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Der Abschied von dem russischen Markt kostet die hiesige Windkraftbranche weitere 200 Millionen Euro. - © Symbolbild/Pixabay
Der Abschied von dem russischen Markt kostet die hiesige Windkraftbranche weitere 200 Millionen Euro. | © Symbolbild/Pixabay

Folgen des Krieges Eine Branche im Sturm: Wieso Windanlagenbauer gerade Verluste machen

Siemens Energy macht mit Windkraftanlagen riesige Verluste. Auch andere in der Branche habe mit dem Rückzug aus Russland zu kämpfen.

Thomas Magenheim
09.08.2022 , 11:00 Uhr
Stefan Winter

Immer wenn man glaubt, es könne nicht mehr schlimmer kommen, beweist Siemens Energy das Gegenteil. Gut eine halbe Milliarde Euro Verlust hat der Energietechnikkonzern allein in den drei Monaten April bis Juni gemacht. Mehr als eine Milliarde ist es in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahrs 2021/22 insgesamt.

„Es gab Schattenseiten mit dem Rückzug aus Russland und unserem Windkraftgeschäft bei Siemens Gamesa“, sagte Konzernchef Christian Bruch am Montag in München. Russland beschäftigt das Unternehmen aktuell doppelt: Der Abschied von dem Markt kostet weitere 200 Millionen Euro. Gleichzeitig bringt das Gezerre um die Turbine für die Pipeline Nord Stream 1 viele Schlagzeilen. Die Turbine wurde bei Siemens Energy überholt und wartet auf den Transport nach Russland. Eine weitere politische Sorge bringen die Spannungen um Taiwan: Siemens Energy ist dort vor allem mit Windkraftgeschäft vertreten. „Wenn das eskaliert, wird es deutlich kritischer als Russland und die Ukraine“, sagte Bruch.

Krise grassiert in Schlüsselindustrie

In erster Linie aber kämpft Siemens Energy mit massiven Problemen im Tagesgeschäft. Als der Siemens-Konzern seine Sparte für Kraftwerkstechnik vor knapp zwei Jahren an die Börse brachte, galten die Windrotoren der Tochter Gamesa als das Geschäft der Zukunft. Die Technik für Gas- und Kohlekraftwerke war eher die Altlast. Im Moment ist es umgekehrt: Das klassische Geschäft läuft besser als erwartet, Gamesa ist dagegen ein Sanierungsfall mit riesigen Verlusten.

Das Unternehmen kämpft auch, aber nicht nur mit hausgemachten Problemen. Denn während überall die Energiewende geplant wird, grassiert in ihrer Schlüsselindustrie eine Krise. Die meisten Windanlagenbauer sind weit von ihren einst hoch gesteckten Zielen entfernt. Bereits 2019 hat mit Senvion – früher Repower – einer der Großen pleite gemacht. Die meisten anderen schmiedeten damals noch ehrgeizige Wachstumspläne. Jetzt häufen sich die Verlustmeldungen, und mancher kämpft ums Überleben.

Ob Siemens Gamesa, Nordex, GE Renewables oder Marktführer Vestas: Das Jahr begann durchgängig mit roten Zahlen. Nordex schließt sein Werk in Rostock und musste sich bei Anlegern bereits frisches Kapital beschaffen. Vestas-Chef Hendrik Andersen forderte die Konkurrenz sogar auf, doch bitte heftigen Preiskampf zu beenden – sonst werde nicht jeder Anbieter überleben.

„Es ist ein extrem harter Wettbewerb“, sagt der Hamburger Unternehmensberater Klaus Övermöhle. Die Aufträge, die jetzt bearbeitet und abgerechnet werden, seien vor rund zwei Jahren angenommen worden. Damals schrumpfte die Nachfrage gerade, denn in den USA bremste Präsident Donald Trump die erneuerbaren Energien, und auch in Deutschland kam der Ausbau der Windkraft ins Stocken.

Schnellere Genehmigungsverfahren gefordert

Doch der Markt war eng besetzt, „entsprechend niedrige Preise wurden aufgerufen“, sagt Övermöhle. Jetzt, wo die Aufträge bearbeitet und abgerechnet werden, haben sich Transport- und Rohstoffkosten teilweise vervielfacht. Aber Preisgleitklauseln wurden nicht vereinbart. So wird das mühsam erkämpfte Wachstum von einst zum riesigen Verlustbringer von heute.

Övermöhle glaubt, dass sich die Verhältnisse wieder beruhigen werden. Auf lange Sicht gebe es eher zu wenig Hersteller von Windkraftanlagen. Die Branche hofft nicht zuletzt auf die ehrgeizigen Ausbaupläne der Bundesregierung und das „Osterpaket“ von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). BDI-Präsident Siegfried Russwurm forderte am Montag schnellere Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen. „Für eine Stromtrasse durch Deutschland brauchen wir bislang bis zu 10.000 Einzelgenehmigungen, was sieben bis zehn Jahre dauert“, sagt auch Siemens-Energy-Chef Christian Bruch.

Für sein Unternehmen wären schnellere Genehmigungen aber auch nicht die Lösung aller Probleme. Die Sanierung der Windkrafttochter Gamesa „wird langwierig und Jahre dauern, bis wir bei der Profitabilität da sind, wo wir sein wollen“, sagte Bruch. Denn Gamesa hat andere Probleme, die allerdings auch nicht untypisch für die Branche sind: Eine neue Anlagengeneration wurde für viel Geld entwickelt und bereitet jetzt technische Probleme bei der Einführung. An Nachfrage mangelt es derweil nicht: Siemens Energy hat im vergangenen Quartal 60 Prozent mehr Aufträge eingesammelt als ein Jahr zuvor.

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