Fordert weniger Skepsis: Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. - © Jan Voth
Fordert weniger Skepsis: Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. | © Jan Voth

Brigitte Mohn: "Digital sind wir ein Entwicklungsland"

Martin Fröhlich

Gütersloh. Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, erklärt, warum wir uns mit dem digitalen Fortschritt so schwertun und uns gleichzeitig privat in einem Punkt wie Kinder aufführen.

Frau Mohn, Deutschland ist in vielen Bereichen spitze. Auch bei der Digitalisierung?
Brigitte Mohn:
Nein. Die haben wir weitgehend verschlafen, da haben uns Skandinavien und das Baltikum oder auch Israel und Kanada abgehängt. Die Digitalisierung wartet nicht auf uns, sie schreitet global voran. Wir sind ein digitales Entwicklungsland.

Das ist eine harte Kritik.
Mohn:
Nehmen Sie doch die elektronische Patientenakte. Sie steckt in Deutschland in den Kinderschuhen, in anderen Ländern wird das Kind schon erwachsen. Es ist erstaunlich, wie lange sich die Akteure im Gesundheitswesen dem digitalen Fortschritt in den Weg stellen. Im Koalitionsvertrag steht nun, dass die elektronische Akte bis 2021 eingeführt werden soll. Doch es fehlen ein klarer Fahrplan und Grundsatzentscheidungen.

Welche?
Mohn:
Man muss sich darüber klar werden, ob man eine Patientensteuerung im Gesundheitssystem über die Patientendaten will oder nicht. Danach müssen wir regeln, wer Herr der Daten ist. Das muss aus unserer Sicht der Bürger selbst sein. Das ist zentral. Aber mit solchen Entschlüssen tun wir uns schwer. Das betrifft die Wirtschaft genauso wie Verwaltung, Politik und Bildung. Nur im Freizeitbereich und im Privaten ist die Digitalisierung angekommen.

Warum ausgerechnet da?
Mohn:
Augenscheinlich erfahren die Menschen hier einen konkreten, subjektiven Nutzen. Fest steht: Das ist ein ambivalentes Verhalten. Privat legen wir ein fast kindlich-unvorsichtiges Nutzungsverhalten an den Tag. Da müssten wir mehr hinterfragen. Warum kriegt man passende Werbung aufs Handy, wenn man Apps nutzt? Wieso weiß Alexa, was im Haushalt passiert? Wo im öffentlichen Bereich zu viel Skepsis herrscht, ist es privat zu wenig. Die Menschen müssen nicht nur Geräte bedienen können, sondern verstehen, was Digitalisierung mit ihnen macht.

Warum hinken wir hinterher?
Mohn:
Das hat meiner Meinung nach drei Gründe: Der erste ist die persönliche Haltung. Wir betrachten die Digitalisierung oft aus der Perspektive eines Bedenkenträgers. Wir sollten bei aller gebotenen Reflexion erst über den möglichen Nutzen sprechen und dann darüber, wie wir uns gegen Risiken absichern. Wenn Sie zum Beispiel älteren Menschen durch autonom fahrende Autos wieder zu Mobilität verhelfen, fragen die nicht als erstes nach Datenschutz, sondern wann es endlich losgeht.

Und der zweite Grund?
Mohn:
Liegt in der Bildung. Kinder müssen in der Schule auf den Umgang mit digitalen Möglichkeiten vorbereitet werden. Das geschieht zu wenig. Auch weil bei vielen Lehrern die Kompetenz noch fehlt. Die Kinder nutzen Handy, Tablet und Computer ohne Angst, wissen aber kaum, was da wirklich passiert, etwa mit ihren Daten. Fragen Sie mal, was ein Algorithmus ist.

Bliebe noch der dritte Grund.
Mohn:
Der liegt in der gesellschaftlichen Bereitschaft zur Veränderung. Wir haben viel technologisches Know-how und erkennen digitale Entwicklungen, etwa den Einstieg von Amazon ins Lebensmittelgeschäft. Doch reagieren wir als Wirtschaft und Gesellschaft oft zu langsam und überführen die Veränderungen aus der digitalen Transformation nicht in unser Denken und Tun.

Warum tut sich die Gesellschaft schwer mit Anpassungen?
Mohn:
Wir sind es in Deutschland nicht mehr gewohnt, mit solchen Umwälzungen umzugehen. Wir leben zum Glück seit 70 Jahren in einer relativen Stabilität. Es herrscht Frieden, der Wirtschaft geht es gut, die Menschen haben Arbeit. Aber jetzt müssen wir wieder lernen zu fragen: Wo wollen wir hin? Was müssen wir dafür tun, damit wir den Anschluss nicht verpassen? Digitalisierung ist gesellschaftlich hoch relevant und unumkehrbar. Diese sollte uns mehr Schwung geben.

Wie kriegen wir die Politik dazu, sich zu bewegen?
Mohn:
Sie hätte sich schon viel früher bewegen müssen. Vielleicht reicht der Druck im Alltag noch nicht aus, dass angemessene Strategien entwickelt und Konsequenzen gezogen werden. Es muss jetzt schnell gehandelt werden. Wir brauchen eine ressortübergreifende Gesamtstrategie, die den Weg aufzeigt, den Deutschland zu einer erfolgreichen Digitalisierung im Sinne von Fortschritt und Innovation gehen soll. Gleichzeitig müssen wir Normen für diesen Wandel schaffen.

Wir reden über Datenschutz?
Mohn:
Genau. Angesichts von Skandalen wie bei Facebook ist der öffentliche Aufschrei groß, doch welche Konsequenzen werden gezogen? Verstehen wir Datenschutz im Sinne von Privatsphäre und Individualdaten, dann brauchen wir Standards auf EU-Ebene, am besten global. Wir müssen aktiv formulieren, was mit Daten erlaubt ist und was nicht. Da fehlt uns das große Bild.

Werden wir dann nicht zum gläsernen Menschen?
Mohn:
Darüber müssen wir öffentlich streiten und eine gemeinsame Haltung finden. Ist es in einem freiheitlich geführten Staat wie unserem hinnehmbar, bis zu einem gewissen Punkt gläsern zu sein? Wiegen die Vorteile der digitalen Welt das auf? Aber wir diskutieren nicht genug.

Wer muss vorangehen?
Mohn:
Der Bildungssektor, die Politik und vor allem die Wirtschaft. Dort sind Wertschöpfung und Innovation. Sie muss die für sie erforderlichen Bedingungen für eine digitale Transformation benennen. Dann müssen wir im Bildungssektor handeln und künftige Arbeitskräfte befähigen, auf dem Markt mitzuhalten. Am Ende entscheidet die Politik, die Strategien entwickeln und den Rahmen setzen muss. Die Gesellschaft als Ganzes muss in den Prozess eingebunden sein. Sie entscheidet mit, wie digital wir sein wollen und werden.

Fehlt es uns da an Mut?
Mohn:
Zumindest an Mut zum Fehler. Ausprobieren muss erlaubt sein. Aber schon in der Schule ist das ein Problem. Da muss ich mich in einem Leistungskorridor halten, sonst wird es schwierig. Kreativ sein heißt auszuprobieren, auch mal zu scheitern.

Die Bertelsmann-Stiftung forscht verstärkt zur Digitalisierung im Gesundheitsbereich. Warum?
Mohn:
Weil dort ein riesiges Potenzial liegt. Wir könnten durch die richtige Nutzung von Daten Fehler vermeiden, wenn wir Tausende Behandlungsfälle auswerten und vergleichen. Mit einer elektronischen Patientenakte, in der Diagnosen und Verordnungen dokumentiert sind, wäre der Arzt sofort im Bild. Manche Roboter können bald präziser operieren als ein Arzt. Aber die vielfältigen Akteursinteressen hindern uns daran, Fortschritte zu machen. Das wollen wir ändern.

Copyright © Neue Westfälische 2018
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken
realisiert durch evolver group