", erklärt Greve. "Man kann nicht einfach ohne weiteres eine Firma in China gründen. Da müsste man sich mit unendlich viel Bürokratie rumschlagen." Um den zu umgehen, wird sein erster chinesischer Mitarbeiter in einem Großraumbüro in Shenzhen oder Guangzhou sitzen und sein Gehalt zunächst von der AHK beziehen. Die stellt Greve wiederum ihre Kosten in Rechnung.

Mit Kommunikationsproblemen rechnet der Unternehmer nicht. Per Videokonferenz und Email organisiert sein Büro schon heute den Kontakt mit den chinesischen Lieferanten, eine Sprachbarriere gebe es nicht. "Im Industriebereich sprechen fast alle gutes Englisch", sagt Greve. "Trotzdem ist es natürlich ein Pluspunkt, dass der neue Mitarbeiter als Einheimischer fließend Chinesisch spricht." Greve startete damals hingegen mit den Kenntnissen eines zweiwöchigen Crashkurses und viel Pioniergeist. "Da darf man nicht unvorbereitet starten", sagt er. "Es ist ja nicht so, als wenn die 1,3 Milliarden Chinesen nur auf einen warten."

Nach umfangreicher Recherche Zuhause in Deutschland tingelte er damals von einem möglichen Geschäftspartner zum nächsten – und erlebte den klassischen Kulturschock, der sich einstellt, wenn westliche auf chinesische Geschäftsgebaren treffen. "Vor allem waren eine Menge Abendessen nötig", sagt Greve. "Für uns ist das schwierig zu verstehen, aber die Chinesen möchten ihren Geschäftspartner kennen lernen.

Regelmäßige Lieferantenbesuche

Ihnen ist wichtiger, mit wem sie es zu tun haben als dass der Preis auf die dritte Stelle hinter dem Komma passt." Darum plant er nach der mehrwöchigen Einarbeitung seines ersten chinesischen Mitarbeiters auch weiter regelmäßige Lieferantenbesuche. "Die persönliche Präsenz ist dort in einer Geschäftsbeziehung enorm wichtig", sagt der bekennende Chinafan. "Das kann man einfach nicht von zu Hause aus managen."

Nach Greves Einschätzung ist der Import von Spritzgusswerkzeugen in Kombination mit der Konstruktion in Deutschland für seine Firma eine Riesen-Chance. Durch den Verbleib der Projektierung und Konstruktion in Lübbecke hofft er dauerhaft noch mehr Arbeitsplätze in seiner Heimat zu schaffen.    

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