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Neue Hilfskraft: Roboter „Emma" steht in Kiel in einer Demenz-Wohngruppe. Emma spricht, spielt Musik oder macht Fotos. - © dpa
Neue Hilfskraft: Roboter „Emma" steht in Kiel in einer Demenz-Wohngruppe. Emma spricht, spielt Musik oder macht Fotos. | © dpa

Bielefeld Was die Veränderung der Arbeitswelt für den Arbeitsmarkt bedeutet

Digitalisierung: Die rasante Entwicklung der Technik wird von vielen als Bedrohung empfunden. Experten dämpfen die Sorgen: Rationalisierung ist nichts Neues

Martin Krause
20.06.2017 | Stand 20.06.2017, 09:37 Uhr

Bielefeld. Die Digitalisierung bedroht Millionen Jobs. Ob dem Boom auf dem deutschen Stellenmarkt ein Absturz folgt, ist jedoch umstritten. Die kurzfristigen Prognosen sind glänzend. Mit rund 500.000 neuen Stellen rechnet der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHK) für das Jahr 2017 in Deutschland. Noch optimistischer ist die Bundesagentur für Arbeit: Die Nürnberger erwarten in diesem Jahr 667.000 neue Jobs – vor allem im öffentlichen Dienst, im Gesundheitssektor und im Bildungsbereich, aber auch in Handel, Transport und Gastgewerbe. Vor allem in technologienahen Berufen verschärft sich der Fachkräftemangel, so wird befürchtet. Also alles in Butter für qualifizierte Arbeitnehmer? Nein, bei langfristiger Betrachtung verdüstern sich die Mienen der Experten. Zu der Wettbewerbsverschärfung durch die Globalisierung – den direkten Konkurrenzkampf zwischen Industrieländern und ehrgeizigen Schwellenländern – wird die Digitalisierung mit steigendem Tempo zum Faktor. In ihrem Beschäftigungsausblick 2017 kommt die Industrieländer-Organisation OECD zu dem Ergebnis, dass der technologische Wandel in den nächsten 10 bis 20 Jahren viele Millionen Arbeitsplätze überflüssig macht. Computer und Roboter, das „Risiko der Automation", gefährden allein in Deutschland mehr als 12 Prozent aller 42 Millionen Arbeitsplätze. Bei weiteren 31 Prozent aller Jobs sei zu erwarten, dass die Aufgaben sich zumindest signifikant ändern, weil selbst anspruchsvolle Arbeitsgänge durch Software und Technik erledigt werden. OECD sieht Deindustrialisierung Noch bedrohlichere Studien hatte es zuvor für den US-Arbeitsmarkt gegeben, wo schon 2013 erwartet wurde, dass gut die Hälfte aller Arbeitskräfte bald von Robotern oder Computern ersetzt werden könnte. Steht das bereits 1995 vom US-amerikanischen Ökonomen Jeremy Rifkin vorhergesagte „Ende der Arbeit" nun tatsächlich bevor? Bis 2020, so Rifkins Prognose, würden weltweit nur noch zwei Prozent der Beschäftigten in der Industrieproduktion arbeiten. Bei der OECD ist von „Deindustrialisierung" die Rede. Als Rezepte dagegen schlägt die Organisation erhöhte Bildungsanstrengungen vor, vor allem im Umgang mit der Technik sei Qualifikation vonnöten. Aber auch aktive Arbeitsmarktpolitik, starke Gewerkschaften und kluge Tarifverträge könnten brutale Veränderungen abfedern. Verlust der Mitte Ein anderes Phänomen heißt „Polarisierung": Der OECD-Studie zufolge haben Arbeitsplätze für „mittlere Qualifikation" – sprich Abitur und Berufsausbildung – seit 1995 massiv an Gewicht verloren. Der Anteil der „mittleren" Jobs sei in Deutschland zwischen 1995 und 2015 um 8,2 Prozent gesunken. Hingegen stieg der Anteil der Jobs für Beschäftigte mit hoher Qualifikation in Deutschland um 4,7 Prozent, aber auch der Anteil der Jobs für gering Qualifizierte wuchs. Teil des Geheimnisses ist die Strukturveränderung weg von der Industrie und hin zum Dienstleistungssektor – nicht selten müssen sich einst hochbezahlte Industriefachkräfte mit billigen Dienstleistungsjobs begnügen. Permanenter Prozess Digitale Technik durchdringt alle Bereiche der Arbeitswelt: Autonomes Fahren etwa wird langfristig viele Stellen bei Speditionen oder Taxifirmen vernichten. Aber auch Spitzenjobs sind bedroht, selbst Ärzte könnten durch Diagnosesoftware und Operationsroboter ersetzt werden, Juristen durch Analyseprogramme. Der Bielefelder Wirtschaftswissenschaftler Fred G. Becker dämpft die Sorgen. Immerhin sei Rationalisierung seit vielen Jahrzehnten ein permanenter Prozess: „Die digitale Technik ersetzt bestimmte Tätigkeiten, dafür kommen neue Arbeitsfelder hinzu", sagt der Professor für Personal, Organisation und Unternehmensführung. Neue Jobs überwiegen Ähnlich sieht es Anna Zaharieva, Junior-Professorin für Arbeitsmarktökonomik an der Universität Bielefeld: Die Nachfrage nach Arbeitskräften mit guten digitalen Kenntnissen steige – der beklagte Fachkräftemangel sei die Folge. Die entscheidende Frage sei, ob neue Stellen den Verlust alter ausgleichen oder nicht. „Zusammenfassend kann man sagen, dass der Abbau von Stellen mit veralteten Technologien in Deutschland durch neue Stellen mit erhöhten digitalen Anforderungen überkompensiert wird", sagt Zaharieva. Der Fachkräftemangel zeige sich darin, dass es heute im Schnitt mehr als 80 Tage dauere, um eine freie Stelle adäquat zu besetzen – 2001 waren es nur 45 Tage. OECD räumt Fehler ein Fred Becker zeigt sich generell skeptisch gegenüber Studien der OECD. Die OECD sei dafür mitverantwortlich, dass die deutsche Politik in den vergangenen Jahren mehr auf Abitur und Studium ausgerichtet war als auf die duale Ausbildung. Ein ausgedünntes Angebot an Fachkräften sei die Folge. Becker sieht weitere Handlungsbereiche: So sei die föderale Zuständigkeit für die Bildungspolitik in Deutschland nicht mehr zeitgemäß. Die OECD selbst räumt unterdessen Fehler ein. Viele Sorgen der Globalisierungsgegner hätten sich als real erwiesen, räumt OECD-Direktor Stefano Scarpetta ein. Die Folgen: Wachsende Ungleichheit und der Aufschwung des Populismus in vielen Ländern.

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