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 "Verdi ist konfliktfähig", sagt Frank Werneke, designierter Verdi-Chef. - © Kay Herschelmann|/ver.di
 "Verdi ist konfliktfähig", sagt Frank Werneke, designierter Verdi-Chef. | © Kay Herschelmann|/ver.di

Interview Künftiger Verdi-Chef: "Mindestlohn muss auf 12 Euro pro Stunde steigen"

Frank Werneke (52) aus Schloß Holte-Stukenbrock erklärt, ob die Gewerkschaft noch attraktiv ist und wie sie sich gegen sture Firmen durchsetzen will

Hannes Koch
02.09.2019 | Stand 02.09.2019, 18:59 Uhr

Herr Werneke, bald werden Sie wohl zum Chef der zweitgrößten Gewerkschaft hierzulande gewählt. Schaffen Sie es trotz der Politik, im Oktober zum Stadtfest Pollhans nach Schloß Holte-Stukenbrock zu kommen? Frank Werneke: Als ich noch in Ostwestfalen-Lippe lebte, war ich begeisterter Pollhans-Gänger. In den letzten Jahren kam leider immer was dazwischen. Und dieses Jahr wird der Deutsche Gewerkschaftsbund 70 Jahre alt. Der Festakt, bei dem ich nicht fehlen will, findet zur selben Zeit statt. Also wieder nichts. Sie sind in Schloß Holte geboren und haben Ihre Berufsausbildung in Bielefeld absolviert. Beobachten Sie OWL noch genau? Werneke: Meine Mutter lebt in Schloß Holte, und ich habe Familie dort. Wie sich die Region entwickelt, interessiert mich natürlich sehr, auch wenn ich seit 2001 in Berlin wohne. Die ehemaligen Volksparteien verlieren Wählerinnen und Wähler, die Kirchen Gläubige, die Zeitungen Druckauflage. Bei der Gewerkschaft Verdi sieht es ähnlich aus. Auch Sie haben bislang keine richtige Antwort auf die Diversifizierung der modernen Gesellschaft gefunden? Werneke: Verdi schlägt sich da gar nicht schlecht. Eine auf Dauer angelegte Mitgliedschaft wie früher ist heute aber nicht mehr selbstverständlich. Mitglieder zu halten ist schwerer geworden. Seit der Gründung 2001 hat Verdi rund 800.000 Mitstreiter eingebüßt. Jetzt sind es noch knapp zwei Millionen. Jedes Jahr sinkt die Zahl um etwa 20.000. Werneke: Mittlerweile haben wir uns stabilisiert. Letztes Jahr sind 122.000 neue Mitglieder bei Verdi eingetreten. Dieses Jahr sieht es ähnlich gut aus. Welche Organisation kann das von sich behaupten? Unter dem Strich blieb ein leichtes Minus. Wir arbeiten daran, daraus ein Plus zu machen. Wenn die Gesellschaft heterogener und widersprüchlicher wird, stellen sich weniger Leute hinter ein gemeinsames Ziel. In welchen modernen Berufen und Branchen gewinnen Sie neue Anhängerinnen und Anhänger? Werneke: Ich weigere mich, in modern und unmodern zu unterscheiden. In Verdi finden sich weite Teile der Dienstleistungsbranche wieder – in manchen wachsen wir, in anderen verlieren wir. Gerade treten viele Beschäftigte bei uns ein, die in gesundheitlicher Rehabilitation und Krankenhäusern arbeiten, bei Rettungsdiensten, Banken, Hochschulen oder in der Immobilienwirtschaft. Und auch Studierende entscheiden sich zunehmend für Verdi. Dagegen büßen wir beispielsweise bei den Krankenkassen nicht wenige Mitglieder ein, weil zahlreiche Filialen geschlossen werden. Banken sind eher traditionelle Arbeitgeber, neue Finanzdienstleister, sogenannte Fintechs, hingegen moderne. Diese graben jenen Geschäft und Kunden ab. Der Strukturwandel bereitet Verdi Probleme, weil Sie bei den Fintechs keinen Fuß in die Türe bekommen. Werneke: Das stimmt – noch. Ihre Unterteilung in unmoderne und moderne Branchen ist für unsere Arbeit allerdings irreführend. Beispiel: In den traditionellen Familienunternehmen des Einzelhandels konnten wir früher nur wenige Erfolge verbuchen. Beim noch relativ jungen Internet-Versandhändler Amazon haben wir dagegen ziemlich viele Mitglieder. Warum sollte eine 30-jährige Software-Entwicklerin eines Finanz-Startups Mitglied bei Verdi werden? Werneke: Weil sie trotz guter Qualifikation und Verhandlungsposition die Unterstützung durch Gewerkschaft und Betriebsrat braucht, wenn es zum Beispiel um Fragen der Arbeitszeit oder der Work-Life-Balance geht. Es gibt viele Beschäftigte in jungen Unternehmen, die nicht auf eigene Faust gute Arbeitsbedingungen für sich durchsetzen können. In Berliner Firmen etwa, die Internet-Spiele entwickeln, ist die Bezahlung oft recht niedrig, es wird geheuert und gefeuert. Da entwickelt dann mancher Programmierer sehr schnell Interesse am Kündigungsschutz. Das kann eine Basis sein für gewerkschaftliches Engagement. Welchen Mehrwert bietet eine Gewerkschaft? Werneke: Durch gemeinsames Handeln erfolgreicher zu sein als alleine. Das ist die wichtigste Aufgabe. Damit die Gewerkschaft ihre Schutzfunktion für den Einzelnen durchsetzen kann, muss sie kampfkräftig sein. Werneke: Verdi ist konfliktfähig. Allein im letzten Jahr haben wir rund 130 Arbeitskämpfe geführt. Aber die weitaus meisten Tarifverträge wurden am Verhandlungstisch geschlossen. Allerdings auch deshalb, weil die Arbeitgeber wissen, dass wir können, wenn wir wollen. In den Versandlagern des US-Konzerns Amazon streikt Verdi seit mehr als fünf Jahren immer wieder. Ihre Kernforderung, den Abschluss eines Tarifvertrages, konnten Sie jedoch nicht durchsetzen. Werneke: Amazon will ein globales Monopol errichten und Arbeitsbeziehungen amerikanisieren. Die Konzernspitze versucht weltweit, Tarifverträge zu verhindern. Wir sind bei Amazon in Deutschland sehr gut organisiert und haben überall Betriebsräte eingerichtet. Als die Streiks begannen, hatte es vier Jahre lang keine Lohnerhöhung gegeben. Inzwischen gibt es Lohnanpassungen wie im Einzelhandel. Der Tarifvertrag fehlt noch, aber die Belegschaften haben schon viele Erfolge erstreikt. Welche Verbesserungen haben Sie durchgesetzt ? Werneke: Die Stundenlöhne sind zum Beispiel in Leipzig seit Beginn der Streiks von 8,40 Euro auf 12,59 Euro gestiegen, die Einstiegsgehälter von 7,76 Euro auf 10,78 Euro. Amazon zahlt inzwischen ein kleines Weihnachtsgeld, auch wenn es nur ein Drittel des Niveaus des Einzelhandelstarifvertrags ausmacht. Und die anfangs harten Überwachungsmaßnahmen konnten dank der Betriebsräte und mit Hilfe unseres Rechtsschutzes abgemildert werden. Mit dem gesetzlichen Mindestlohn wurde eine zentrale Forderung der Gewerkschaften erfüllt. Welches wäre sozial- und wirtschaftspolitisch der nächste große Schritt, den die bundesdeutsche Politik nun tun müsste? Werneke: Der Mindestlohn muss schnell auf 12 Euro pro Stunde steigen. Und die Politik tut gut daran, die sachgrundlose Befristung sofort abzuschaffen. Das sind Arbeitsverträge, die die Firmen ohne Notwendigkeit immer wieder auf kurze Zeiträume beschränken, wodurch jede Lebensplanung der Beschäftigten verhindert wird. Die angemessene Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung, wie sie Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) als Schutz gegen Altersarmut vorschlägt, ist lange überfällig. Viele Unternehmen, nicht zuletzt in Ostdeutschland, gehören keinem Arbeitgeberverband mehr an und zahlen deshalb keine Tariflöhne. Wie ließe sich die Tarifbindung wieder erhöhen? Werneke: Primär ist es die Aufgabe der Gewerkschaften, diese Verträge durchzusetzen. Aber es braucht auch flankierende Maßnahmen der Politik. Eine wäre, öffentliche Aufträge nur noch an Firmen zu vergeben, die die Tarifverträge einhalten. Hier geht es um dreistellige Milliardenbeträge. Ein wesentlicher Punkt ist auch, das Verfahren zu erleichtern, mit dem Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklärt werden, das heißt für alle Beschäftigten der Branche gelten – auch für ungebundene Unternehmen. Dazu muss das faktische Vetorecht von Arbeitgeberverbänden beseitigt werden. Und was schlagen Sie vor, könnte die Regierungskoalition gegen die möglicherweise kommende Rezession unternehmen? Werneke: Wir brauchen endlich mehr öffentliche Investitionen. Die Schwarze Null, das Prinzip der Nullverschuldung im Bundeshaushalt, hat sich überlebt. Das fordert mittlerweile sogar das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft.

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