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Junge Arbeitnehmer wollen Kinder und Karriere

Studie erwartet "Revolutionierung der Arbeitswelt"

02.05.2014 | Stand 04.05.2014, 12:20 Uhr

Gütersloh. Sie wollen mehr Zeit für Familie und Freunde, sie sind gegen ständige Verfügbarkeit für ihren Arbeitgeber, und Geld ist ihnen weniger wichtig als Ethik und Moral: Junge Berufseinsteiger haben heute radikal andere Vorstellungen von ihrer beruflichen Karriere als ältere Arbeitnehmer. Das ergab eine Umfrage unter 3.600 Studenten, die die Gütersloher Medienfabrik durchführte. "Bei Vertragsverhandlungen wird es zukünftig nicht nur um Geld, sondern vor allem um sehr gute Arbeitsbedingungen gehen", sagt der Leiter der Studie, Gero Hesse. "Wir stehen damit vor einer echten Revolutionierung der Arbeitswelt", denkt der Manager, der zur Geschäftsleitung der Medienfabrik gehört, die wiederum Teil des Bertelsmann-Konzerns ist. Das überraschendste Ergebnis war für Hesse der ausgeprägte Kinderwunsch vieler Nachwuchskräfte der sogenannten "Generation Y". 79 Prozent der Befragten (mit einem Altersdurchschnitt von 23 Jahren) wollten auf jeden Fall Kinder, nur vier Prozent verneinten den Kinderwunsch. Und: 54 Prozent der jungen Talente wollen der Umfrage zufolge spätestens nach drei Berufsjahren Kinder haben.Einrichtung von Betriebskindergärten Die meisten Absolventen (74 Prozent) wollen zugleich aber auf jeden Fall Karriere machen. Wenn Kinder kommen, erwarten sie von den Arbeitgebern entsprechendes Entgegenkommen, von der Einrichtung von Betriebskindergärten bis zur zeitweiligen Teilzeitarbeit. Reines Wunschdenken, das an der harten Wirklichkeiten zerschellen wird? Waren nicht auch frühere Generationen idealistisch und mussten dann Kompromisse eingehen? Ja, sagt Hesse, aber er sieht einen entscheidenden Unterschied: "Erstens gibt es eine Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der Jungen durch die demographische Entwicklung und den absehbaren Fachkräftemangel." Zweitens herrsche durch das Internet heute mehr Transparenz über die wahren Verhältnisse in den Firmen: Die Arbeitgeber stehen unter Druck, ihren Bewerbern entgegenzukommen.Wunsch nach mehr Freiheiten Der Bielefelder Betriebswirtschaftsprofessor Fred Becker sagt, dass vor allem der Wunsch nach mehr Freiheiten bei der Arbeitszeit und mehr Flexibilität unter jungen Leuten weit verbreitet sei. "Früher wurde bei der Bewerbung erst nach dem Gehalt gefragt", erkennt auch er Veränderungen. Vor allem die Personalchefs größerer Unternehmen fühlten sich oft dazu gezwungen, auf die neuen Wünsche einzugehen. "Die besten Chancen, ihre Vorstellungen zu verwirklichen, haben Kandidaten, die eine stark gefragte Qualifikation anbieten." Melanie Richter von Wincor Nixdorf stellt fest, "dass Absolventen und junge Bewerber anders als früher nachhaltige Unternehmensführung hinterfragen". Individuelle Entwicklungschancen und Internationalität seien aber ebenso reizvoll für Nachwuchskräfte. Elke Holst vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin bestätigt den Kulturwandel: "Die Frage ist: Setzen die jungen Leute sich durch gegen die alte Kultur, die in den obersten Führungsetagen noch herrscht?" Immerhin werde es durch den demographischen Wandel tatsächlich immer schwieriger, die alten Strukturen aufrechtzuerhalten, ist Holst überzeugt.

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