Unter der Lupe: Der Shopping-Center-Report hat Einkaufszentren untersucht. Hier die City-Arkaden in Wuppertal. - © picture alliance
Unter der Lupe: Der Shopping-Center-Report hat Einkaufszentren untersucht. Hier die City-Arkaden in Wuppertal. | © picture alliance

Handel Studie: Kaum noch neue Shopping-Center

Ein aktueller Report sieht das Ende des früheren Booms. Nur noch vereinzelte Neueröffnungen sind geplant. Das Bielefelder Loom sieht sich gut aufgestellt

Dirk Müller
16.05.2019 | Stand 16.05.2019, 18:50 Uhr

Bielefeld/Köln. Ist die Zeit der großen Einkaufszentren mit zahlreichen Geschäften unter einem Dach vorbei? Jedenfalls werden in Deutschland nur noch vereinzelt neue Projekte in Angriff genommen und realisiert. Nach einer aktuellen Studie des Kölner EHI Retail Institute, eines Forschungs- und Beratungsinstituts für den Handel, hat sich das Konzept der Konsumpaläste, die in den vergangenen Jahrzehnten in Innenstädten betrieben oder auf der grünen Wiese errichtet wurden und die Entwicklung im Handel prägten, offenbar weitgehend überlebt oder steht zumindest vor weitreichenden Neudefinitionen. Als Hauptgrund wird im Shopping-Center-Report der zunehmende Online-Handel genannt, der die bestehenden Einkaufszentren vor immer größere Herausforderungen stellt.

Derzeit gibt es in Deutschland 483 Shoppingcenter, weist der Report aus. Früher eröffneten im Schnitt zehn bis 15 neue pro Jahr. In den vergangenen 25 Jahren hat sich ihre Zahl verdreifacht. Doch der Boom scheint vorbei. "Die Gesamtzahl dürfte bis Ende 2019 noch auf 489 Center steigen", heißt es in dem Report. "Das ist runter gegangen. Wir hatten 2018 nur noch drei Eröffnungen und auch in diesem Jahr wird es wieder so in der Größenordnung sein", wird EHI-Studienleiter Marco Atzberger zitiert.

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Frequenz in Innenstädten

Außer der Zunahme des Online-Handels gefährden laut Thomas Kunz, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands OWL, weitere Faktoren die Besucherfrequenz in den Innenstädten und damit das Überleben zahlreicher Geschäfte des stationären Handels. So habe der anhaltende Streit um verkaufsoffene Sonntage erhebliche Auswirkungen: Allein in OWL sei dem Handel in diesem Jahr durch ausgefallene Verkaufssonntage rund 100 Millionen Euro Umsatzvolumen entgangen; allein in Bielefeld waren es fünf Millionen Euro. Hier kam noch eine Großdemonstration erschwerend hinzu.
Außerdem verunsicherten mögliche Dieselfahrverbote und fehlende Verkehrskonzepte die Verbraucher.

NRW mit 81 Einkaufszentren Spitzenreiter im Land

Nordrhein-Westfalen ist das Bundesland mit den meisten Shopping-Centern: 81 Einkaufszentren buhlen an Rhein und Ruhr um die Kunden; mit dem Centro in Oberhausen liegt hier auch das größte und meistbesuchte Shopping-Center. Nur noch wenige, deutlich kleinere Zentren sind geplant. Die Kölner Studie führt dies zum einen darauf zurück, dass es nicht mehr so viele attraktive Standorte gibt wie in den vergangenen Jahren.

Zum anderen hat sich die Nachfrage unter der Konkurrenz des Online-Handels offenbar stark verändert. "Über einen sehr langen Zeitraum hinweg galt die Mode-Branche als das Rückgrat der Center-Industrie", so der Report. Heute seien die Textil-Händler vorsichtiger mit der Anmietung von Verkaufsflächen. Es gibt warnende Bespiele: Die Studie nennt hier explizit die Insolvenz des "einstigen Expansions-Champions Gerry Weber" sowie die Schließung von H&M-Filialen in Münchner Top-Lagen.

Michael Latz, Center-Manager des Bielefelder "Loom". - © Jörg Dieckmann
Michael Latz, Center-Manager des Bielefelder "Loom". | © Jörg Dieckmann

Während die Center-Manager vielfach über die richtige Mischung ihres Angebots nachdenken, und etwa gastronomischen und unterhaltenden Geschäften mehr Raum bieten, beschäftigen Investoren und Betreiber sich mit den richtigen Standorten: "Was wir jetzt beobachten", so Marco Atzberger vom EHI, "ist, das man die Anbindung zur Innenstadt sucht." Gefragt sei die sogenannte "Quartierslösung", die Mischung von Ladenflächen im Center mit Büros, Wohnungen Dienstleistungsangeboten. Häufig werde heute gemeinsam mit den Kommunen versucht, ein Konzept zu finden, das in der jeweiligen Stadt funktionieren könne.

"Für Bielefeld passende Lösung"

Eine Entwicklung, der offensichtlich bei der Planung und Realisierung des Bielefelder Centers "Loom" bereits Rechnung getragen wurde. Das "Loom" mit rund 110 Shops in der Bielefelder Innenstadt gehört der Betreibergesellschaft ECE - mit insgesamt 94 Shopping-Centern der Markführer in Deutschland. Der Bielefelder Center-Manager Michael Latz bestätigt das: "Wir haben vor der Eröffnung sehr konstruktiv und partnerschaftlich gemeinsam mit der Bielefelder Politik, der Stadtverwaltung, der IHK und dem Handelsverband ein Konzept für das Umstrukturierungsprojekt erarbeitet, um eine für Bielefeld passende Lösung zu finden", sagt Latz. Ziel sei eine sinnvolle Ergänzung des Einzelhandelsangebots und eine Stärkung der Ausstrahlungskraft Bielefelds.

Auch Thomas Kunz, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes OWL, stützt dies. "Das ,Loom' hat die Kundenfrequenz in der Bielefelder Innenstadt erhöht", konstatiert er. Und das sei genau das, was der Handel angesichts veränderter Kaufgewohnheiten brauche.

"Center haben schnelle Entscheidungswege"

"Loom"-Center-Manager Michael Latz glaubt weiter an die Zukunft der Shopping-Center-Idee auch bei wachsendem Konkurrenzdruck durch den Online-Handel. " Einkaufszentren sind besonders flexible Immobilien und können sich daher immer wieder neu erfinden, indem sie die Chancen und Trends des sich stetig wandelnden Handels aufnehmen, verarbeiten und umsetzen", sagt er. Center hätten da sogar Vorteile gegenüber Einkaufsstraßen mit zahlreichen Geschäftseigentümern: "Zentrales professionelles Center-Management und ein einheitlicher Eigentümer machen schnelle Entscheidungswege und eine konzeptionelle Arbeit möglich."

Auch von einer weiteren zentralen Erkenntnis der Kölner Handelsforscher bleibt das Bielefelder "Loom" unberührt: Von Umbau oder Neugestaltung, wie sie derzeit bei vielen älteren Centern geplant oder bereits begonnen wurde, ist hier keine Rede. "Wenn es um das reine Shopping geht, kann das Center-Geschäft mit dem Online-Handel kaum mithalten"; so der Report. Der stationäre Handel müsse mit anderen Inhalten punkten: attraktive Architektur, Wohlfühl-Atmosphäre und Aufenthaltsqualität seien gefragt, um die Verbraucher wieder aus den Wohnzimmern in die Center zu locken.

"Loom"-Manager Michael Latz hält das Bielefelder Center auch in dieser Hinsicht für beispielhaft: "Es wurden hier 135 Millionen Euro investiert, um die in die Jahre gekommene City-Passage in ein modernes Shopping-Center umzubauen. Da das ,Loom' erst 2017 eröffnet hat, fühlen wir uns noch frisch und modern."

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