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Digitale Arbeitswelt: Die VR-Brille wird in der Industrie längst eingesetzt. Hier testet ein Besucher die Brille in der Fraunhofer-Erlebniswelt "#Zukunftsarbeit". - © picture alliance/dpa
Digitale Arbeitswelt: Die VR-Brille wird in der Industrie längst eingesetzt. Hier testet ein Besucher die Brille in der Fraunhofer-Erlebniswelt "#Zukunftsarbeit". | © picture alliance/dpa

Wirtschaft "Wir brauchen Chefinnen für die digitale Transformation"

Wissenschaftlerinnen kritisieren: Frauen haben wenig Einfluss auf die Digitalisierung am Arbeitsplatz

Andrea Frühauf
25.02.2019 | Stand 28.02.2019, 17:46 Uhr

Bielefeld. Männer haben oft einen anderen Blick auf Technologien. "Bei einem großen Autohersteller liegen die Datenbrillen heute unbenutzt auf dem Lager, nachdem ein Mann sie einführte", sagt die Sozialwissenschaftlerin Michaela Evans vom Institut Arbeit und Technik (Gelsenkirchen). Bei Thyssen-Krupp habe dagegen eine Frau zunächst nicht nur die Mitarbeiter nach ihren Wünschen befragt, sondern den Einsatz auch zunächst getestet. Am Ende fiel die Wahl auf ein Tablet, "weil die Mitarbeiter nicht den ganzen Tag durch eine Datenbrille gucken können", wie Evans konstatiert. Über die Alltagswelt seien per WhatsApp & Co. neue soziale Praktiken in die Arbeitswelt eingedrungen. Per Smartphone würden Dienste koordiniert. Evans warnt vor einer "unkontrollierten Selbstausbeutung".

Wachsender Arbeitsdruck und Stress

Auch nach Angaben von DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sind Arbeitnehmer immer erreichbar. Die Flexibilisierung der Arbeitnehmer diene vor allem den Arbeitgebern. Sie betont: Mit der Digitalisierung nähmen Arbeitsdruck und Stress der Beschäftigten vor allem dann zu, wenn sie nicht an der Einführung der Digitalisierung beteiligt würden. "Die Arbeitsmenge ist eher größer geworden. Dies sagen mit 57 Prozent mehrheitlich Frauen", verweist die Gewerkschafterin auf eine Umfrage. Und die Bielefelderin kritisiert: "Frauen, die digital arbeiten, haben seltener Einfluss auf die Art und Weise des Einsatzes der digitalen Technik am Arbeitsplatz."

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Im Saal des Bielefelder Rathauses sitzen unter den rund 40 Zuhörerinnen nur zwei Männer. "Gender 4.0 - Chancen und / oder Risiken der digitalisierten Arbeitswelt für Frauen", so lautet die gemeinsame Veranstaltung des Kompetenzzentrums Frau und Beruf OWL, der Gleichstellungsstelle der Stadt Bielefeld und der Bielefelder Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft Wege.

"Arbeitszeiten müssen zum Leben passen"

Buntenbach warnt: "Arbeitszeiten müssen zum Leben passen." Sie dürften nicht über mobiles Arbeiten ausgeweitet werden. "Oft wird mobiles Arbeiten gar nicht mehr in Rechnung gestellt." Die Gewerkschafterin fordert einen rechtlichen Rahmen. Laut einer Studie gab es ihren Angaben zufolge im vergangenen Jahr zwei Milliarden Überstunden, von denen fast eine Milliarde unbezahlt blieb. Die Digitalisierung biete auch Chancen und könne als Hilfe empfunden werden. "Keiner will stundenlang im Stau stehen", verweist die Rednerin auf Vorzüge von Home Office. "Aber es muss freiwillig sein."

"Die Digitalisierung ist eine Riesenchance", betont die zweifache Mutter und Wissenschaftlerin Ellena Werning, die als Forschungsdirektorin für Digitalisierung an der Fachhochschule des Mittelstandes in Bielefeld arbeitet. Sie könne sich heute ihren Arbeitsplatz aussuchen. "Es liegt an mir, ob ich im Büro, in der Bahn oder Zuhause arbeite. Ich kann mich von überall über virtuelle Konferenzen einschalten." Später räumt sie in ihrem kurzen Statement ein, dass sie als Professorin eine "Luxusposition" hat. Ziel müsse es aber sein, diejenigen zu schützen, die nicht das Recht auf selbstbestimmte Arbeit haben. Die Wissenschaftlerin warnt: "Arbeit macht krank, wenn es eine Belastung ist."

"Frauen beuten sich selbst aus"

"Frauen beuten sich selbst aus. Trotzdem bekommen sie nicht genug Anerkennung", konstatiert Swetlana Franken, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Bielefeld, in einer flammenden Rede. Nur 7,2 Prozent der Entscheidungspositionen seien von Frauen besetzt. Bei den 25- bis 34-Jährigen sei der Anteil allerdings auf 36,8 Prozent gestiegen. "Das macht mich optimistisch." Sie bemängelt: "Frauen sind weniger digital kompetent und weniger an Technik interessiert." Aber dafür könnten Frauen intensiver kommunizieren, und immerhin 51 Prozent hätten bessere Hochschulabschlüsse als die männlichen Studienkollegen. Die gebürtige Russin, die früher als Prodekanin der Wirtschaftsfakultät an der Staatlichen Technischen Universität in Nowgorod arbeitete und unter anderem als Managementberaterin für verschiedene international agierende Unternehmen tätig war, fordert: "Wir brauchen Chefinnen für die digitale Transformation." Die entscheidende Frage sei doch: "Welche Technik braucht der Mensch. Und was erleichtert die Arbeit?"

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