Im Herzen Moskaus: Das Baltschug befindet sich in einem historischen Gebäude, das 1898 erbaut wurde. - © Baltschug Kempinski
Im Herzen Moskaus: Das Baltschug befindet sich in einem historischen Gebäude, das 1898 erbaut wurde. | © Baltschug Kempinski

Moskau Bielefelder Kempinski-Manager in Moskau: "Es ist ein russisches Sommermärchen"

Russland: Der Bielefelder Oliver Eller (51) hat Karriere in der Luxus-Hotellerie gemacht. Inzwischen leitet er mit dem Baltschug Kempinski das älteste Fünf-Sterne-Hotel Moskaus

Miriam Scharlibbe

Moskau. Wenn der Hubschrauber von Wladimir Putin beim Kreml landet, kommen Moskaus Hauptverkehrsadern, die immer kurz vorm Verkehrsinfarkt stehen, ganz zum Stillstand. Da steht auch die Maybach-Limousine von Oliver Eller im Stau. Nichts geht mehr. Ungeduld hat den Bielefelder bis ganz nach oben in die Luxushotellerie gebracht. Im Stau bringt ihn diese Eigenschaft keinen Zentimeter voran. „In Russland läuft alles ein bisschen anders", sagt Eller. „In Deutschland halten die Menschen vor roten Ampeln. Super Konzept!" Eller lächelt. Es ist schwer zu glauben, dass der 51-Jährige sein Leben in der pulsierenden Zwölf-Millionen-Hauptstadt Russlands gegen die Sicherheit der deutschen Verkehrsregeln eintauschen würde. Überhaupt sei es früher noch viel ruppiger zugegangen auf Moskaus Straßen. Die beiden besten Hotels der Stadt liegen nördlich und südlich des Roten Platzes und bieten allen erdenklichen Komfort: im Norden das Ritz-Carlton, im Süden das Baltschug Kempinski, am Ufer der Moskwa. Oliver Eller, gebürtiger Bielefelder, Auswanderer, begnadeter Gastgeber, kennt beide in und auswendig. Das Ritz hat er eröffnet, seit vier Jahren leitet er das Baltschug. Ausbildung in Bad Salzuflen, Studium in den USA Oliver Eller ist in Ostwestfalen geboren. Auf den Realschulabschluss in Bielefeld-Jöllenbeck folgte die Ausbildung zum Hotelkaufmann im Maritim-Staatsbadhotel in Bad Salzuflen. Danach, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, hat er überall auf der Welt gearbeitet. In den USA besuchte er die Cornell School of Hotel Administration. Er arbeitete in Miami, Atlanta, Buenos Aires und Bahrain und eröffnete Hotels in Ägypten, New Orleans und Wolfsburg. Dann baute er das Ritz in Moskau auf. 2010 ging er nach Berlin, wechselte den Arbeitgeber und übernahm für die Kempinski-Kette die Leitung des Adlon am Brandenburger Tor. Die Stelle im Baltschug brachte ihn zurück nach Russland. Doch auch von Moskau aus hält er Deutschland die Treue, wahlweise um seine Mutter in Bielefeld und seine Tochter aus erster Ehe in Schloß Holte-Stukenbrock zu besuchen oder mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn nach der Zweitwohnung in der deutschen Hauptstadt zu sehen. „Berlin ist mein Hafen", sagt Eller. Allzu viel ruhige See kann der passionierte Hotelier allerdings gar nicht vertragen. Die Termine, das Kommen und Gehen in der Lobby, die Geschäftigkeit – schon als kleiner Junge, der seinen Vater auf Geschäftsreisen begleitete und Bluna trinkend vom Barhocker aus das Geschehen beobachtete, faszinierte ihn diese Welt. Eller erzählt diese Geschichte gerne, wie ihm die Idee kam Hoteldirektor zu werden. Er sagt aber auch, er könnte genauso gut Gebrauchtwagenhändler sein. Geschäfte machen, verkaufen, das ist Ellers Welt. Er verkauft Emotionen, Erlebnisse der Extraklasse. Luxus ist für Eller nicht unbedingt der Glanz von Gold. Luxus kann auch Gemütlichkeit sein. Vor allem aber ist es guter Service. Kulinarisch bewegt sich der Ostwestfale sowieso mühelos durch alle Welten. Er weiß, wie man Kaviar am besten isst – fast pur, nur mit Butter auf einer Scheibe Baguette – würde aber nie einen westfälischen Eintopf verachten. „Man erinnert sich nur bis zu einer gewissen Grenze an den Gin Tonic, das Essen oder die Designbar, aber einen schlechten Service vergisst man nie", sagt Eller. „Die Menschen sind ausschlaggebend für den Erfolg eines Hotels." Die wichtigsten Personen in einem Luxushotel fallen nur wenigen Gästen direkt ins Auge. Eller: „Im Umgang mit den Kunden ist das auf jeden Fall die Frühstücks-Hostess." Wer schon am Morgen mit einem warmen Lächeln empfangen wird und einen schönen Tisch zugewiesen bekommt, wird das Hotel in guter Erinnerung behalten. Und hinter den Kulissen? „Da ist die wichtigste Person der Kollege an der Essensausgabe für die Mitarbeiter", sagt Eller. „Wenn du dich nach sechs Stunden harter Arbeit auf ein Schnitzel freust und dann landet Schleim mit Soße auf deinem Teller, ist der Arbeitstag gelaufen." Es ginge immer um Empathie. Gerade, wenn mal etwas schief läuft, sei der richtige Umgang mit König Kunde gefragt. „Wenn Hotelgäste nachts die Schuhe vor den Zimmertüren vertauschen, können wir die auch nicht in einer Minute wieder herbeizaubern", so Eller. „Aber wir können dem Gast ein Glas Champagner anbieten und ihm Ersatz besorgen." Ellers Tipp für Reisende: Niemals ein weißes Nachthemd auf dem Bett liegen lassen. Das ist im Bettwäscheberg so gut getarnt, dass es schnell mal entsorgt wird. Niemals das weiße Nachthemd auf dem Bett liegen lassen Manchmal ist aber auch ein Hoteldirektor machtlos. Zum Beispiel, wenn er Anweisungen direkt aus dem Kreml bekommt. Hält sich der russische Präsident im Machtzentrum auf, darf nicht vom Balkon des Baltschugs fotografiert werden. Besondere Sicherheitsvorschriften musste Eller schon bei seiner ersten Moskauer Zeit im Ritz erdulden. „Einmal bekamen wir einen Anruf, dass wir unser Restaurant auf der Dachterrasse räumen sollten, weil Putin auf dem Roten Platz einen Kranz niederlegt", erinnert sich Eller. „Ich fand das albern und habe die Bitte ignoriert. Innerhalb von drei Minuten fuhren die Autos der Spezialeinheit vorm Hotel." Als Deutscher in Moskau hat Eller aber trotz der politischen Krisen noch keine persönlichen negativen Erfahrungen gemacht. Die Deutschen seien mit Abstand die beliebteste Gruppe Ausländer in Russland. Einige deutsche Wörter kenne jeder Russe: Butterbrot, Spielplatz, Schlagbaum. Das frühe Ausscheiden der Deutschen bei der WM hat dennoch niemanden interessiert. „Die Russen waren noch viel zu beschäftigt mit ihrem eigenen Freudentaumel über ihre Mannschaft." Eller berichtet von einem Moskau, wie er es noch nie zuvor erlebt hat. „Es sind viele internationale Gäste in der Stadt und die Moskowiter lassen sich von der positiven WM-Stimmung mitreißen." Abends seien die Restaurants rappelvoll, die Russen würden lächelnd grüßend über die Straßen flanieren. Eller: „Das ist eine Welle, die das ganz Land erfasst. Es ist wie ein russisches Sommermärchen." Dieses Märchen hat Eller schon eine dicke Rechnung beschert. Beim ersten Spiel der Russen harrten auch im Hotel eigenen Café Kranzler einige Fußballfans aus. Als das erste WM-Tor Russlands fiel, wies Eller seine Kellner an jedem Gast einen Wodka zu spendieren. Womit er nicht gerechnet hatte, war das Endergebnis von 5:0 mit dem die Russen Saudi Arabien am 1. Spieltag besiegten. Eller: „Das hat mich an dem Abend 250 Wodka gekostet." Das Baltschug Die Geschichte des Hotelstandorts soll bis ins sechzehnte Jahrhundert reichen, als Iwan der Schreckliche für die königlichen Soldaten im Stadtteil Baltschug Russlands erste Kneipe eröffnete. Bei seiner Eröffnung vor 25 Jahren war das Baltschug das erste internationale Fünf-Sterne-Haus im Lande.

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