Probieren sich und Maschinen aus: Die Praktikanten Cristian Manda (v. l.), Mohamad Alhussein, Mohammed Abdulghani und Ismayil Musayev. - © Weidmüller
Probieren sich und Maschinen aus: Die Praktikanten Cristian Manda (v. l.), Mohamad Alhussein, Mohammed Abdulghani und Ismayil Musayev. | © Weidmüller

Detmold So ermöglicht Weidmüller Praktika trotz Sprachbarrieren

Erfolgsmodell: In einem Pilotprojekt ermöglicht der Detmolder Elektronik-Spezialist Weidmüller Migranten Betriebspraktika, die sie für einen erfolgreichen Schulabschluss am Berufskolleg benötigen

Carolin Nieder-Entgelmeier
Praktikanten und ihre Unterstützer: Cristian Manda (v .l.), Mohammed Abdulghani, Ismayil Musayev, Mohamad Alhussein, Günter Schröder und Klaus Keßler in der Ausbildungsakademie. - © Carolin Nieder-Entgelmeier
Praktikanten und ihre Unterstützer: Cristian Manda (v .l.), Mohammed Abdulghani, Ismayil Musayev, Mohamad Alhussein, Günter Schröder und Klaus Keßler in der Ausbildungsakademie. | © Carolin Nieder-Entgelmeier

Detmold. Um Schülern Berufsorientierung zu ermöglichen, sind Praktika für Jugendliche in allen Schulformen Pflicht. Berufskollegs vergeben Schulabschlüsse teilweise sogar nur bei nachgewiesenen Praktika. Migranten stehen dabei besonders unter Druck, weil sie aufgrund von Sprachbarrieren im umkämpften Praktikumsmarkt kaum Chancen haben. Der Detmolder Elektronik-Spezialist Weidmüller hat deshalb ein Pilotprojekt gestartet, um Migranten an Berufskollegs Praktika zu ermöglichen.

Die Schüler Cristian Manda (18), Mohammed Abdulghani (18), Ismayil Musayev (18) und Mohamad Alhussein (19) des Felix-Fechenbach-Berufskollegs in Detmold haben drei Wochen als Praktikanten das Unternehmen kennengelernt. „Das Praktikum hat uns allen sehr gefallen, weil wir viele Berufsfelder selber ausprobieren konnten", erklärt Musayev, der vor vier Jahren aus Aserbaidschan nach Deutschland gekommen ist. „Gefallen hat uns auch die Teamarbeit. Bei Problemen konnten wir bei allen Mitarbeitern um Hilfe bitten", ergänzt der Rumäne Manda, der seit vier Jahren in Deutschland lebt.

Erfolgreiches Pilotprojekt

Die Besonderheit in der Betreuung von Praktikanten bei Weidmüller ist die hauseigene Ausbildungsakademie. „Wir betreuen jedes Jahr 130 Praktikanten, um junge Menschen für Technik zu begeistern, um von ihren frischen Ideen zu profitieren und vor allem, um mit der Nachwuchsgewinnung die Zukunft des Unternehmens sicher zu stellen", erklärt der technische Ausbilder Günter Schröder. „Wir wollen den Schülern und Studenten gerecht werden und ermöglichen ihnen deshalb, dass sie sich selbst und unsere Ausbildungsberufe ausprobieren."

Genau das hat auch die Praktikanten Mohamad Alhussein und Mohammed Abdulghani überzeugt, die vor drei Jahren aus Syrien nach Deutschland geflüchtet sind. „Wir hatten viel Kontakt mit Auszubildenden und Studenten, die mit uns gearbeitet haben", erklärt Alhussein. Mit dualen Studenten haben die Praktikanten eine App entwickelt. „Das war sehr schwierig, hat aber Spaß gemacht, weil wir tolle Unterstützer hatten", ergänzt Abdulghani.

Die positiven Rückmeldungen bestätigen die Ausbilder bei Weidmüller in ihrem Engagement für Praktikanten. „Das Pilotprojekt war sehr erfolgreich und könnte ein weiterer Teil in unserem Nachwuchsmanagement werden, wenn wir das Projekt in den nächsten Wochen evaluieren", erklärt Schröder.

Für den Klassenlehrer der vier Praktikanten am Felix-Fechenbach-Berufskolleg, Klaus Keßler, ist das Pilotprojekt bei Weidmüller ein Best-Practice-Beispiel für ein erfolgreiches Betriebspraktikum. „Es gibt aber eben auch Betriebe die Praktikanten als billige Hilfskräfte ausnutzen und keine Energie für die Betreuung aufwenden", moniert Keßler. „Viele Betriebe bieten erst gar keine Praktikumsplätze an." Unter dieser Kombination leiden laut Keßler vor allem leistungsschwache Schüler, weil leistungsstarke Bewerber bevorzugt werden und es häufig zu Abbrüchen kommt, weil Schüler aus der Not heraus keinen beruflich einschlägigen, sondern einfach irgendeinen Praktikumsplatz annehmen. „Das führt auf beiden Seiten zu Unzufriedenheit."

Auf dem Weg zum Schulabschluss

Auch die Ausbildungsfähigkeit der Praktikanten ist ein Thema, weshalb sich Keßler dafür einsetzt, dass Praktika nicht am Anfang des Schuljahres, sondern erst zum Ende absolviert werden. „Das verlangt viel Flexibilität von Schulen, dient aber der besseren Orientierung, weil sich Schüler und Lehrer besser kennen und wissen, wo die Stärken und Interessen der Schüler liegen."

Nach drei Wochen als Praktikanten freuen sich Manda, Abdulghani, Musayev und Alhussein nun auf ihre Abschlusszeugnisse, die ihnen Keßler heute überreichen wird. Die vier Berufsschüler haben in der Berufsfachschule I Technik den Hauptschulabschluss nach Klasse 10 absolviert und streben nun den Realschulabschluss und eine anschließende Ausbildung bei Weidmüller oder anderen Elektronik-Spezialisten in der Region an. Ismayil Musayev will nach dem Realschulabschluss noch weiter zur Schule gehen. „Um das Abitur zu machen und dann ein duales Studium zu beginnen. Das wünschen sich auch meine Eltern."

Copyright © Neue Westfälische 2018
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken
realisiert durch evolver group