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Lieferando hat den Verdrängungswettbewerb der Essenslieferdienste gewonnen. - © picture alliance/dpa
Lieferando hat den Verdrängungswettbewerb der Essenslieferdienste gewonnen. | © picture alliance/dpa

Lieferdienste Der Rückzug von Deliveroo - und was er für deutsche Kunden bedeutet

Nach dem Rückzug von Deliveroo ist Lieferando der einzige überregionale Lieferdienst in Deutschland. Was hat das für Folgen?

Frank-Thomas Wenzel
13.08.2019 | Stand 13.08.2019, 19:17 Uhr

Berlin. Der Essenslieferdienst Deliveroo zieht sich aus Deutschland zurück. Damit bleibt Lieferando als einziger überregionaler Anbieter in Deutschland übrig. Wir erläutern, was das für die Kunden bedeutet und warum es so schwer ist, mit dem Ausfahren von Mahlzeiten Geld zu verdienen. Was sind die Gründe für den Rückzug von Deliveroo? Das britische Unternehmen hat eine wechselvolle Geschichte hierzulande hinter sich. Nach einer stürmischen Expansion und einem heftigen Werbe- und Marketingkampf gegen den Rivalen Foodora kam der Rückzug aus vielen deutschen Großstädten. Zuletzt war das Unternehmen noch in Berlin, Hamburg, Frankfurt (Main), Köln und München aktiv. Im Mai stieg der Online-Gigant Amazon mit 575 Millionen Dollar bei den Briten ein. Das Management kündigte daraufhin zunächst eine Ausweitung der Geschäfte im dritten Quartal an. Insider vermuten, dass nun aber die stärker werdende Konkurrenz durch den niederländischen Rivalen Takeaway das Deliveroo-Management zum Umschwenken gebracht hat. Was tut sich bei Takeaway? Die Niederländer sind auf einem aggressiven Wachstumskurs. Sie haben im Frühjahr das Berliner Unternehmen Delivery Hero mit den hiesigen Marken Lieferheld, Pizza.de und Foodora übernommen. Nun steht die Fusion mit dem britischen Mahlzeitendienst Just Eat bevor. Damit soll, so Takeaway-Vorstand Jörg Gerbig, die größte Plattform für Essenslieferdienste außerhalb Chinas entstehen – mit einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro jährlich und mit mehr als 350 Millionen Bestellungen. Das bedeutet: Deliveroo wird auf seinem Heimatmarkt attackiert. Vieles spricht dafür, dass das Unternehmen seine Ressourcen nun auf den Kampf um Marktanteile in Großbritannien und andere wichtige Märkte konzentrieren will. Warum diese heftige Expansion? Das Management von Takeaway hat immer wieder betont, dass man auf Skaleneffekte setze. Mit schierer Größe sollen Kosten gedrückt werden. Denn es ist enorm schwer, mit der modernen Variante von „Essen auf Rädern" Geld zu verdienen, obwohl die Zahl der Bestellungen auf den meisten Märkten nach wie vor steigt. Das Takeaway-Management weist darauf hin, dass an vielen Standorten nur jeder Zehnte die Onlinedienste für Gekochtes und Gebratenes nutzt. Potenziale seien da. Um sie zu nutzen, sind unter anderem Investitionen in Informationstechnik enorm wichtig – mit dem Ziel, ein Angebot an Mahlzeiten zu bieten, das für das jeweilige Stadtviertel und seine Bewohner maßgeschneidert ist. Was unterscheidet Lieferando und Deliveroo? Deliveroo ist der klassische Vertreter eines Premium-Dienstes. Im Fokus soll gehobene Gastronomie stehen. Dafür bietet das Unternehmen nicht nur eine Internet-Plattform mit einer großen Auswahl zum Bestellen der Mahlzeiten und die Infrastruktur zur Abwicklung der Bezahlung, sondern auch das Ausfahren der Mahlzeiten mit eigenen Fahrern. Vor allem deren Lohnkosten machen Deliveroo heftig zu schaffen. Lieferando ist vor allem ein sogenannter Aggregator, der sich auf das Betreiben der Plattform konzentriert. Nur bei etwa fünf Prozent der Bestellungen sollen die Gerichte künftig von eigenen Fahrradkurieren zu den Hungrigen gebracht werden. Obwohl Takeaway-Chef Jitse Groen mehrfach betont hat, dass dieses Geschäftsmodell „unmöglich profitabel" zu betreiben sei. Was bedeutet es hierzulande, dass Lieferando quasi als Monopolist übrig bleibt? Das bedeutet für Lieferando zunächst einmal, dass die Chancen, Geld zu verdienen, gestiegen sind. Zumal jetzt die Möglichkeit besteht, die teuren Dienste mit den eigenen Fahrern zurückzuschrauben. Theoretisch gebe es auch die Möglichkeit, dass die Niederländer die ohnehin schon hohen Gebühren, die sie von den Restaurants kassieren, nochmal hochzuschrauben. Allerdings stellt sich die Frage, wie viel da durchsetzbar ist. Denn Gastronomen können Lieferdienste auf eigene Faust und mit eigenem Personal relativ problemlos ausbauen. Denn es stellt sich ohnehin die Frage, wie groß die Potenziale von Lieferando und Co sind. So brauchen Kunden nicht unbedingt eine Auswahl aus Dutzenden von Restaurants, um Burger und Pizza zu ordern. Viele sind Stammkunden bei einer Handvoll Restaurants, wo regelmäßig bestellt wird. Was passiert mit den Fahrern von Deliveroo? Rund 1.100 Frauen und Männer verlieren von heute auf morgen ihren Job. Wobei es sich um „Freiberufliche" handelt. Viele Studierende sind darunter. Deliveroo hat angekündigt, Abfindungen zu zahlen, ohne Details zu nennen. Guido Zeitler, Chef der Gewerkschaft Nahrung- Genuss-Gaststätten, betonte, seine Organisation weine Deliveroo „keine Träne nach". Die Geschäftspraktiken des Unternehmens beruhten „komplett auf Scheinselbstständigkeit". Dem müsse die Politik einen Riegel vorschieben. Auch bei Lieferdiensten müsse es eine „sozialversicherungspflichtige Beschäftigung" geben. Was müssen Nutzer nun beachten? Die Plattform Netzpolitik.org empfiehlt Deliveroo-Kunden für „Digitalhygiene" zu sorgen. Denn der Essensdienst ist auch ein emsiger Datensammler. Nutzer sollten einerseits ihr Deliveroo-Konto löschen und zur Sicherheit auch das Unternehmen zur Löschung aller Daten nach der Datenschutzgrundverordnung auffordern. Ein Musterformular gibt es bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen.

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