Sprechen von einer herausragenden Konjunktur: Handwerkskammerpräsidentin Lena Strothmann und Wolfgang Borgert, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer OWL. - © Wolfgang Rudolf
Sprechen von einer herausragenden Konjunktur: Handwerkskammerpräsidentin Lena Strothmann und Wolfgang Borgert, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer OWL. | © Wolfgang Rudolf

Konjunktur Baubranche sorgt für Höhenflug des Handwerks

Wegen des Investitionsstaus im öffentlichen Bereich rechnen die Betriebe weiterhin mit guter Auslastung

Sebastian Kaiser

Bielefeld. Der bislang stärkste Aufschwung im OWL-Handwerk hält auch im neunten Jahr in Folge an und legt sogar noch zu: Die Auftragsbücher sind aktuell prall gefüllt, die Geschäfte laufen noch besser als im Vorjahr und die Investitionen steigen.
Das geht aus dem jüngsten Konjunkturbericht der Handwerkskammer OWL hervor.

Der Geschäftsklimaindikator, der die aktuelle Lagebewertung und Zukunftserwartungen zusammenfasst, erreichte mit 142 Punkten einen neuen Herbstrekord. Im Frühjahr liegt der Wert witterungsbedingt stets höher.

Viele Betriebe erwarten bessere Geschäfte

„Trotz der wirtschaftlichen Risiken durch die Verschärfung handelspolitischer Konflikte und des anstehenden Brexits erwarten 34 Prozent der Handwerksbetriebe für das nächste halbe Jahr sogar eine bessere und 60 Prozent eine unverändert gute Geschäftslage", sagt Kammerpräsidentin Lena Strothmann.

„Herausragend", so Wolfgang Borgert, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Kammer, ist die Lage am Bau. Die Bau- und Ausbaubranche trage die Konjunktur. Im Bauhauptgewerbe sind sogar 73 Prozent der Betriebe aktuell sehr zufrieden; 69 Prozent erwarten, dass es so bleibt.

Folge: Wer im Moment einen Bauauftrag vergibt, muss im Schnitt 11,7 Wochen warten, bis die Handwerker kommen. Bezogen auf alle Handwerksbranchen liegt die Auftragsreichweite bei 7,5 Wochen.
Die Handwerkskammer ist überzeugt, dass die Entwicklung anhält.

Vergabeverfahren sind zu bürokratisch

Grund ist der Investitionsstau im öffentlichen Bereich. Den gebe es etwa bei der Renovierung von Schulen oder der Ausbesserung von Straßen. „Viele Handwerker bevorzugen derzeit allerdings private Auftraggeber. Denn die öffentlichen Vergabeverfahren sind zu bürokratisch", kritisiert Borgert. Und Genehmigungsverfahren etwa für den Ersatz maroder Brücken dauerten oft viel zu lange.

„Auch für den laufenden Breitbandausbau werden Handwerker gebraucht", sagt Strothmann. Zudem könnte die aktuelle Schwäche des Dax dazu führen, dass der Immobilienboom eiter zunehme.

Der Fachkräftemangel wächst weiter

1.100 der 21.200 Handwerksbetriebe in OWL haben sich an der Konjunktur-Umfrage beteiligt. Auch bei den handwerklichen Zulieferern der Industrie sowie im Kfz- und Nahrungsmittelgewerbe oder im Gesundheitshandwerk brummt es.

Folge ist ein wachsender Fachkräftemangel.
Der wird unter anderem im Bereich Elektro und Sanitär deutlich. Im Campus Handwerk musste daher gerade erst eine zusätzliche Ausbildungswerkstatt eröffnet werden. „Und dass Headhunter Handwerker auf der Baustelle ansprechen oder ganze Kolonnen abwerben wollen, ist keine Seltenheit mehr", berichtet Wolfgang Borgert.

Kommentar der Redaktion

Eine Medaille mit zwei Seiten

Von Matthias Bungeroth

Die Auftragsbücher der meisten Handwerksbetriebe sind weiterhin voll. Insbesondere die in den Baugewerken tätigen Firmen haben allesamt viele Wochen zu tun, bis sie die aktuelle Liste ihrer Aufträge abgearbeitet haben.

Das bestätigt einerseits die Theorie vom goldenen Boden, das dem Handwerk beschieden ist.

Doch die Medaille hat, wie so oft, noch eine Kehrseite. Wer heute ein Haus bauen oder renovieren lassen will, muss sehr lange warten, bis er einen Betrieb findet, der für ihn diese Arbeiten qualifiziert erledigt.

Dass Headhunter mittlerweile nicht mehr vor allem IT-Experten anwerben, sondern ganze Handwerkerkolonnen, sollte für die Politik ein Alarmzeichen sein.

In Ausbildungsdebatten sollten Handwerksberufe gezielt in ein positives Licht gerückt und die Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden, dass sich für diese Berufe wieder deutlich mehr Menschen interessieren.

Mit dem Handwerk lässt sich, siehe oben, richtig gutes Geld verdienen.

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