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Die Sache mit dem Internet

Mittelständler in NRW bleiben im Umgang mit Start-ups zugeknöpft

VON UNSEREM KORRESPONDENTEN FLORIAN PFITZNER
28.07.2014 | Stand 27.07.2014, 17:31 Uhr
Garrelt Duin hat einen Plan. - © FOTO: DPA
Garrelt Duin hat einen Plan. | © FOTO: DPA

Düsseldorf. In Berlin entstehen sie Woche für Woche: Onlineunternehmen. Jetzt setzt sich der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) daran, das bevölkerungsreichste Bundesland als führenden Digitalstandort aufzubauen. Es ist ein kühner Plan, wie ein Besuch in der Düsseldorfer Start-up-Szene zeigt.

So manches Klischee ist schon im Entree des Gebäudes bedient. Es ist Mittagszeit, junge Menschen mit einer Affinität zu digitalen Mobilgeräten stehen vor einer modernen Kantine im Erdgeschoss eines noch moderneren Bürokomplexes. Die Düsseldorfer "East Village Eatery" hält, was sie verspricht: "Lunchtime nach US-amerikanischem Vorbild in cooler Atmosphäre", so nannte es eine Zeitschrift.

Das Bürohaus im Düsseldorfer Westen ist eine Keimzelle der Digitalen Wirtschaft in NRW. Start-ups und Freischaffende sitzen im "K-Lan Netzwerk" (K für Knowledge, also Wissen), um Ideen zu entwickeln und auszuarbeiten. Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Garrelt Duin war bereits zu Besuch. Er vertritt eine Vision: Etablierte Industriezweige, vor allem der traditionelle Mittelstand, sollen die neuen Technologien häufiger anwenden. Junge Menschen, so der Plan, ziehen mit ihren Start-ups nach.

Ob sich der Zukunftstraum noch in dieser Legislaturperiode erfüllt, ist indes mehr als fraglich. "NRW hat noch viel Luft nach oben", sagt der Düsseldorfer Internetunternehmer Bernd Gross. Ein Grund sei die zurückhaltende Investitionsfreude, erklärt der Gründer des Start-ups Cumulocity, das sogenannte M2M-Lösungen vertreibt, also Anlagen digital vernetzt.

Einer der erfolgreichsten deutschen Serien-Gründer, der "deutsche Mark Zuckerberg", Oliver Samwer, gab es im Handelsblatt so zu Protokoll: "Die Szene der Risikokapitalgeber ist in Deutschland sehr überschaubar."

In der Hauptstadt stecken allerdings immer noch mehr Investoren als in NRW. Berlin sei derzeit auch europaweit als führender Start-up-Hotspot etabliert, schreibt Thomas Bachem vom Bundesverband deutsche Start-ups im Branchenverzeichnis für NRW. Jedoch mangele es dafür an Industrieunternehmen. München wiederum hat einen agileren Absatzmark.

"Gewissermaßen sitzen wir in NRW etwas zwischen den Stühlen", sagt Gross. Es fehle noch die Nachfrage. Frank Großklaus, Mitgründer der werbefinanzierten E-Book-Leseplattform Readfy, berichtet aus seiner Erfahrung: "Wer Geld hat, investiert erst einmal woanders."

Um die Berührungsängste abzubauen, hat Minister Duin eine Stabsstelle für die Digitale Wirtschaft eingerichtet. Deren Beauftragter Tobias Kollmann soll insbesondere bei mittelständischen Firmen ein Bewusstsein für die digitale Wettbewerbsfähigkeit schaffen. "Wir müssen das Thema in die Köpfe der Chefs bringen", sagt er.

Auf der Dachterrasse des K-Lan spricht Bernd Gross Grundsätzliches an. "Der deutsche Mittelstand tut sich unheimlich schwer mit externen Innovationen." Gerade kleinere Mittelständler seien häufig der Meinung, dass sie sich selbst in die nächste Generation hieven müssten - ohne Hilfe von außen. Dabei wäre es aus Gross? Sicht notwendig, sich mit Start-ups zusammenzuschließen. "Wir sind heute darauf angewiesen, schneller auf die Veränderungen am Markt zu reagieren."

Gross stellt in Deutschland eine traditionellere Mentalität fest als etwa in den USA oder in Finnland, wo er fast zwei Jahrzehnte für einen Technologiekonzern gearbeitet hat. Generell sei Skandinavien sehr fortschrittlich auf den digitalen Märkten. "Allerdings haben wir durchaus Chancen aufzuholen", sagt Gross, "wenn wir Konzerne und Mittelstand animieren und damit den Absatz ankurbeln."

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