Carolinen und Christinen behaken sich hinter den Kulissen - Symbolbild - © picture alliance / blickwinkel/McPHOTOs
Carolinen und Christinen behaken sich hinter den Kulissen - Symbolbild | © picture alliance / blickwinkel/McPHOTOs

Bielefeld Bielefelds Mineralbrunnen: Rangelei um Gütesiegel und Manager

Mineralwasser: Die Gehring-Brüder haben sich nach rekordverdächtigen 63 Jahren an der Spitze in den Beirat zurückgezogen. Wie sich Christinen und Carolinen hinter den Kulissen beharken

Martin Krause

Bielefeld. Paul und Werner Gehring sind lebende Legenden in der Mineralwasserbranche. Die beiden Brüder waren noch blutjung, als sie 1955 in die Geschäftsführung des 1895 von Franz Bunte gegründeten Getränkehandels in Gütersloh eintraten. Die Gehrings ließen Brunnen bohren, bauten die Marke Christinen auf, machten die Gehring-Bunte-Gruppe zu einem großen Getränkehersteller mit 500 Mitarbeitern. Christinen galt in den 90er- Jahren als drittgrößte Mineralwassermarke Deutschlands. Im Vordergrund stand immer Paul Gehring, ein hagerer, asketisch wirkender Mann. In der Firma wird der promovierte Diplom-Kaufmann bis heute respektvoll "der Doktor" genannt, und auch überregional genießt der jetzt 86-Jährige große Anerkennung. Von 1995 bis 2009 wirkte er etwa im Vorstand des Mineralbrunnen-Verbandes VDM mit. Er verteidigte die Vorteile der Glasflasche gegenüber den PET-Plastikflaschen, er erhob seine Stimme gegen das Fracking. Braumeister Werner Gehring (83) trat in der Öffentlichkeit seltener auf. Aus der operativen Führung zogen sich die beiden Brüder erst vor wenigen Monaten ganz zurück - nach über sechs Jahrzehnten. Sie wechselten in einen fünfköpfigen Beirat, an dessen Spitze der frühere Claas-Chef Lothar Kriszun steht. Erst im Frühjahr 2018 habe die erste Beiratssitzung stattgefunden, sagen Insider. Zwei der bekanntesten deutschen Wassermarken kommen aus Bielefeld Die vergangenen Jahre waren für Gehring-Bunte nicht ganz einfach. Der heftige Konkurrenzkampf mit Discountern einerseits und der hohe Kapitalbedarf für neue Anlagen andererseits sorgten für Stress. Die Umsätze stagnierten, und heute erreichen die Erlöse der Gruppe wohl kaum die Hälfte der Spitzenumsätze von mehr als 130 Millionen Euro. Die Geschäftsführer wechselten, die Gehring-Brüder stritten über Investitionen, die schwächelnde ostdeutsche Tochter Fläming- Quellen in Wiesenburg wurde verkauft. Auch der Markenwettbewerb setzte dem Unternehmen mit jetzt noch 150 Mitarbeitern zu. Mit "Christinen" und "Carolinen" kommen zwei der bekanntesten deutschen Mineralwasser-Marken aus Bielefeld, gefördert aus Gesteinsschichten in 200 bis 500 Metern Tiefe. Jahrzehntelang entwickelten sich die Brunnen recht harmonisch in guter Nachbarschaft. Zuletzt aber knirschte es hinter den Kulissen. Rangelei um Gütesiegel Mit der Ankündigung, dass Carsten Thomas Heß, der Chef der Gehring-Bunte-Gruppe, zum Lokalrivalen Mineralquellen Wüllner ("Carolinen") wechselt, wurden die atmosphärischen Störungen im Dezember 2017 nach außen sichtbar. Es folgte eine Rochade mit Guido Grebe (50), der Ende Januar als Geschäftsführer bei Wüllner ausstieg und an die Stelle von Heß als Alleingeschäftsführer von Gehring-Bunte rückte. Kaum war Heß bei Wüllner, meldete das Unternehmen die Zertifizierung seines Wassers durch die "Qualitätsgemeinschaft Bio-Mineralwasser e. V." und die Auszeichnung mit dem entsprechenden Bio-Siegel. Eine Rangelei um das beste Siegel begann. Denn auf das Bio-Siegel der Qualitätsgemeinschaft, die von anerkannten Verbänden wie Bioland und Demeter gebildet wird, will die Gehring-Bunte-Gruppe jetzt verzichten. Die schon länger - seit 2015 - bestehende Mitgliedschaft in der Qualitätsgemeinschaft sei zum Jahresende 2018 gekündigt worden, teilte Gehring-Bunte mit. Die Marke Christinen werde nun durch das SGS Institut Fresenius geprüft. "Fresenius hat noch einen höheren Bekanntheitsgrad", glaubt der neue Christinen-Chef Guido Grebe. Die Anforderungen für das Fresenius-Siegel für "Premium-Mineralwasser mit Bio-Qualität" seien hinsichtlich ökologischer Nachhaltigkeit noch höher als die der Qualitätsgemeinschaft, wirbt Grebe. Das sieht man bei Carolinen anders. Die Qualitätsgemeinschaft sei völlig unabhängig (nicht privatwirtschaftlich wie Fresenius), fordere strengere Grenzwerte und sei stärker an Wasserschutz und Nachhaltigkeit orientiert, heißt es bei Carolinen. Für die meisten Verbraucher bleiben die Feinheiten der Siegelkunde wohl ein Buch mit sieben Siegeln. Aber die Vermutung, dass das Duell etwas mit der Rivalität der Unternehmen zu tun hat, wird zumindest hinter vorgehaltener Hand bestätigt. Dabei ist die von Maik Ramforth Wüllner, Volker Harbecke und nun Carsten Thomas Heß geführte Wüllner-Gruppe (350 Mitarbeiter) regional in der marktführenden Position. Der Umsatz wird nicht mitgeteilt, laut Statista.de erreichte er 2017 bei Wüllner 136 Millionen Euro, bei Gehring-Bunte 63,4 Millionen Euro. Anderen Quellen zufolge waren die Erlöse bei beiden Firmen zuletzt deutlich geringer. Für den neuen Christinen-Chef Guido Grebe ist viel zu tun. Die Wünsche der beiden gleichberechtigten Inhaber wird er weiterhin berücksichtigen müssen. Für den mit Leib und Seele am Mineralwasser hängenden Paul Gehring könnte eines Tages dessen Sohn Christian Gehring (57) in den Beirat nachrücken. Der führt heute den einst auch von Paul Gehring erworbenen Mineralbrunnen in Erkrath mit 65 Mitarbeitern, der bis heute der Familie gehört. Von der vierten Unternehmergeneration - den jeweils drei Kindern von Paul und Werner Gehring - ist Christian der einzige, der in der Branche arbeitet. Ambitionen, auch Christinen zu führen, werden ihm nicht nachgesagt.

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