Feinarbeit: Ein Auszubildender im Metall-Handwerk misst in einem Ausbildungszentrum die Dicke eines Werkstücks. - © picture alliance/dpa
Feinarbeit: Ein Auszubildender im Metall-Handwerk misst in einem Ausbildungszentrum die Dicke eines Werkstücks. | © picture alliance/dpa

Arbeitsmarkt Alarmsignal: So viele Ungelernte wie noch nie

Noch nie gab es so viele Menschen ohne Berufsabschluss wie in diesem Jahr. Trotzdem ist Zahl der Lehrverträge zum fünften Mal gestiegen

Berlin. Das ist sicherlich eine gute Nachricht: Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge ist zum fünften Mal in Folge gestiegen auf nunmehr 531.400. Der Anstieg um fast 9.000 ist beachtlich. So steht es im Berufsbildungsbericht 2019, den das Bundeskabinett gerade verabschiedet hat und der nun zur Beratung im Bundestag ansteht. Es ist nicht alles Gold, was glänzt Für Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) ist damit erwiesen: „Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt ist weiter gut." Wer lediglich flüchtig auf die Statistiken schaut, mag dem zustimmen: Auf 100 Bewerber kommen 106 Ausbildungsplätze. Die Wirtschaft hat nämlich das Angebot gegenüber dem Vorjahr um 16.800 Plätze erweitert. Wer jedoch genauer hinschaut, der erkennt, dass das eine geschönte Statistik ist. Sie berücksichtigt nicht diejenigen, die mit einem anderen Bildungsangebot (etwa einer schulischen Maßnahme) versorgt sind, aber weiter eine Lehrstelle suchen. Die Ministerin räumt deshalb zu recht ein: „Es ist nicht alles Gold was glänzt." Die wichtigste Nachricht des Berichts ist denn auch eine andere und keine gute: Noch nie waren so viele Männer und Frauen zwischen 20 und 34 Jahren ohne einen Berufsabschluss. Seit 2014 ist die Zahl von 1,88 auf die Rekordmarke von 2,12 Millionen gestiegen. „Das ist die Hochrisikogruppe auf dem Arbeitsmarkt", stelle DGB-Vize Elke Hannack (CDU) fest. Und fügt hinzu: „Das ist ein ernstes Problem, dass zu diesem Thema auch in der großen Koalition wenig zu hören ist." Fest jeder dritte Jugendliche mit Hauptschulabschluss bleibt trotz aller Hilfsangebote immer noch ohne Berufsabschluss. Wirtschaft beklagt Fachkräftemangel Man kann es kaum glauben: Die Wirtschaft beklagt einen wachsenden Mangel an Fachkräften. Trotzdem steigt die Zahl der Menschen ohne Berufsausbildung. Was nicht in erster Linie an einem geringeren Schulabschluss liegt. Und es steigt auch die Zahl der offenen Ausbildungsplätze. Weshalb der Deutsche Industrie und Handelskammertag einen Mangel an Interessenten beklagt. Fast 58.000 Stellen konnten die Betriebe 2018 nicht besetzen. Angebot und Nachfrage passen immer weniger zusammen. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: In boomenden Regionen, wie etwa Bayern und Baden-Württemberg, gibt es (auch aus demografischen Gründen) wenige Bewerber als Ausbildungsplätze. Mitunter bleiben Lehrstellen unbesetzt, weil Firmen zu hohe Anforderungen haben. Und manche Branchen haben aus verschiedenen Gründen ein so schlechtes Image, dass sie Jugendlichen nicht attraktiv erscheinen für eine Berufsplanung (etwa Gastronomie, Teile des Handels). Hier spielen Arbeitszeiten ebenso eine Rolle wie Verdienstmöglichkeiten in und nach der Ausbildung. Ministerin Anja Karliczek sieht deshalb zu recht „in der Zusammenführung von Angebot und Nachfrage von Ausbildungsplätzen die wichtigste Herausforderung in den nächsten Jahren". Aber konkrete neue Pläne gibt es dafür bislang nicht. Das ist deshalb überraschend, weil 2019 das Jahr der Berufsbildung ist und die CDU-Politikerin versprochen hat, sie wolle „die berufliche Bildung weiter stärken und für ihre Attraktivität werben". Wunderdinge sind nicht zu erwarten Die Bildungsministerin will dazu (mit einer Überarbeitung des Berufsbildungsgesetzes) neue Titel einführen ergänzend zu Geselle oder Meister. Das klingt angesichts der Erfahrungen mit dem Wechsel vom Diplom zum Master nicht nach einer Erfolgsstory. Die geplante Einführung einer Mindest-Ausbildungsvergütung kann dagegen schon eher ein Schritt sein, die berufliche Bildung attraktiver zu gestalten. Wunderdinge sind davon aber nicht zu erwarten.

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