Impulsgeber Richard David Precht appelliert an soziale Verantwortung

Weisheiten des Pop-Philosophen

VON MARIUS GIESSMANN
Richard David Precht spricht über Moral - © WIRTSCHAFT
Richard David Precht spricht über Moral | © WIRTSCHAFT

Bielefeld. Tosender Beifall, und angeregtes Getuschel quittieren das eineinhalbstündige Verbalgewitter. Schriftsteller, Frauenschwarm und Dauer-Talkshowgast Richard David Precht verlangte viel von den Zuhörern seines Impulsgeber-Vortrags. Auf den Crashkurs durch Philosophie und Hirnforschung und seine Bilanz zur "moralischen Verunsicherung unserer Zeit" folgte eine verstörende Forderung: die Abschaffung der Bundesländer.

Lässig an den Barhocker gelehnt hatte alles mit zwei verschnörkelten Halbsätzen zur Sarrazin-Debatte begonnen. "Wir erleben zur Zeit eine enorme Konjunktur der Moral", so der Referent, "gerade in Zeiten, wo der ins Schwarze trifft, der ins Braune redet."

Was auf der Spurensuche zur menschlichen Moral folgt, ist zur Freude des Publikums deutlich gefälliger. "Stellen sie sich vor, sie stehen an einem Eisenbahngleis, auf dem ein herrenloser Waggon auf fünf ahnungslose Gleisarbeiter zurollt", beschreibt Precht ein Mitmach-Experiment. "Sie stehen an einer Weiche und können den Waggon auf ein Nebengleis schicken, wo stattdessen nur ein Gleisarbeiter überrollt wird." Die per Handzeichen abgefragte Entscheidung des Publikums: drei Viertel im Saal sind bereit, das Leben des einzelnen für die Rettung des Quintetts zu opfern. "Damit ist Bielefeld genau wie der Rest der Welt, sollten Sie daran jemals gezweifelt haben", lobt Precht und verweist auf das vergleichbare Ergebnis einer Umfrage von 300.000 Menschen.

"Menschen haben eine Tötungshemmung"

In einer abgewandelten Situation sind indes nur fünf Besucher der Veranstaltung gedanklich bereit, einen dicken Mann aufs Gleis zu schubsen, damit der Waggon stoppt. Prechts Folgerung: "Wir Menschen haben eine sinnlich affektierte Tötungshemmung." Dann nimmt der Vortrag des sprichwörtlich hemdsärmeligen Denkers Fahrt auf. Was folgt ist ein Stakkato an überraschenden Thesen, Forschungsergebnissen und Querverweisen.

Schriftsteller Richard David Precht zog die Moral-Bilanz der Gesellschaft. - © FOTO: BARBARA FRANKE
Schriftsteller Richard David Precht zog die Moral-Bilanz der Gesellschaft. | © FOTO: BARBARA FRANKE

Der in der Stirnlappen-Region des Gehirn entstehende Gerechtigkeitssinn sei nur "eine Weiterentwicklung des Gleichgewichtssinns", der Hang zur Hilfsbereitschaft schon bei 12 Monate alten Kindern feststellbar und der "angeborene Sinn für Unfairness, die uns wiederfährt" durch Experimente selbst bei Kapuzineraffen belegt. Erst durch ihre evolutionäre Hordenzugehörigkeit beschränkten Menschen diese Faktoren jedoch auf die Rudelgröße unserer Vorfahren. "Unmittelbar verpflichtet sind wir nur unseren Nächsten", sagt Precht. "Das waren damals vielleicht Verbünde von 50 Individuen." Darum würden heute die natürlich angelegten und gesellschaftlich entwickelten moralischen Standards nur auf Familie, Freunde, Arbeitskollegen und Verwandte angewandt.

Wieder beschleunigt Precht. Eben diese Erkenntnisse hätten die Gründerväter der sozialen Marktwirtschaft nicht bedacht. Darum führte die weltweite Vergleichbarkeit zu einer Aufwärtsspirale bei Managergehältern; das Internet zur Wirtschaftskrise und die Moralkrise zu einem Vertrauensverlust gegenüber Unternehmen und Parteien.

Was die Gesellschaft noch retten könne

Bei der Vorstellung seiner Lösungsansätze präsentiert sich der 45-Jährige als radikaler Freidenker. Einzig ein verändertes Wahlsystem nach Schweizer Vorbild, die vermehrte Durchführung von Volksentscheiden sowie die politische Abschaffung des deutschen Föderalismius’ könne die Gesellschaft noch retten. "Außerdem wird das Bürgertum endlich Verantwortung übernehmen müssen", sagt Precht. Eine besondere "Bringeschuld" hätte die "goldene Generation", die jetzt in Rente geht. "Und ich appelliere an die Mittelschicht", fährt er hitzig fort. Sie ist in der Verantwortung, die sozialen Werte in die Gesellschaft zu implementieren. Dankeschön."

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