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Die Zulassungszahlen für Elektroautos in Deutschland explodieren? Naja, nicht ganz. - © picture alliance/dpa
Die Zulassungszahlen für Elektroautos in Deutschland explodieren? Naja, nicht ganz. | © picture alliance/dpa

Netzwelt CDU blamiert sich mit Tweet zu Elektroauto-Zulassungszahlen

Geht es nach der CDU, hat Deutschland Norwegen bei der Elektromobilität längst abgehängt. Doch die Partei hat ein wichtiges Detail übersehen.

Matthias Schwarzer
01.08.2019 | Stand 01.08.2019, 09:54 Uhr |

Berlin. Es wäre zu schön um wahr zu sein: Deutschland ist Vorreiter bei der Elektromobilität, die Innenstädte frei von Abgasen und die Straßen sicher für Radfahrer. Ganz so ist es allerdings nicht: Das Land hinkt bei der Verkehrswende meilenweit hinterher. Vorreiter in Europa sind stattdessen eher nordische Länder wie Finnland, Schweden oder Norwegen. Wenn es nach der CDU geht, hat sich das inzwischen jedoch geändert. "Deutschland hat Norwegen bei den E-Autos überholt", twitterte die Partei am Mittwoch. "Das ist eine echte Nachricht, denn Norwegen ist eigentlich führend in der E-Mobilität – nirgendwo fahren so viele Autos elektrisch. Doch es ändert sich etwas", heißt es in dem Post, der inzwischen heftig kritisiert wird. #Klimadialog: Deutschland hat Norwegen bei den E-Autos überholt. Das ist eine echte Nachricht, denn Norwegen ist eigentlich führend in der E-Mobilität – nirgendwo fahren so viele Autos elektrisch. Doch es ändert sich etwas: … pic.twitter.com/JEc2QHoECP — CDU Deutschlands (@CDU) July 31, 2019 Denn ein kleines Detail hat die Partei in ihrem Tweet ausgelassen: Deutschland hat immerhin 82 Millionen Einwohner - in Norwegen leben nur rund 5 Millionen Menschen. Und so ergibt sich bei den Zulassungszahlen für Elektroautos ein völlig anderes Bild: Zwar waren die Zahlen in Deutschland zuletzt von 1,8 auf 2,6 Prozent gestiegen. Die in Norwegen neu zugelassenen 44.000 Elektroautos (plus 22 Prozent) bedeuten allerdings einen Marktanteil von 56,2 Prozent. Mehr als jedes zweite neu zugelassene Fahrzeug ist ein Elektroauto - ein absoluter Rekordwert weltweit. CDU reagiert auf Kritik "In Norwegen ist jedes zweite neu zugelassene Auto ein Elektrofahrzeug", merkt auch der Twitter-Nutzer @alcesmoose an. "Es macht wirklich ärgerlich, wenn man als Wähler so plump beschwindelt wird." "Zählt sowas eigentlich schon zu #FakeNews?", fragt @DSLawFox. Video: Stadt ohne Stau - wie clever Helsinki seinen Verkehr organisiert @BMittermaier spottet: "Deutschland hat mehr katholische Priester als der Vatikan. Das ist eine echte Nachricht, denn der Vatikan ist in der katholischen Kirche führend." Und @FatLG_FatLP schreibt: "Jetzt kommt euch eure beschissene Bildungspolitik endlich entgegen. Wie kann man nur einen solchen Schwachsinn von sich geben?" Ein Nutzer empfiehlt der CDU, den Tweet lieber schnell zu löschen. Die Partei reagiert darauf: "Sorry, wir löschen nicht. Aber wir nutzen den Sommer, um (zunächst mit unseren #CDU-Mitgliedern) #Klimadialog zu führen." Sorry, wir löschen nicht. Aber wir nutzen den Sommer, um (zunächst mit unseren #CDU-Mitgliedern) #Klimadialog zu führen. So wollen wir Vorschläge für Einhaltung der Klimaziele erarbeiten. Ziel: nat. Klimakonsens über die Grenzen von Parteien und gesellschaftlichen Gruppen hinweg. — CDU Deutschlands (@CDU) July 31, 2019 Freie Fahrt für E-Autos in Norwegen Die Bundesregierung wird immer wieder für ihren Kurs bei der Verkehrswende kritisiert - und Norwegen ist tatsächlich einen ganzen Schritt weiter: Die Regierung hatte den Kauf eines E-Mobils in den vergangenen Jahren stark subventioniert. Wer ein E-Auto kauft, muss beispielsweise keine Mehrwertsteuer zahlen. Außerdem fällt die Registrierungssteuer weg, die in Norwegen im Zweifel mehrere Tausend Euro ausmachen kann. Wer ein Elektroauto besitzt, kommt erst richtig auf seine Kosten: Die Fahrzeuge können in vielen norwegischen Städten umsonst parken, außerdem dürfen sie Mautstraßen, Busspuren und Fährverbindungen kostenlos nutzen. Die Kraftfahrzeugsteuer ist deutlich niedriger als bei Autos mit Verbrennungsmotoren. An öffentlichen Ladestationen können Besitzer ihre E-Mobile auftanken - und zwar völlig gratis. Ab 2025 sollen, zumindest nach dem Wunsch der Regierung, überhaupt keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr in Norwegen zugelassen werden. In Deutschland erhielten Käufer eines Elektroautos zuletzt nur eine Kaufprämie von maximal 4.000 Euro - die Hälfte kommt vom Staat, die andere vom Hersteller. Das Interesse der Kunden blieb dementsprechend gering: Das 2010 ausgerufene Ziel von Angela Merkel, binnen zehn Jahren eine Million strombetriebene Fahrzeuge auf die deutschen Straßen zu bringen, hat die Kanzlerin längst widerrufen.

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