Professionelle Hilfe: Viele ältere oder kranke Menschen kommen ohne Unterstützung nicht mehr zurecht. - © picture alliance
Professionelle Hilfe: Viele ältere oder kranke Menschen kommen ohne Unterstützung nicht mehr zurecht. | © picture alliance

Wirtschaft Was sich bei der Pflege ändert

Drei Experten erläutern, worauf sich kranke Menschen und ihre Betreuer einstellen müssen

Bielefeld. Was ändert sich bei der Pflegeversicherung? In einer Telefonaktion beantworteten Inken Linneweber (Pflegestützpunkt der Stadt Bielefeld), Pflegeberaterin Andrea Büscher (Compass Pflegeberatung für privat Versicherte) und Andreas Schwarz (AOK Nordwest). Wir haben einen Antrag auf einen Pflegegrad bei der Pflegekasse meiner Mutter gestellt. Wie geht es weiter? Die Pflegeversicherung beauftragt den Medizinischen Dienst – beziehungsweise bei privat Versicherten Medicproof – mit der Begutachtung. Die Frist von 25 Arbeitstagen, in der diese stattzufinden hat, wurde zwar bis Jahresende ausgesetzt. Doch die Gutachter versuchen natürlich, möglichst zeitnah den Auftrag zu erfüllen. Parallel zum Antrag sollten Sie auch eine Pflegeberatung bei der Pflegekasse oder einem -stützpunkt anfordern. Lassen Sie sich den Ablauf der Begutachtung und vor allem die Kriterien erläutern, die für die Pflegegrade berücksichtigt werden. Die Beratung muss innerhalb von zwei Wochen stattfinden. Sie ist immer anbieterneutral und vor allem kostenfrei. Ich habe 2016 einen Antrag auf eine Pflegestufe gestellt, die Begutachtung findet jetzt Mitte Februar statt. Erfolgt die schon nach den neuen Modalitäten? Nein, da Sie den Antrag 2016 gestellt haben, wird noch nach den alten Kriterien begutachtet. Auch wenn Sie nach einer eventuellen Ablehnung Widerspruch einlegen sollten, erfolgt die Wiederholungsbegutachtung nach den alten Kriterien. Meine Mutter hat Pflegegrad 2 und bekommt Pflegegeld. Muss Sie das versteuern? Nein, für Ihre Mutter hat das keinerlei steuerliche Relevanz. Anders kann es sein, wenn sie das Geld, über das sie ja frei verfügen kann, weitergibt. Dann ist das für den Empfänger steuerpflichtiges Einkommen. Wonach richtet es sich, ob man einen Pflegegrad bekommt oder nicht? War bis 2016 noch der zeitliche Hilfebedarf bei der Grundpflege und in der Hauswirtschaft maßgeblich für eine Pflegestufe, ist das seit Jahresanfang anders: Jetzt wird geprüft, in welchem Umfang Einschränkungen der Selbstständigkeit oder Fähigkeiten in sechs bestimmten Bereichen vorliegen. Diese Bereiche – oder „Module" – betreffen die Mobilität, kognitive sowie psychische Beeinträchtigungen, die Selbstversorgung, den Umgang mit Medikamenten sowie die Bewältigung des Alltags. Je nach Schwere der Beeinträchtigungen werden vom Gutachter Punkte gegeben und die Punktzahl der einzelnen Module prozentual „gewichtet". Die Pflegegrade ergeben sich dann aus den gewichteten Punkten. Den Pflegegrad 2 bekommt man beispielsweise, wenn im Ergebnis zwischen 27 und 47,5 Punkte erreicht wurden. Mein Mann hat den Pflegegrad 1 erhalten. Welche Leistungen sind damit verbunden? Der Pflegegrad 1 betrifft jene, die trotz gewisser Einschränkungen noch recht selbstständig zurecht kommen. Ihr Mann kann für 125 Euro monatlich Betreuungsleistungen vereinbaren, nach individueller Prüfung sind auch wohnumfeldverbessernde Maßnahmen mit bis zu 4.000 Euro zuschussfähig. Pflegegeld, Zuschüsse für ambulante Dienste, für die Verhinderungs- oder Kurzzeitpflege gibt es erst ab Pflegegrad 2. Ich bin 82 Jahre alt, lebe allein und vieles fällt mir im Alltag sehr schwer. Mein Antrag auf Pflegestufe wurde 2015 abgelehnt. Lohnt es sich, einen neuen Antrag zu stellen? Unbedingt. Scheuen Sie sich nicht, einen neuen Antrag zu stellen. Das können Sie jederzeit bei Ihrer Pflegeversicherung veranlassen. Da wir die Pflege meines Vaters nicht mehr allein schaffen, haben wir zweimal die Woche einen Pflegedienst bestellt und erst einmal selbst gezahlt. Gleichzeitig läuft der Antrag auf einen Pflegegrad. Die Begutachtung hat noch nicht stattgefunden. Bekommen wir das Geld für den Pflegedienst zurück? Wenn bei Ihrem Vater mindestens Pflegegrad 2 festgestellt wird, bekommen Sie die Kosten rückwirkend bis zum Datum der Antragstellung zurück. Bei Pflegegrad 2 sind das bis zu 689 Euro monatlich. Was hätte meine Mutter davon, wenn Sie einen Pflegegrad bekäme? Ich versuche Sie seit längerem davon zu überzeugen, einen Antrag zu stellen. Ich betreue Sie schon seit zwei Jahren zu Hause. Wenn Ihre Mutter weiter zu Hause lebt und wie bisher von Ihnen betreut wird, bekommt sie ab Pflegegrad 2 Pflegegeld. Das sind 316 Euro im Monat. Darüber kann sie frei verfügen. Wird zur Unterstützung ein ambulanter Dienst engagiert, zahlt die Pflegeversicherung in diesem Fall bis zu 689 Euro monatlich an den Dienst. Ihre Mutter kann auch beides – also Pflegegeld und ambulante Sachleistungen – kombinieren. Zusätzlich zahlt die Pflegeversicherung 125 Euro monatlich für so genannte Entlastungsleistungen. Damit kann beispielsweise eine Haushaltshilfe finanziert werden. Zudem übernimmt die Pflegeversicherung bei Pflegegrad 2 bis zu 689 Euro monatlich bei teilstationärer Tages- oder Nachpflege. Ebenfalls zusätzlich übernimmt die Pflegekasse für sechs Wochen pro Jahr bis zu 1.612 Euro an Kosten für die Verhinderungspflege, falls jemand anderes für Sie die Pflege Ihre Mutter vorübergehend übernehmen sollte. Für eine Kurzzeitpflege, etwa nach einer Klinikentlassung, stehen weitere 1.612 Euro zur Verfügung. Die Zuschüsse für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen, wie etwa einen Badumbau, können bis zu 4.000 Euro betragen. Mein Vater ist nach einem Krankenhausaufenthalt in einer Kurzzeitpflegeeinrichtung. Was zahlt die Pflegekasse, was muss er selbst zahlen? Er hatte seit 2015 die Pflegestufe II, jetzt hat er den Pflegegrad 3. Wir versorgen ihn ansonsten als Familie zu Hause. Die Pflegeversicherung zahlt an die Kurzzeitpflegeeinrichtung Kosten für die pflegerischen Aufwendungen, die Betreuung und für die medizinische Behandlungspflege. Insgesamt stehen 1.612 Euro pro Jahr zur Verfügung – das gilt für die Pflegegrade 2 bis 5. Selbst zahlen muss Ihr Vater die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und gegebenenfalls für Investitionskosten. Um das zu begleichen, kann Ihr Vater das Pflegegeld, das während der Kurzzeitpflege zur Hälfte weitergezahlt wird, dafür einsetzen. Verwenden kann er auch den so genannten Entlastungsbetrag. Da stehen ihm seit Januar 125 Euro monatlich zu. In den Jahren 2015 und 2016 waren es 104 Euro monatlich. Wenn Ihr Vater die Mittel aus den Jahren 2015 und 2016 noch nicht voll ausgeschöpft hat, kann er die Gelder noch bis zum 31.12.2018 abrufen. Für das weitere Vorgehen setzen Sie sich am besten mit der Pflegekasse Ihres Vaters in Verbindung. Die kann genau sagen, wie viel Geld noch einsetzbar ist und wie Sie den Betrag für die Kurzzeitpflege nutzen können. Im vergangenen Jahr hatte ich die Pflegestufe 2, bekam zu Jahresbeginn den Pflegegrad 3. Inzwischen hat sich meine Situation weiter verschlechtert, so dass ich eine erneute Begutachtung beantragen werde. Erfolgt die dann nach den neuen Kriterien? Ja.

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