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Will mehr:  Christoph Plass drängt auf mehr Tempo bei der Digitalisierung. - © Unity
Will mehr:  Christoph Plass drängt auf mehr Tempo bei der Digitalisierung. | © Unity

Büren Unity-Chef: „Deutschland hat enormen Aufholbedarf“

Interview: Christoph Plass ist Vorstandsmitglied der Bürener Unternehmensberatung Unity. Er drängt darauf, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, aber auch die Risiken zu erkennen

Martin Krause
29.11.2017 | Stand 29.11.2017, 10:06 Uhr




Büren. Christoph Plass ist Vorstandsmitglied der Bürener Unternehmensberatung Unity. Er drängt darauf, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, aber auch die Risiken zu erkennen.

Herr Plass, Deutschland wird als Entwicklungsland in der Digitalisierung verhöhnt. Haben die Kritiker recht?
Christoph Plass:
Schlecht aufgestellt ist Deutschland eindeutig bei der Infrastruktur und im kundenorientierten Denken. Ich war gerade in Tallinn in Estland. Da gibt es eine ganz andere Breitbandversorgung und besseren Internetzugang. Hier haben wir enormen Aufholbedarf. Auch beim e-Government – also bei öffentlichen Dienstleistungen über das Internet – sind andere meilenweit voraus.In Estlandmuss man nur noch für Eheschließung, Scheidung und Immobiliengeschäfte ins Amt. Sonst nicht. Immer dann, wenn es um Regeln und Ordnungsrahmen geht, fallen wir in Deutschland noch weiter ab, weil wir die Regeln so hoch bewerten. Bei uns gibt es immer Angst vor Missbrauch, andere Länder schlagen da befreiter auf.

Wir wollen eben Datenschutz!
Plass:
Ja, aber hier gibt es eigentlich keinen Widerspruch: Wenn die Datenhaltung und der Zugriff auf die Daten für jeden nachvollziehbar sind, gibt das ein gutes Datenschutzgefühl. Alles muss transparent sein: Das Misstrauen entsteht, wenn man nicht weiß, was mit den Daten geschieht und nicht sicher ist, ob Fremde zugreifen. In Tallinn können Sie zum Beispiel sehen, wenn die Polizei einen Blick in Ihre persönlichen Daten geworfen hat. Wenn Sie sehen, dass jemand zugreift, der dazu nicht berechtigt ist, können Sie dagegen vorgehen.

Wenn Sie vom mangelhaften Zugang zum Netz sprechen, meinen Sie die Versorgung mit Glasfaserkabeln?
Plass:
Ja, aber auch die Mobilfunkversorgung. Der LTE-Empfang ist bei uns nicht flächendeckend, oft müssen wir uns mit E-Niveau begnügen. E wie Esel-Net, sagt meine Tochter, wenn sie eine schlechte Verbindung hat.

Sie werben damit, dass die Unity AG für ihre Kunden robuste Geschäftsmodelle entwickelt. Aber was ist wirklich robust in Zeiten, in denen von Unternehmen Agilität gefordert wird?
Plass:
Ja, die Wirtschaft wird immer schnelllebiger, deswegen sage ich auch: Tod den 5- Jahres-Plänen. Aber viele bauen ihr Geschäft aus dem Bauch heraus auf, ohne jede Methodik. Man muss sich schon Gedanken machen über Kundenprobleme, Leistungen und nötige Prozesse.

Planung hat nicht ausgedient?
Plass:
Die Planung nicht. Auch Masterpläne über die Ziele in den kommenden Jahren sind weiterhin sinnvoll. Aber detaillierte, kleinklein ausgerechnete Vorgaben auf Jahre hinaus sind überholt.

Amerikaner haben die Welt mit Plattformunternehmen erobert – von Apple und Amazon bis Facebook und Google. In diesem Bereich attestieren Sie der deutschen Wirtschaft ein Defizit. Welche Bedeutung hat die Plattformindustrie künftig?
Plass:
Es gibt sehr unterschiedliche Plattformen: Zum Beispiel können Rechenzentrums- Leistungen auf Plattformen bezogen werden – da geht es also um Infrastruktur. Dann gibt es ein großes Feld an Software-Angeboten auf Plattformen. Es gibt Inhaltsplattformen wie Wikipedia – da arbeiten viele Menschen mit und viele andere Menschen nutzen das. Und es gibt kaufmännische Plattformen, mit denen Geschäfte generiert werden. Die Intermediäre – zum Beispiel Google – fungieren dann als Bindeglied zwischen Anbietern und Käufern. Das gibt es für Autos ähnlich wie für Musikstücke.

Im Mittelpunkt steht die Vermittlung von Dienstleistungen?
Plass:
Eine große Zahl von Anbietern wird oft mit einer großen Zahl von Nachfragern zusammengebracht, ja. Dadurch entsteht dann auch ein großer Preisdruck.

Was bedeutet das für die eigentliche Produktion? Selbstbewusste deutsche Unternehmer sagen: Die Amerikaner haben das Internet, aber wir haben die Dinge!
Plass:
Denen, die das sagen, antworte ich: Wir hatten auch den MP-3-Player, aber die Milliarden haben die Amerikaner. Wir haben die Technologie entwickelt, aber nicht die dazu passenden Geschäftsmodelle. Mittelständische deutsche Industrieunternehmen verfügen heute über hunderte Fertigungsverfahren, die kaum Skaleneffekte bieten – solche spezialisierten Dinge sind für Amazon und Co. bisher wenig interessant. Sobald diese Firmen mit ihren Verfahren, Produkten und Wertschöpfungsketten aber ins Netz gehen und digital werden, ergibt sich eine neue Situation. Wenn wir nicht aufpassen, werden andere Firmen dann damit ihre Geschäfte machen. Es ist naiv, zu denken, wir haben die Dinge. Das ist das gleiche im Handel: Regionale Nähe nützt nichts, wenn die Kunden sich im Laden vor Ort informieren und im Internet billig einkaufen.

Warum sollten Mittelständler überhaupt mit digitalen Zwillingen ins Netz gehen?
Plass:
Mittlerweile sind auch Mittelständler bereit, ihre Datenherauszugeben,wennsie damit einen direkten wirtschaftlichen Nutzen verbinden – etwa zur Steigerung der Effizienz. Das könnten etwa Angebote zum Kapazitätenmanagement sein, um Maschinen besser auszulasten. Wer das nicht tut und seine Daten behütet, muss vielleicht auf Services verzichten, dieihm helfen, weiterhin wettbewerbsfähig zu sein. Beispiel Musikindustrie: Verlage, die bei den Onlineplattformen nicht mitspielten, hätten wohl einen wichtigen Zugang zu den Endkunden verloren. Die Musikverlage hatten also die Wahl, entweder ganz rauszufallen oder die Spielregeln der Plattformen zu akzeptieren.

Diese Gefahr droht auch mittelständischen deutschen Maschinenbauern?
Plass:
Wenn es Unternehmen gelingt, sich in die Intermediär- Position zu bringen, dann bestimmen sie die Marktregeln. Allerdings ist der Kampf hier noch nicht verloren – es gilt nur, vorsichtig zu sein anstatt naiv, und zu verstehen, dass es potenzielle Gefahren gibt.

Das Internet ermöglicht exponentielle Geschäftsmodelle und Monopolbildung – die Google-Suchmaschine ist das prominenteste Beispiel. Haben deutsche Firmen überhaupt noch Chancen, zu wachsen, ohne geschluckt zu werden?
Plass:
Diese Tendenz gibt es generell, aber nicht nur Amerikaner und Chinesen kaufen – die deutsche Bayer AG hat ja zum Beispiel auch den USKonzern Monsanto übernommen und damit beste Chancen, ein Plattformunternehmen zu werden. Aber es stimmt: Es gibt Kritiker und Lobbyisten, die fordern, dass eine breite Monopolisierung nicht zugelassen werden darf. Sie wollen, dass die Politik eingreift, bevor die Firmen systemrelevant werden, und dass Firmen mit marktbeherrschender Stellung, bei denen die Gefahr eines Missbrauchs entsteht, reguliert oder zerschlagen werden – es geht dann darum,dieMarktwirtschaftam Leben zu erhalten.

Ist dieser Punkt nicht zum Teil schon überschritten?
Plass:
Es mangelt noch an Erfahrung, die Internetwirtschaft ist ja noch recht jung. Nehmen wir das Thema digitale Stadt als Beispiel. Da gibt es die Fiware-Foundation, die in Deutschland jetzt vom früheren Nixdorf-Manager und Atos-Chef Ulrich Ahle aus Paderborn geführt wird. Fiware betreut die Digitalisierung der Strukturen von 53 Städten in Europa – aber da ist keine Stadt in Deutschland dabei. Es sollen Datenaustauschplattformen für Städte aufgebaut werden, etwa für Bereiche wie Polizei und Bildung. Zahl der teilnehmenden deutschen Firmen: Null. Vieles befindet sich also noch im Aufbau. Jetzt heißt es: Machen. Nicht abwarten.

Das hört sich an nach einem Beispiel dafür, dass Deutschland hinterherhinkt?
Plass:
Na klar. Für deutsche Bürgermeister ist Digitalisierung oft die Einführung eines Dokumentenmanagementsystems. Aber Paderborn ist natürlich weiter und Bielefeld jetzt auch – weil wir ja gerade das Projekt der digitalen Modellregion aufsetzen.

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