So bunt ist der Frühling: Hinter einem gelben Rapsfeld in Niedersachsen drehen sich die Windräder. - © Symbolfoto dpa
So bunt ist der Frühling: Hinter einem gelben Rapsfeld in Niedersachsen drehen sich die Windräder. | © Symbolfoto dpa

Energie Trotz Rekord-Strommenge: Flaute beim Ausbau der Windenergie

Fast die Hälfte des Stroms in Deutschland stammt aus erneuerbaren Energien. Doch es werden fast keine neuen Windräder mehr errichtet

Dirk Müller
13.05.2019 | Stand 13.05.2019, 17:26 Uhr

Bielefeld/Paderborn. Die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien steuert in diesem Jahr auf einen neuen Höchststand hin. Gleichzeitig könnte damit schon das mögliche Maximum erreicht sein, weil Genehmigungen und Betrieb neuer Windkraftanlagen nahezu zum Erliegen gekommen sind. Bundesweit gingen in den ersten drei Monaten des Jahres lediglich 41 neue Windräder mit einer Leistung von 134 Megawatt ans Netz, wie die Fachagentur Windenergie an Land jetzt mitteilte – so wenig wie seit vielen Jahren nicht mehr. Eine Entwicklung, die sich schon im Jahr 2018 abzeichnete, wie Zahlen der Bezirksregierung in Detmold belegen. Zum 1. Januar 2019 kam OWL auf 975 Windräder; nur 22 mehr als zum Stichtag im Vorjahr (953). Zuwachs in OWL allein im Kreis Paderborn Der Zuwachs speist sich laut Bezirksregierung ausschließlich aus dem Zubau im Kreis Paderborn. Hier betreibt etwa die Firma Westfalenwind mehrere Windparks und Sprecher Daniel Saage nennt im wesentlichen zwei Gründe, warum immer weniger neue Windenergie-Anlagen realisiert werden. Zum einen führe der Artenschutz zu immer höheren Auflagen, die Naturschutzverbände machten Druck auf die Genehmigungsbehörden. „Jeder Rotmilan-Horst muss untersucht werden", weiß Saage, „im Ergebnis ziehen sich die Verfahren immer länger hin, immer weniger Genehmigungen werden erteilt." Rückgang durch Ausschreibungsverfahren Noch gravierender schlägt womöglich die Umstellung der Förderpraxis im Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) zum Beginn des Jahr 2017 zu Buche: Seitdem müssen sich potentielle Windrad-Betreiber in einem Ausschreibungsverfahren um Genehmigungen und Fördermittel bewerben, was dazu führt, dass viele angedachte Projekte nicht mehr realistisch finanzierbar sind. So sind von 730 Anlagen, die vor der Neuregelung einen Zuschlag erhielten, erst 35 am Netz, wie die vorliegenden Zahl der Fachagentur Wind ausweisen. Bis Anfang Mai dieses Jahres wurde laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE annähernd die Hälfte des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Quellen hergestellt, genau 46,8 Prozent. Den größten Anteil lieferte dabei der Windstrom an Land und auf See mit 27 Prozent, vor der Braunkohle mit 19,5 Prozent. Rekordtag war der Ostermontag Top-Tag war der Ostermontag, ein Tag mit viel Sonne und Wind: An diesem Feiertag kamen mehr als drei Viertel des Stroms aus erneuerbaren Quellen; der Wind-Anteil an der Gesamtproduktion betrug 40 Prozent. Das war ein neuer Rekordwert.Ob das gesamte Jahr 2019 diesen hohen Ökostrom-Anteil ausweist hängt von den weiteren Wetterbedingungen ab. Vieles spricht jedoch dafür, dass ein vorläufiger Höhepunkt erreicht ist. Fest steht: Der Ausbau der Windenergie an Land stagniert nahezu. Die Flaute beim Ausbau der Windenenergie trifft auf einen absehbaren Verlust von Windrädern in den kommenden Jahren. Viele ältere Windkraftwerke fallen von 2020 an aus der Förderung heraus und sind oft nicht mehr wirtschaftlich. Etwa 14 000 Megawatt, rund ein Viertel der installierten Leistung, steht bis 2023 auf der Kippe und müsste ersetzt werden.Windenergie ist die wichtigste Säule Das Ziel der Bundesregierung, bis 2030 rund 65 Prozent des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen zu decken, rückt damit in weitere Ferne. «Der Ausbau der Windenergie an Land steckt in einer kritischen Situation», sagt Stefan Kapferer vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). «Wir sind weit entfernt vom Erreichen der Klimaziele.» Volker Quaschning von der HTW Berlin meint: «Die Windenergie ist in Deutschland die wichtigste Säule für das Erreichen einer klimaneutralen Energieversorgung und der Pariser Klimaschutzziele, die mit dem jetzigen Zubau zu einer vollkommenen Illusion verkommen.» Die Experten fordern von der Politik vermehrte Anstrengungen zum Ausbau der Windenergie. Notwendig seien ein Ausbau um 6,5 Gigawatt pro Jahr netto an Land sowie höhere Ausbauziele auf See. (Mit Material von dpa)

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