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Bremsen nur hinten: Diese Version des rollbaren Toilettenstuhls ist die einfachste, die es zu kaufen gibt. - © picture alliance
Bremsen nur hinten: Diese Version des rollbaren Toilettenstuhls ist die einfachste, die es zu kaufen gibt. | © picture alliance

Forschung Studierende der FH Bielefeld verbessern Hilfsmittel für Pflegebedürftige

Die Bereiche Gesundheit und Ingenieurwissenschaft forschen gemeinsam

Katharina Thiel
08.10.2019 | Stand 10.10.2019, 16:49 Uhr

Bielefeld. Ob Funkkopfhörer, Strumpfanzieher oder Greifzange. Immer mehr Menschen sind im Alter auf kleine Hilfsmittel angewiesen - und darauf, dass diese einwandfrei funktionieren. Doch dies sei nicht immer der Fall, sagt Christoph Jaroschek, Professor im Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik an der Fachhochschule Bielefeld. Er leitet deshalb eine Gruppe mit dem Schwerpunkt "Individualisierung in Gesundheit und Technik", kurz InGeTec. Sie macht die Schwachstellen von Hilfsmitteln aus und sucht nach Lösungen. So soll den bedürftigen Menschen eine größtmögliche Selbstständigkeit und Lebensqualität ermöglicht werden. Dafür hat Jaroschek sowohl Forscher aus dem Fachbereich Ingenieurwissenschaften als auch aus der Lehreinheit Pflege und Gesundheit gewonnen. Die Gesundheitswissenschaftler würden die Bedürfnisse älterer und pflegebedürftiger Menschen kennen, hätten aber kaum technisches Verständnis, so Jaroschek. Maschinenbau-Ingenieure seien dagegen nicht nur in der Lage, ein besseres Produkt zu entwickeln. Sie können dieses auch mit geringen Kosten herstellen. Deshalb sei die Forschung nur in enger Zusammenarbeit der beiden Fachbereiche realisierbar, sagt Renate von der Heyden vom Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit. "Beides können die einzelnen Disziplinen nicht bedienen." Erheblicher Bedarf bei Toilettenstühlen Konkret haben die Forscher Pflegekräfte und Sanitätshausmitarbeiter gefragt, was Hilfsmittel im Alltag wirklich können müssen. Dabei wurde festgestellt, dass vor allem bei Toilettenstühlen ein erheblicher Optimierungsbedarf besteht. Die Bremsen dieser rollstuhlähnlichen Stühle sind nur von Pflegepersonal, nicht aber von dem bedürftigen Menschen bedienbar - denn nur an den hinteren Rädern befinden sich zwei Feststellbremsen. Die Studierenden haben daraufhin das Bremssystem eines handelsüblichen Rollators in die vorderen Räder des Stuhls eingebaut. Unter den Armstützen befinden sich die Griffe, um die Bremse zu betätigen. Das sei nicht zuletzt deshalb wichtig, weil viele Menschen den Toilettenstuhl auch als Sitzgelegenheit benutzen, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Susanne Stampa. Sowohl im stationären als auch im häuslichen Bereich sei dies der Fall. Denn um den Stuhl zu akzeptieren und dafür zu benutzen, wofür er eigentlich da ist, koste Überwindung: "Die Akzeptanz hängt mit dem Schamgefühl zusammen", erklärt Stampa. Die Forscher erhoffen sich deshalb, die Akzeptanz der Hilfsmittel wie dem Toilettenstuhl durch die Optimierungen zu erhöhen. Greifhilfen mit PVC-Mantel In einem zweiten Teilprojekt haben Studierende den Prototyp einer Greifhilfe entwickelt, der aktuell noch weiter optimiert wird. Um zum Beispiel eine Flasche zu greifen, so Jaroschek, müsse die Zange beim Zugreifen nach rechts oder links gedreht werden. Anders würde dies bei handelsüblichen Greifzangen nicht funktionieren. "Jemand, der die Zange braucht, kann das Handgelenk aber vielleicht nicht mehr drehen", so der Professor. Bei der neu entwickelten Greifhilfe muss nun eine Gewindestange nach oben gezogen werden. Durch den erzeugten Unterdruck können Gegenstände mit einem PVC-Mantel, der sich statt einer Zange am unteren Ende befindet, angehoben werden. Das dritte Themenfeld des Forschungsschwerpunktes befasst sich mit der Digitalisierung im Umgang mit orthopädischen Hilfsmitteln und Prothesen. Hier haben Studierende für ein Herforder Sanitätshaus ein System entworfen, um die Kommunikation mit Krankenkassen zu digitalisieren und damit zu vereinfachen, so Christian Falkenstern aus dem Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik. Das Sanitätshaus hat das Programm mit einem Partner aus der Wirtschaft umgesetzt. Als eines von neun Projekten in Deutschland wird InGeTec seit 2017 vom NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft gefördert. Die Gesamtlaufzeit beträgt vier Jahre. Die neun erfolgreichen Fachhochschulen erhalten zunächst eine Anschubfinanzierung von 240.000 Euro über zwei Jahre. Durch einen Eigenanteil der Hochschule von mindestens 30.000 Euro pro Jahr wird die Förderung für zwei weitere Jahre sichergestellt.

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