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In Tierversuchen werden die Tiere gern wegen ihrer biologischen Ähnlichkeiten mit Menschen eingesetzt. - © picture alliance / imageBROKER
In Tierversuchen werden die Tiere gern wegen ihrer biologischen Ähnlichkeiten mit Menschen eingesetzt. | © picture alliance / imageBROKER

Rheda-Wiedenbrück Tierquälerei: Robert Tönnies kritisiert Beiratschef und fordert dessen Rücktritt

Der Machtkampf im Tönnies-Konzern hat viele Facetten. Auch der Beirat ist zwischen die Fronten geraten.

Martin Krause
01.09.2019 | Stand 01.09.2019, 14:29 Uhr

Rheda-Wiedenbrück/Münster. Im Dienste der Wissenschaft wird manches Opfer gebracht. Das klingt harmlos, kann aber mit Grausamkeit verbunden sein. Vor allem Tiere müssen manches Leid ertragen, etwa um Krankheiten zu erforschen oder Medikamente zu testen. Ausgerechnet im Schlachtkonzern Tönnies spielen jetzt Tierversuche eine Rolle, die zwar Jahrzehnte zurückliegen, die aber trotzdem Sprengstoff bergen. Verantwortlich für die heftig kritisierten Experimente ist Reinhold Festge,  der Chef des Konzernbeirates. Tönnies-Gesellschafter Robert Tönnies hat sich die in den 70er Jahren entstandene Doktorarbeit des Unternehmers aus Oelde angeschaut - und zeigte sich danach bestürzt. Festge, Gesellschafter des Maschinenbauers Haver & Boecker und von 2013 bis 2016 Präsident des Maschinenbauverbandes VDMA, wollte nämlich Arzt werden, bevor er in die Firma einheiratete und sich an die Spitze arbeitete. Der heute 73-Jährige hatte in den 60er Jahren ein Medizinstudium an der Uni Münster begonnen und schrieb seine Doktorarbeit am Institut für Gerichtsmedizin über die "Alkoholdiffusion bei Wasserleichen". Es ging etwa um die Frage, welche Rolle Alkohol gespielt haben könnte, wenn ein Ertrunkener gefunden wurde. Um den Alkoholpegel und seine Veränderung messen zu können, experimentierte er dafür mit fünf Schweinen. Die Tiere wurden alkoholsüchtig gemacht und ertränkt Die Tiere wurden zunächst alkoholsüchtig gemacht, in der 120-seitigen Doktorarbeit beschrieben im Kapitel "Erziehung zur Alkoholgewöhnung". Und am Ende der Tortur wurden die Schweine ertränkt. Robert Tönnies beschreibt das Vorgehen in einem empörten Brief, den er im Mai 2019 an Festge  schrieb: "Auch wenn diese Arbeit nun einige Jahre zurückliegt, ist die Grausamkeit  (. . . ) erschreckend", so der Rheda-Wiedenbrücker (41), der selbst einst eine Metzgerlehre absolvierte. Wenn die Tiere zu viel Alkohol konsumierten, erbrachen sie sich, stellte Festge fest. Im Verlauf der Versuche kamen die Schweine auch zusammen: "Sie  schubsten sich, bissen sich in die Ohren, den Schwanz und die Pfoten ohne Abwehrreaktionen zu zeigen", heißt es in der Dissertation. Am Ende wurden die Schweine in mit Wasser gefüllten Tonnen ertränkt :  "Dabei wurden die Tiere von Ihnen an den Hinterläufen festgehalten und kopfüber in die Fässer getaucht; der Ertrinkungsvorgang dauerte bis zu 12 Minuten an", fasst Robert Tönnies zusammen. Es wurde den Schweinen keine Gelegenheit gegeben, wieder aufzutauchen, heißt es in der Doktorarbeit. Auf eine Narkose wurde verzichtet: "Eine Narkose vor der Tötung musste außer Betracht bleiben, schließlich lag ja eine Alkoholnarkose vor", schrieb Festge dazu. Robert Tönnies fordert Festges Rücktritt Robert Tönnies forderte den Beiratsvorsitzenden in seinem Brief zum Rücktritt auf: "Drastischer hätten Ihre tierquälenden und grausamen Experimente an Schweinen  (...) kaum ausfallen können", stellt er fest. Tierexperimente in dieser Form seien für Tönnies "vollkommen untragbar". Er erinnert Festge daran, dass die Tönnies-Gruppe sich zu Tierschutz und Tierwohl bekannt habe  und Verbesserungen im Tierschutz  fördern wolle. Er hätte erwartet, dass Festge ihn als Gesellschafter vor Antritt seines Amtes über die Doktorarbeit informiert hätte: "Durch die unterlassene Aufklärung fühle ich mich persönlich getäuscht." Die von Robert Tönnies erhobene Rücktrittsforderung steht im Zusammenhang mit dem wieder aufgeflammten Streit mit seinem Onkel Clemens Tönnies um die Macht im Konzern. Doch die Vorwürfe haben auch eine wissenschaftliche und eine ethische Dimension. In dieser Form wären Festges Experimente heute wahrscheinlich nicht mehr möglich, sagt dazu der Münsteraner  Biologe Stefan Schlatt, der  das Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie der Uni Münster leitet. Schlatt hat an dem "Leitbild zum ethischen Umgang mit Tieren" mitgearbeitet, dass sich die Hochschule 2017 gegeben hat und das von Beobachtern als "revolutionär" gelobt wurde. Im Zweifel muss auf manche Tierversuche verzichtet werden Das Leid der Tiere soll nun grundsätzlich mit dem Nutzen und Erkenntnisgewinn von Experimenten abgewogen werden - und im Zeifel soll auf die Durchführung auch verzichtet werden. "Tierversuche, die eine bestimmte Belastungsgrenze übersteigen, sind grundsätzlich ethisch nicht vertretbar", heißt es im Leitbild. Die bedeutet, dass in der Wissenschaft ein Umdenken stattgefunden hat. So habe der Mediziner Gerhard Domagk 1939 den Nobelpreis für Medizin gewonnen. Er habe Ratten infiziert, behandelt und ihre Überlebensdauer registriert, erinnert Schlatt. Domagks Vorgehen sei nach heutiger Rechts- und Empfindungslage bedenklich. Für diese damals üblichen Experimente müsste der Mediziner heute mit großen Schwierigkeiten bei der Zulassung und mit Protest von Tierschützern rechnen. "In dieser Form wären die Experimente heute undenkbar." Die Wissenschaft versucht, Tierversuche zu ersetzen "Es gibt einen riesigen Wandel beim Umgang mit Tierversuchen", so Schlatt. Heute müssen Tierversuche im Vorfeld detailliert dargestellt und genehmigt werden, Ethikkommissionen und Tierschutzbeauftragte müssen ihre Zustimmung geben.  Gegebenenfalls werden Versuche mit hohen Auflagen versehen. "Und ohne Narkose darf man kein Tier töten", so Schlatt. In Festges Versuchen seien die Schweine immerhin durch den Alkohol teilweise narkotisiert gewesen - insofern habe der Unternehmer wohl nichts Illegales getan. Die Forschung versucht demnach, Tierversuche etwa durch Computersimulationen zu ersetzen, die Zahl der Versuche zu reduzieren und  Leiden, Schmerzen und Ängste zu vermeiden oder zu minimieren.  Prinzipiell seien Experimente wie die von Festge aber weiterhin möglich, wenn eine berechtigte Frage gelöst werden solle. Werden die Anforderungen beachtet, seien solche Experimente auch nicht als Tierquälerei zu bewerten. Reinhold Festge hat sich auf Anfrage bisher nicht zu der Kritik geäußert. Angeblich lehnt er einen Rücktritt ab, würde solche Experimente aber heute nicht mehr durchführen wollen. Ein Konzernsprecher wollte die Vorwürfe nicht kommentieren. Der Beiratschef sei aber eine starke Persönlichkeit und genieße  "das volle Vertrauen".

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