Streitpunkt: In sieben Bundesländern dürfen 16-Jährige bei Kommunalwahlen wählen, in zwei Ländern auch bei Landtagswahlen. - © Silas Stein
Streitpunkt: In sieben Bundesländern dürfen 16-Jährige bei Kommunalwahlen wählen, in zwei Ländern auch bei Landtagswahlen. | © Silas Stein

Wissenschaftler provoziert Klaus Hurrelmann empfiehlt Wahlrecht für 14-Jährige

Der Experte für Jugend und Gesundheit warnt vor Entfremdung der Generationen, weil die Alten die Jungen überstimmen. Er selbst wird heute 75 Jahre alt

Martin Krause
10.01.2019 | Stand 11.01.2019, 05:53 Uhr

Bielefeld/Berlin. Jugend, Bildung und Gesundheit sind die großen Themen des Wissenschaftlers Klaus Hurrelmann. Heute feiert der Gelehrte, der seit 2009 an der Hertie School of Governance in Berlin forscht, seinen 75. Geburtstag. Wir haben ihn nach seiner Bewertung aktueller Entwicklungen gefragt. Lust an der Provokation zeigt er dabei noch immer. Hurrelmann fürchtet die Herausbildung einer Vier-Fünftelgesellschaft: Etwa ein Fünftel der Jugendlichen driftet sozial ab, lebt in relativer Armut und hat auch bildungsmäßig den Anschluss verpasst. „Die neue Spaltung der Gesellschaft ist sehr ernst zu nehmen, da braut sich viel Unzufriedenheit zusammen", warnt er. Immer mehr Betroffene hätten das Gefühl, „wir gehören nicht dazu". Die Gefahr: Dieser Unmut könne ausstrahlen auf ein weiteres Fünftel der Jugendlichen, die vom Abstieg bedroht seien. Wohlstand verwöhnt Auf der anderen Seite des Spektrums sieht Hurrelmann eine wachsende Schar verwöhnter Jugendlicher. Wenn Vermögen vorhanden sei und Eltern bei der Erziehung den falschen Weg einschlagen, könne „Wohlstandsverwahrlosung" die Folge sein. Sind die Eltern überfürsorglich, „dann macht das Kinder schwach". Oft hätten gerade gut situierte Eltern zum Beispiel Angst vor Schulstress und Überforderung der Sprösslinge: „Am Ende halten die Jugendlichen keine Konflikte aus." Politische Abstinenz Als auffällig und erschreckend empfindet Hurrelmann die Abstinenz junger Leute in der (Partei-)Politik. „Die etablierten Parteien haben schon lange keinen richtigen Nachwuchsschub mehr erlebt." Das Durchschnittsalter in Union und SPD liege im Bereich von 60 Jahren, das der Grünen auch schon bei 50, das der FDP dazwischen. „Das sind Altenclubs", sagt er. Was spöttisch klingt, macht ihn in Wahrheit besorgt. „Die Alten lassen nicht los und blockieren die Entwicklung der Jüngeren", benennt er die Ursache. Auf die klassische Karriere in der Hierarchie von Parteien hätten viele Jüngere keine Lust mehr. Wahlalter absenken Hurrelmann diagnostiziert in der Politik eine Entfremdung der Generationen. Die Demografie sorgt für eine Verschärfung des Problems: „Die Älteren überstimmen die Jüngeren". Als ein Gegenmittel empfiehlt er die Absenkung des Wahlalters. In mehreren Bundesländern könne bereits mit 16 gewählt werden. Hurrelmann plädiert für ein Wahlrecht mit 14 Jahren. Dies verspreche zumindest eine leichte Verbesserung der Generationengerechtigkeit. Schon 12-Jährige hätten „eine eigene Positionierung" – es werde keineswegs immer die Haltung der Eltern übernommen. Mit 14 seien Jugendliche uneingeschränkt religionsmündig und weitgehend strafmündig. Medien im Wandel Voraussetzung für das Mitspracherecht der Jugend ist, dass sie informiert ist. Allerdings werde der klassische Journalismus von vielen Jugendlichen als „veraltete Form der Kommunikation" angesehen – viele lehnten durch Profis aufbereitete Nachrichten ab. „Hier findet eine totale Umwälzung statt." Beim Selber-Recherchieren seien aber nicht alle gleich geschickt, die Anfälligkeit für Fehlinformationen steigt. Den klassischen Medien rät Hurrelmann, mehrere Titel in Flatrate-Abos („wie bei Spotify") anzubieten. Mädchen holen auf Hurrelmann sieht in vielen Bereichen positive Entwicklungen: Das gelte für den selbstverständlichen Umgang mit Zugewanderten ebenso wie für den anhaltenden „Vormarsch der Mädchen". Paradox aber: Obwohl Frauen heute die besseren Schul- und Hochschulabschlüsse schaffen, schlage sich dies kaum in beruflichem Erfolg in Führungspositionen nieder. Ein Grund für die „gläserne Wand" sei wohl, dass der Wunsch nach Familiengründung den Ehrgeiz der Frauen selbst hemmt. Firmen müssten Frauen aus eigenem Interesse fördern, um ihre Expertise und Loyalität zu erhalten. Jugend und Gesundheit Und noch was Positives: Die Mehrheit der Jugendlichen lebt heute gesundheitsbewusster als noch vor zehn Jahren, so Hurrelmann. Noch nie sei so wenig Tabak konsumiert worden, und auch der Alkoholkonsum sinke wieder. Es zeige sich aber auch hier eine Kluft: Schlechte Ernährung, erhöhter Tabak- und Alkoholkonsum bedrohe mindestens 20 Prozent der Jugendlichen.

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