Berufung gefunden: Mira Köhn war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Durch eine Initiativbewerbung ist die Landwirtin zum Gnadenhof "Dorf Sentana" in Bielefeld gekommen und ist dort nicht mehr wegzudenken. - © Monika Dütmeyer
Berufung gefunden: Mira Köhn war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Durch eine Initiativbewerbung ist die Landwirtin zum Gnadenhof "Dorf Sentana" in Bielefeld gekommen und ist dort nicht mehr wegzudenken. | © Monika Dütmeyer

Wirtschaft So finden Sie mit Initiative zum tierischen Traumjob

Mira Köhn hat durch Initiativbewerbungen zu ihrem Traumberuf gefunden. Karriere-Coach Bernd Slaghuis erklärt, was hinter der Bewerbungsform steckt und wann sie sinnvoll ist

Magnus Horn

Bielefeld. Ein Muhen oder ein Grunzen – für Mira Köhn aus Bielefeld ist das ihr Alltag. Für Köhn ist es wohl das Beste, was sie sich vorstellen kann. Sie hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Die Leidenschaft für die Natur und für die Tiere, die ihr so am Herzen liegen. Seit anderthalb Jahren arbeitet die 27-Jährige als Landwirtin für die Sentana-Stiftung, die Ende 2017 den Begegnungs- und Gnadenhof "Dorf Sentana" errichtete. Alte und notleidende Tiere finden dort ein Zuhause. Ebenso wird ein Raum für die Begegnung von Menschen und Tieren geschaffen, durch die besonders der eigene Umgang mit Stärken zur Bewältigung von schwierigen Lebenssituationen gefördert werden soll. Hinter der Stiftung stehen Ralph Anstoetz und seine Frau Marita aus Bielefeld. Mira Köhn könnte nicht glücklicher sein. Doch ihr Weg dahin war keineswegs geplant – im Gegenteil. Angefangen hat alles mit einem Zeitungsartikel. Auch sie hat sich die Frage gestellt: Was mache ich nach dem Schulabschluss? Um in den Beruf oder die Ausbildung zu starten, ist eine Bewerbung vonnöten. In der Regel gibt es ausgeschriebene Stellen, auf die Interessierte sich direkt beziehen. Initiativbewerbung - was ist das? Eine andere Möglichkeit, und von dieser hat Landwirtin Mira Köhn Gebrauch gemacht, ist die Initiativbewerbung. Doch was ist das eigentlich? „Eine Initiativbewerbung ist eine Bewerbung, die ich an ein Unternehmen oder potenziellen Arbeitgeber schicke, ohne dass es dafür eine Stellenausschreibung gibt", sagt Bernd Slaghuis, Karriere- und Business Coach aus Köln. Der 45-Jährige kann in seinen Coachings auf seine langjährige Erfahrung bauen und weiß, womit ein Bewerber punkten kann. Er rät aber gleichzeitig dazu, die Initiativbewerbung nicht aus einer Verzweiflung heraus zu schicken, weil es keine Stellen gibt. Grundsätzlich seien Initiativbewerbungen zu jedem Zeitpunkt möglich. Einen sehr guten Zeitpunkt hat offenbar Mira Köhn gewählt – zweimal. Auch sie stellte sich nach dem Abitur die Frage nach dem nächsten Schritt. Umweltbewusst sei sie schon immer gewesen, und sie habe auch schon immer eine Affinität zu Tieren gehabt. Gedanken an ein Freiwilliges Ökologisches Jahr kamen ihr. Bis sie in der Zeitung einen Artikel über eine Schlittenhundefarm in Schleswig-Holstein gelesen hat und sich initiativ beworben hat. "Mir fehlte der Umgang mit Tieren" Dort arbeitete sie dann tatsächlich zwei Jahre und war während der Saison auch im winterlichen Norwegen. Nach dieser Erfahrung trieb es sie wieder in die Heimat, und sie schwenkte um. Die heute 27-Jährige absolvierte eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin. Dienst am Menschen, nicht am Tier. „Mir fehlte aber die Natur und der Umgang mit Tieren", sagt Köhn. Sie beendete die Ausbildung und begann im Anschluss daran eine Landwirtschaftslehre. Sie arbeitete auf zwei Bio-Höfen jeweils ein Jahr. Im Anschluss an den erfolgreichen Abschluss studierte Köhn ein Semester lang Agrarwirtschaft. Doch dann wiederholten sich die Ereignisse. Denn wiederum war sie durch einen Zeitungsartikel auf etwas aufmerksam geworden. Diesmal auf die Sentana-Stiftung. Ein alter Bauernhof in Bielefeld sollte abgerissen werden, um die Idee eines Gnadenhofes zu verwirklichen. „Das hat mich total neugierig gemacht, und ich habe es einfach ausprobiert", erzählt Köhn. Ein Lächeln huscht ihr über das Gesicht. Es hat erneut geklappt mit ihrer Initiative: „Ich war wohl zur richtigen Zeit am richtigen Ort", sagt die Bielefelderin. Sie hat klar formuliert, was sie kann und warum sie die Richtige ist. Genau das sind unabdingbare Faktoren, die bei einer Initiativbewerbung greifen. "Je konkreter, desto besser" „Je konkreter, desto besser", lautet daher auch die Forderung von Bernd Slaghuis. Eine Initiativbewerbung müsse deutlich über eine normale Bewerbung auf eine Stellenanzeige hinausgehen, führt er weiter aus: „Je konkreter ich einem Arbeitgeber eine Idee liefere, für was sie mich gebrauchen können und damit sage, dass ich der oder die Richtige für diese Position bin, desto besser." Dafür muss der Bewerber aber einiges investieren. Der Arbeitgeber merke schnell, wie intensiv sich jemand mit dem Thema beschäftigt hat oder ob es nur darum geht, überhaupt einen Job zu bekommen. Daher sollte auch im Betreff der konkrete Berufswunsch stehen oder ein bestimmter Bereich, in dem man arbeiten möchte. „Echte Leidenschaft und Motivation müssen ebenfalls rüberkommen", so Slaghuis weiter. Wer Mira Köhn beim Erzählen über den Hof und dessen Bewohner zuhört, der hat an ihrer Leidenschaft keinen Zweifel. Man merkt ihr ihre Anteilnahme am Schicksal der Tiere an, aber gleichzeitig die Freude darüber, dass sie auf dem Hof einen besseren und neuen Lebensabschnitt haben. Im Gedächtnis bleiben Damit es bei den Bewerbern mit dem neuen Lebensabschnitt funktioniert, hat Slaghuis einen Tipp: „Das Ziel muss sein, dem Leser Lust zu machen, mich kennenzulernen", sagt er. Und wenn es dann nicht gleich mit einer Anstellung klappt, dann bliebe man mindestens im Gedächtnis und kann möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt davon profitieren. Er rät Arbeitssuchenden dazu, sich Klarheit darüber zu verschaffen, wohin man will, und sich folgende Fragen zu stellen: Welche Stellen will ich eigentlich? Was ist ein passendes Arbeitsumfeld? Zu welchem Arbeitgeber passe ich, und wer hat überhaupt Interesse an dem, was ich mitbringe? Wenn man die Antworten darauf hat, könne man gezielt nach Ausschreibungen oder Arbeitgebern suchen und deren Homepages aufrufen. „Das ist eigentlich der Plan A". Erst danach sollte man anders an die Stellensuche herangehen und versuchen, in ein Arbeitsumfeld zu kommen, auf das man aufmerksam geworden ist, weil Anforderungen wie Nähe zum Wohnort oder die Identifikation mit einem bestimmten Produkt genau zutreffen. „Dann würde eine Initiativbewerbung Sinn ergeben", so Slaghuis. Der Kontakt könne dann mit dem klassischen Schreiben oder mit einem – möglicherweise zielführenderen – Telefonat entstehen. Welche Form man wählt, hänge aber auch von der Persönlichkeit des Bewerbers ab. Und dann kann es den Bewerbern so gehen wie Mira Köhn: „Ich habe meine Bestimmung gefunden."

realisiert durch evolver group