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Vielfach ausgezeichnet: Unternehmer Michael Grübel (rechts) zeigt gemeinsam mit Azubi Kevin Schlüter  seinen Betrieb der Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl. - © Oliver Krato
Vielfach ausgezeichnet: Unternehmer Michael Grübel (rechts) zeigt gemeinsam mit Azubi Kevin Schlüter  seinen Betrieb der Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl. | © Oliver Krato

Gesellschaft Mehrheit der Firmen hat Sinn fürs Gemeinwohl

Eine Bertelsmann-Studie untersucht gesellschaftliches Engagement von Unternehmen. Das Ergebnis: Der Einsatz in ländlich strukturierten Regionen ist größer als in städtischer Umgebung. Dafür gibt es Beispiele auch in OWL.

Dirk Müller
18.05.2019 | Stand 22.05.2019, 13:12 Uhr

Bielefeld. Als er sich selbstständig machte mit einem weiteren Mitarbeiter im Jahr 2000, erzählt Michael Grübel, habe er sich viele Gedanken gemacht: "Wie richte ich mein Unternehmen aus?" Und sehr schnell, so der Betriebswirt und Meister im Holz- und Bautenschutz, habe festgestanden: "Ich will in jeder Hinsicht begeistern - kaufmännisch, technisch und auch gesellschaftlich." Heute, 19 Jahre später, ist Grübel mit dem Erreichten nicht unzufrieden: "Ja, ich habe das umgesetzt." Grübels Bielefelder Trocknungsfachbetrieb mit Niederlassungen in Herford, Detmold und Osnabrück beschäftigt 76 Mitarbeiter und die alle wissen: Dem Chef geht es um mehr als erledigte Aufträge, trockene Wände und zufriedene Kunden. Kaufmann Michael Grübel will gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, dem Gemeinwohl etwas zurückgeben vom eigenen unternehmerischen Erfolg. "Helfende Hände" geben etwas zurück Was die Firma der Gesellschaft zurückgibt, übernehmen seit 2003 die "Helfenden Hände", ein gemeinnütziges Projekt, bei dem Grübel und seine Mitarbeiter - vom Auszubildenden bis zur Firmenleitung - anderen unter die Arme greifen. In Phasen, in denen die Auftragslage das erlaubt, wird etwa "Hilfe durch Handwerk" geleistet: Grübel-Mitarbeiter gehen in Kindergärten, Schulen, Heime oder auch Theater, sanieren und reparieren kostenlos, was marode ist. Auszubildende spenden darüber hinaus "Zeit im Alter", besuchen Alten- und Pflegeheime, wo sie mit Bewohnern sprechen, singen oder spielen. Michael Grübels Trocknungsfachbetrieb ist mit seinem gesellschaftlichen Engagement kein Einzelfall. Wie und wo sich Unternehmen sozial engagieren, was sie für wichtige gesellschaftliche Aufgaben halten, das hat die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit dem Stifterverband untersucht. Mehr als 7.000 Unternehmen in Deutschland beantworteten entsprechende Fragen. Ein Ergebnis: Firmen in ländlichen Regionen engagieren sich laut der Studie gesellschaftlich tendenziell stärker als Unternehmen in der Stadt. Demnach engagieren sich in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München 57 Prozent der Firmen regelmäßig, in ländlichen Räumen seien es rund 70 Prozent. In städtischem Umfeld andere Schwerpunkte Und sie definieren auch unterschiedlich, wo denn soziales Engagement am nötigsten wäre: Während jeder vierte bis fünfte Betrieb auf dem Land als Top-Herausforderungen den demografischen Wandel (25 Prozent) und die Gestaltung einer lebenswerten Region (22 Prozent) nennen, steht für städtische Unternehmen häufiger eine bessere Integration von Menschen mit Migrationshintergrund (16 Prozent) und der Kampf gegen Armut (14 Prozent) als wichtigste gesellschaftliche Aufgaben vornan. Ein Beispiel für ein Unternehmen, das klassische Kernkompetenz mit gesellschaftlichem Engagement für Minderheiten verbindet, ist die Firma Kampmann International in Borgholzhausen. Mit 10 Mitarbeitern fertigt Jürgen Kampmann Berufsbekleidung und Merchandising-Artikel, die etwa im Stadt- und Destinationsmarketing zum Einsatz kommen. Dabei hat sich Kampmann speziell der Lebenserleichterung nichtsehender Menschen angenommen. Dank eigener Stickerei-Fertigung und der Erfindung der Braille-Blindenschrift für Kleidung kann Kampmann Nichtsehenden Produkte kostengünstig anbieten, die ihnen die Identifikation von Gegenständen des täglichen Lebens erleichtern. Gleichzeitig sensibilisiert die Firma auch andere Unternehmen für die Fragestellung: Welche Auswirkungen haben meine Produkte auch auf Minderheiten? "Das muss wohl in den Genen liegen" Schon dem Vater und Großvater - das Unternehmen feiert im August 100jähriges Bestehen - sei Engagement für das Gemeinwohl selbstverständliche Verpflichtung gewesen, sagt Jürgen Kampmann. Gemeinsam mit dem Schillingshof in Bethel habe bereits der Großvater Nichtseßhaften Arbeit gegeben oder sich im Naturschutz engagiert. "Das muss wohl in den Genen liegen", beschreibt der Unternehmer seine Motivation, sich gesellschaftlich einzubringen. Die Bertelsmann-Studie listet als weitere Beispiele gesellschaftlichen Einsatzes das Anpacken bei konkretem Anlass wie Hochwasser, Geld- und Sachspenden, Mitarbeiter-Freistellungen für Ehrenämter, Überlassung von Firmen-Räumen oder Firmenfahrzeugen, eigene Stiftungen oder auch eigene soziale Projekte auf. Bürokratie hemmt Engagement "Unternehmen engagieren sich in den ländlichen und mitunter strukturschwächeren Regionen nicht weniger für gesellschaftliche Belange als in Ballungsräumen, im Gegenteil. Unternehmen erkennen die Herausforderungen und gehen sie an. Das ist eine gute Nachricht", bewertet Detlef Hollmann, Experte für Unternehmensengagement der Bertelsmann Stifung, die Ergebnisse der Studie. Und Liz Mohn, stellvertretende Stiftungs-Vorsitzende, lobt, die Unternehmer im Land seien "regional verwurzelt und wissen, welche Herausforderungen die Menschen vor Ort zu bewältigen haben". Allerdings - und auch das teilten die untersuchten Unternehmen den Forschern mit - könnte Unterstützung fürs Gemeinwohl durchaus noch häufiger sein: Rund 80 Prozent der Unternehmen sehen schlechte Rahmenbedingungen in Deutschland als Hemmnis für mehr Engagement. Sie bemängeln, dass unter anderem hohe bürokratische Anforderungen sie daran hindern, sich vor Ort noch stärker einzubringen.

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