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Ein Crashtest-Dummy in einem Unfallwagen. - © picture alliance
Ein Crashtest-Dummy in einem Unfallwagen. | © picture alliance
Crashtest-Dummys

Warum Frauen bei Verkehrsunfällen ein höheres Verletzungsrisiko haben

Frauen haben bei Autounfällen ein höheres Verletzungsrisiko als Männer, weil in vielen Bereichen ausschließlich männliche Crashtest-Dummys eingesetzt werden. Es gibt weibliche Dummys, aber die werden vom Gesetzgeber nicht vorgesehen.

Carolin Nieder-Entgelmeier
21.06.2019 | Stand 21.06.2019, 13:20 Uhr

Göteborg/Berlin. Frauen haben bei Autounfällen ein höheres Verletzungsrisiko als Männer. Unfallforscher machen dafür auch die fehlende Gleichberechtigung in der Sicherheitsentwicklung von Autos verantwortlich. Denn in vielen Bereichen werden ausschließlich männliche Crashtest-Dummys eingesetzt. Der Mann gilt als Maßstab für alle Autofahrer. Der schwedische Autohersteller Volvo will das ändern, damit beide Geschlechter von den Innovationen in der Sicherheitstechnik profitieren.

Der weltweit am häufigsten eingesetzte Crashtest-Dummy wird 50-Prozent-Mann genannt, ist 30 Jahre alt, 1,75 Meter groß und 78 Kilogramm schwer. Menschen, die diese Norm unterschreiten, sind nach Einschätzung von Unfallforschern nicht so gut geschützt, wie Männer, die der Norm entsprechen. "Nachteile ergeben sich dadurch vor allem für Frauen, weil sie im Durchschnitt kleiner sind", erklärt Bernd Lorenz, Leiter des Referats passive Fahrzeugsicherheit und Biomechanik bei der Bundesanstalt für Verkehrswesen. Bei Heck- und Frontalunfällen verletzen sich Frauen nach Angaben von Lorenz häufig schwerer als Männer. "Auch bei Seitenkollisionen ergeben sich Unterschiede, allerdings eher aufgrund der Fahrzeugauslegung."

Eine Unfallstudie der Unfallforschung der deutschen Versicherungen stellt einen erschreckenden Zusammenhang zwischen Körpergröße und Verletzungsschwere fest: Die Hälfte aller lebensbedrohlich verletzten Autofahrer sind Frauen, obwohl sie weniger am Verkehr beteiligt sind als Männer. Für das Institut ein Beleg dafür, dass es Defizite bei der ergonomischen Konzeption und der Sicherheitsausstattung von Autos gibt.

Autohersteller verpflichten sich für freiwillige Tests

Mit der Initiative Eva (Equal Vehicles for all) macht Volvo auf die Benachteiligung von Frauen aufmerksam, die seit Beginn der Sicherheitsentwicklung von Autos besteht. Um das zu ändern, stellt der Autohersteller in einer Online-Bibliothek seine Ergebnisse aus 40 Jahren Unfallforschung der gesamten Autoindustrie zur Verfügung. "Durch das langjährige Sammeln von Daten aus echten Unfällen haben wir herausgefunden, welche Verletzungen in unterschiedlichen Unfallszenarien bei Männern, Frauen und Kindern auftreten", erklärt Lotta Jakobsson vom Volvo-Sicherheitszentrum. Volvo nutzt die Initiative auch als Markenkampagne. Nach Angaben des Unternehmens ist Volvo einer der wenigen Autohersteller, der auch mit weiblichen Crashtest-Dummys arbeitet.

Korrekt ist die Aussage der Kampagne von Volvo jedoch nur bedingt. "Richtig ist, dass Frauen bei Autounfällen ein höheres Verletzungsrisiko haben als Männer und die Autoindustrie sowie der Gesetzgeber nachbessern müssen", erklärt Lorenz. "Falsch ist, dass die meisten Autohersteller nur männliche Crashtest-Dummys einsetzen." Das beweist ein Blick auf die Arbeit des Netzwerks "European New Car Assessment Programme" (Euro NCAP), in dem europäische Institutionen die passive Sicherheit von Autos prüfen.

"Die Tests des Netzwerks sind freiwillig, doch die meisten großen Autohersteller beteiligen sich und stellen sich den Anforderungen, die alle zwei Jahre erhöht werden", erklärt Lorenz, der auch Mitglied im Aufsichtsrat des Euro NCAP ist. Die Anforderungen des Netzwerks gehen weit über die gesetzlichen Anforderungen hinaus, da in einigen Bereichen auch weibliche Crashtest-Dummys eingesetzt werden und auch Tests durchgeführt werden, die der Gesetzgeber nicht vorsieht.

"Der Weg in die Zukunft ist die Vermeidung von Unfällen"

"Für die Typgenehmigungen von Autos müssen Hersteller gesetzliche Mindeststandards in den Bereichen Sicherheit und Umwelt erfüllen. Teil dieser Genehmigungen sind auch Unfall-Simulationen, bei denen bislang gesetzlich aber keine Tests mit weiblichen Crashtest-Dummys vorgesehen sind", sagt Lorenz. "Das muss sich dringend ändern, sowohl mit Blick auf weibliche Fahrer, als auch mit Blick auf ältere Fahrer, die sich deutlich häufiger schwerer verletzen als jüngere Autofahrer." Aus diesem Grund befürwortet Lorenz die neue Kampagne von Volvo. "Es ist wichtig, Öffentlichkeit zu schaffen."

Der weltweit größte Hersteller von Crashtest-Dummys, das US-amerikanische Unternehmen Humanetics, steuert bereits um und fertigt neue Testfahrer. Mittlerweile gibt es männliche und weibliche Dummys in verschiedenen Größen sowie Varianten im Kinderformat, dicke Exemplare und Seniorenversionen. "Die Entwicklung von Crashtest-Dummys ist jedoch sehr aufwendig und kostspielig, was dazu führt, dass in der Forschung nicht ständig neue Dummys eingesetzt werden können", erklärt Lorenz. "Für die neuste Entwicklung von Humanetics, Crashtest-Dummy Thor, zahlen Kunden pro Puppe rund eine Million Euro."

Viel getan hat sich nach Angaben von Lorenz in den vergangenen Jahren auch in der aktiven Fahrzeugsicherheit. "Es wird zwar immer Unfälle geben, aber der Weg in die Zukunft ist die Vermeidung von Unfällen, wie zum Beispiel durch Notbremssysteme."

Information
Sicher im Auto sitzen

Der ADAC warnt vor folgenden Sitzpositionen:

Der Klammerer:
Die verkrampfte Haltung dicht am Lenkrad ermüdet, außerdem macht der geringe Abstand zum Lenkrad schnelle Ausweichmanöver unmöglich und bei einem Unfall ist der Fahrer zu nah am Airbag.

Der Oberlässige:
In der Liegeposition verliert der Rücken viel Lehnenkontakt, und die Entfernung zur Kopfstütze wächst gefährlich. Zielgenaue Lenkmanöver in Notsituationen werden fast unmöglich. Bei einem Unfall können die Sicherheitssysteme wie Airbags und Gurte nicht optimal vor Verletzungen schützen.

Der Einhandfahrer:
Mit einer Hand wird jedes plötzliche Ausweichmanöver zu einem unkalkulierbaren Rudern .

Zudem sollten Autofahrer auf folgendes achten: 
15 Zentimeter Platz zwischen Brust und Lenkrad, der Gurt darf nicht zu nah am Hals liegen und nicht über die Schulter rutschen sowie aufrecht sitzen und engen Kontakt zur Kopfstütze halten.
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