Viele Fliesenleger haben den Beruf gar nicht gelernt. - © picture alliance
Viele Fliesenleger haben den Beruf gar nicht gelernt. | © picture alliance

Bielefeld Angst vor Qualitätsverlust: Kommt die Meisterpflicht für Handwerker wieder?

Fliesenleger plant Online-Petition für die Wiedereinführung der Meisterpflicht - die Koalition denkt darüber nach

Andrea Frühauf
07.06.2018 | Stand 08.06.2018, 10:48 Uhr

Bielefeld. Der Bielefelder Wilfried Kerstingjohänner fühlt sich von einem Malerfachbetrieb über den Tisch gezogen. Er habe sich extra an einen Meisterbetrieb gewandt, der auf dem Internetportal My Hammer für sich geworben hatte. Doch als die Wärmedämmplatten an seinem Haus angebracht wurden, „war bei dem Malerfachbetrieb gar kein Meister mehr tätig", ärgert er sich. Er beklagt Mängel – der Schaden belaufe sich auf Tausende Euro. „Allein der Sachverständige hat schon 3.250 Euro erhalten." Der Rechtsstreit dauert nun schon Jahre. Die Handwerkskammer teilte Kerstingjohänner mit, dass der Betriebsinhaber seit 2013 die dafür nötige Ausübungsberechtigung habe. Allerdings sei die Bezeichnung Meisterbetrieb ohne Meister ein wettbewerbsrechtlicher Verstoß. Solche Fälle würden öfters gemeldet, sagt Justiziar Matthias Steinbild. Gelegentlich gebe es auch Scheinarbeitsverträge, um einen angestellten Meister vorzutäuschen. „Die Leute machen Betriebshopping." Da prüfe die Kammer sehr genau, so Steinbild. Handwerker fürchten Imageverlust Allerdings gibt es seit der Handwerksreform nicht mehr für jeden Handwerksberuf eine Meisterpflicht. Handwerker fürchten damit weniger Qualität – und einen Imageverlust. Mit dem Wegfall der Meisterpflicht hat sich die Zahl der Fliesenleger von 2004 bis 2015 bundesweit fast versechsfacht, ist von 12.400 auf gut 70.000 gestiegen (darunter viele Solo-Selbstständige). Damit nehmen die Streitfälle zu. Laut Steinbild ist die Nachfrage nach Sachverständigen um 85 Prozent gewachsen. Auch im Baubereich hätten außergerichtliche Schlichtungsstellen erheblich mehr zu tun. Zahlen für OWL hat die Kammer nicht. „Jeder der in der Lage ist, zehn Meter über einen gefliesten Boden zu laufen, ohne zu stolpern", könne nun eine Fliesenleger-Firma gründen, kritisiert der Oldenburger Fliesenleger Stefan Bohlken. Mit einer Online-Petition, die er beim Bundestag einreichen will, will er die Politik zur Wiedereinführung der Meisterpflicht bringen. Von den nötigen 50.000 Unterschriften ist er noch weit entfernt. "Da wird viel Murks gemacht" „Es kann nicht sein, dass es in diesem Land schwieriger ist einen Lehrvertrag abzuschließen, als eine Firma zu gründen", schimpft er. Ein Großteil der Fliesenleger habe den Beruf gar nicht gelernt. „Da wird viel Murks gemacht. Wo soll das Wissen ohne Ausbildung herkommen?", sagt er dieser Zeitung. Auch die Große Koalition sieht offenbar Handlungsbedarf. „Wir prüfen derzeit, in welchen Berufen eine Wiedereinführung der Meisterpflicht positiv für die Ausbildungsleistung und für den Verbraucherschutz wäre." Dies müsse aber verfassungs- und europarechtskonform sein, sagt Carsten Linnemann, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion aus Paderborn, gegenüber der NW. Viele Selbstständige verschwinden schnell wieder vom Markt Auch er räumt Fehlentwicklungen ein. „Wir können nachweisen, dass nach der Abschaffung der Meisterpflicht in einigen der betroffenen Berufe, darunter auch die Fliesenleger, dramatisch weniger ausgebildet wurde als vorher. Auch können wir feststellen, dass viele der neu in den Markt gekommenen Unternehmen Solo-Selbstständige aus Ost-Europa sind, die oft schon nach wenigen Jahren wieder vom Markt verschwinden." Auch Sören Bartol, Vize-Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion ist offen, die Wiedereinführung der Meisterpflicht für das Fliesenlegerhandwerk anzugehen, wie er dieser Zeitung sagte. Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer, hat bereits die Einrichtung einer hochkarätigen Planungsgruppe angekündigt, um den Prozess politisch zu begleiten. Aber er betont, die Wiedereinführung müsse europarechtskonform sein.

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