Wirtschaft Studienabbrecher wechselt zu Gebäudereiniger Stoll

Warum Florian Schautier eine kaufmännische Ausbildung besser gefällt

Bielefeld/Steinhagen. Fast jeder dritte Student bricht bundesweit sein Hochschulstudium vorzeitig ab. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung erreicht die Abbrecherquote in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in den ersten beiden Semestern 47 Prozent – so viel wie bei den Mathematikern. Einer der Gründe sei die fehlende Fach- und Berufsidentifikation, heißt es. Beim Handwerk, das unter Fachkräftemangel leidet, sind Studienabbrecher sehr willkommen. Auch Florian Schautier hat sein Studium „hingeschmissen“ und sich beruflich neu orientiert. Er studierte an der Universität Bielefeld Sozialwissenschaften kombiniert mit Wirtschaftswissenschaften und Soziologie. Sein Interesse galt vor allem der Statistik, um sie für Medienforschung und Marktverhalten zu nutzen. „Aber auf Dauer war mir das Studium zu trocken“, sagt der 25-Jährige. „Es war sehr viel Theorie. Die praktische Anwendung fehlte mir.“ Der erste Mathematikkurs an der Uni habe ihn gleich abgeschreckt, „obwohl ich in der Schule in Mathematik eigentlich ganz gut war“. Nach knapp zwei Jahren fand der Student den Absprung. „Ich wollte mich nicht bis zum Abschluss durchquälen.“ Heute ärgert sich Schautier, dass er nach dem Abitur nicht gleich eine berufliche Ausbildung machte. "Wir wollen die Belegschaft verjüngen" Bei dem alteingesessenen Gebäudereiniger Stoll in Steinhagen, der einst seinen Sitz in Bielefeld hatte und im nächsten Jahr 60 Jahre alt wird, begann er im August eine dreijährige Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement. „Wir freuen uns über einen so intelligenten, aufgeschlossenen Mitarbeiter“, sagt die Personalchefin Barbara Pape. Andere Auszubildende seien schon mit 16 Jahren bei Stoll angefangen. „Wir wollen unsere eigenen Fachkräfte ausbilden und die Belegschaft verjüngen“, erläutert Unternehmenschef Peter Stoll, der die Firma in zweiter Generation führt. Auch Schautier ist zufrieden, dass er in der Praxis arbeiten kann und er „am Ende sieht, was dabei herauskommt“. Der Dienstleister (Gebäudereinigung, Hausmeister-, Grünflächen-, Winterdienste) hat sieben Niederlassungen in Deutschland – darunter auch in Merseburg (Sachsen-Anhalt) und Heringsdorf (Brandenburg). Rund 2.500 bis 2.700 festangestellte Mitarbeiter arbeiten bei dem Gebäudereiniger, der bundesweit in 80 Orten präsent ist, und zudem mit seiner Tochter IKS Bielefeld einen Bewachungsdienst bietet. Der Stundenlohn für Gebäudereiniger liege mit 10,56 Euro über dem gesetzlichen Mindestlohn, sagt Pape. Glasreiniger erhalten 12,50 Euro. Alle zehn Auszubildende werden nach dem gewerblichen Tarif entlohnt (725 Euro im ersten Ausbildungsjahr, 860 Euro im zweiten, 1.000 Euro im dritten). Auch die Ausbildung zum Gebäudereiniger dauert drei Jahre. Schließlich gehe es dabei auch um die chemische Zusammensetzung der Materialen und Reinigungsmittel. „Wenn Sie ein Marmorbad mit Säure reinigen, wird es porös.“ Im kaufmännischen Bereich arbeiten viele Quereinsteiger. Das Büro in Merseburg leitet eine Diplom-Ingenieurin. Wenn Schautier seine Sache gut macht, könnte er die Ausbildung vorzeitig nach zwei Jahren beenden, sagt Pape.

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