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Polizisten mit Schutzhelmen übersteigen eine Mauer. - © picture alliance/dpa
Polizisten mit Schutzhelmen übersteigen eine Mauer. | © picture alliance/dpa

Tödliche Schießerei in Halle (Saale) Rechtsextremist wollte Massaker in Synagoge anrichten

Jüdische Gemeinde: Täter versuchte, die Türen der Synagoge aufzuschießen. Seehofer sieht antisemitisches Motiv. Polizei meldet eine Festnahme. Sicherheitsmaßnahmen in NRW

10.10.2019 | Stand 10.10.2019, 06:31 Uhr

Halle/Bielefeld (dpa/bth). Ein schwerbewaffneter Täter hat versucht, in einer Synagoge in Halle/Saale ein Blutbad unter rund 80 Gläubigen anzurichten. Die jüdische Gemeinde entging an ihrem höchsten Feiertag Jom Kippur nur knapp einer Katastrophe. Der mutmaßliche Rechtsextremist Stephan B. aus Sachsen-Anhalt wollte nach Angaben aus Sicherheitskreisen am Mittwochmittag die Synagoge mit Waffengewalt stürmen, scheiterte jedoch. Danach soll der 27-jährige Deutsche vor der Synagoge und in einem nahen Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen und mindestens zwei weitere verletzt haben. Er floh vom Tatort und wurde am Nachmittag festgenommen. Die Polizei bestätigte am Abend die Festnahme des mutmaßlichen Schützen. "Die festgenommene Person ist der Tatverdächtige", sagte ein Polizeisprecher. Der Mann sei verletzt worden. "Er wurde versorgt", fügte der Sprecher hinzu.Erst nach langen Stunden des Wartens wurde klar, dass es sich um einen Einzeltäter handelte. Innenminister Horst Seehofer (CSU) sprach am Abend von einem antisemitischen Motiv. Der Generalbundesanwalt, der die Ermittlungen rasch an sich gezogen hatte, habe zudem „ausreichend Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund". Zentralrat: Für alle Juden ein tiefer Schock Seehofer sagte weiter: „Der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur ist heute ein schwarzer Tag. Ein schwer bewaffneter Täter hat versucht, in eine Synagoge einzudringen, in der sich rund 80 Menschen aufhielten." Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nahm am Mittwochabend an einer Solidaritätsveranstaltung an der Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin teil und setzte so ein Zeichen der Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinde in Deutschland. Auch Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) besuchte die Veranstaltung. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sagte am Abend: „Die Brutalität des Angriffs übersteigt alles bisher Dagewesene der vergangenen Jahre und ist für alle Juden in Deutschland ein tiefer Schock." Zugleich erhob er schwere Vorwürfe gegen die Polizei. „Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös." Er fügte hinzu: „Wie durch ein Wunder ist nicht noch mehr Unheil geschehen." Selbstgebastelte Sprengsätze vor dem Gotteshaus Bei dem Angriff legte der Täter auch selbstgebastelte Sprengsätze vor dem Gotteshaus ab. Eine Frau wurde nach dpa-Informationen vor der Synagoge von tödlichen Schüssen getroffen. Etwa 30 Meter vor der Synagoge lag sie auf einer Straße mit einer blauen Decke bedeckt gegenüber der Synagoge. Das Opfer aus dem Döner-Imbiss war ein Mann.Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, bestätigte, dass sich der Angriff der Täter direkt gegen die Synagoge richtete. „Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen", sagte Privorozki der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten. „Aber unsere Türen haben gehalten." Bekennervideo nach Vorbild des Christchurch-Anschlags Die Tat erinnert an den Anschlag eines Rechtsextremisten auf Muslime in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch, bei dem Mitte März mehr als 50 Menschen getötet worden waren. Wie dieser Täter soll auch der Schütze von Halle eine Kamera auf dem Helm getragen haben. In den sozialen Netzwerken soll er ein Bekennervideo hochgeladen haben.Darin ist ein junger Mann in Kampfanzug mit weißem Halstuch in einem Auto zu sehen. Der Mann gibt in vermutlich nicht muttersprachlichem Englisch extrem antisemitische Äußerungen von sich. In dem Video sind auch mehrere Schießszenen zu sehen. Unter anderem zeigt das Video, wie in einem Döner-Imbiss mehrfach auf einen Mann geschossen wird, der hinter einem Kühlschrank liegt. Das Video liegt dpa vor. Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitsmus bestätigte nach einem Telefonat mit Privorozki, der maskierte Täter habe gegen die Tür geschossen, dabei aber nicht in die Synagoge eindringen können. Rund 20 Menschen seien am Nachmittag noch in der Synagoge verschanzt gewesen, darunter auch mehrere Gäste aus den USA. Laut Salomon wurden auch Flaschen mit Flüssigkeit geworfen. Eine habe die Sukka (Laubhütte), eine andere den Jüdischen Friedhof in unmittelbarer Nähe und eine den Hof der Synagoge getroffen. Nur die Flasche gegen den Friedhof habe sich entzündet. Polizei hebt am Abend Warnungen auf US-Botschafter Richard Grenell sagte, zehn Amerikaner seien in der Synagoge gewesen. „Alle sind sicher und unverletzt", schrieb Grenell auf Twitter. Bundeskanzlerin Angela Merkel informierte sich über die Lage und sprach den Angehörigen der Opfer ihr tiefes Beileid ausgesprochen. Die Kanzlerin habe mit Seehofer und Haselhoff gesprochen, twitterte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Solidarität gelte allen Jüdinnen und Juden am Feiertag Jom Kippur. Die Stadt Halle sprach am frühen Nachmittag von einer „Amoklage" und rief die Menschen überall in Halle dazu auf, in Gebäuden zu bleiben. Zunächst war die Polizei davon ausgegangen, dass mehrere bewaffnete Täter mit einem Auto auf der Flucht seien. Gegen 18.15 Uhr gab sie Entwarnung. „Sie können wieder auf die Straße, die Warnungen sind aufgehoben", twitterte die Polizei. Es gab mindestens zwei weitere Verletzte. Sie wurden mit Schussverletzungen in das Universitätsklinikum Halle gebracht, waren aber am Abend außer Lebensgefahr. Auch in Landsberg, rund 15 Kilometer östlich von Halle, gab es Schüsse. Ein Zusammenhang zu Halle war zunächst von den Behörden aber nicht bestätigt worden.Die Stadt Halle hatte einen Krisenstab einberufen. Alle Rettungskräfte der Feuerwehr waren in Alarmbereitschaft versetzt worden. Die Polizei hatte seit den Mittagsstunden alle verfügbaren Kräfte in Sachsen-Anhalt abgezogen und sie nach Halle verlegt. Video mit Schmähungen von "Juden" und "Kanaken" Im benachbarten Leipzig hatte die Polizei ihre Kräfte vor der Synagoge verstärkt. Auch in anderen deutschen Städten wurde der Schutz von Synagogen verstärkt.Der Bahnhof von Halle war wegen polizeilicher Ermittlungen gesperrt. Es kam zu Verspätungen. Die Bundespolizei verstärkte ihre Kontrollen an Bahnhöfen und Flughäfen in Mitteldeutschland. Das gelte auch für die Verkehrswege nach Polen und Tschechien, hieß es. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zeigte sich entsetzt über die Tat. „Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land." Aus dem Ausland kamen ebenfalls bestürzte Reaktionen. Das Europaparlament legte eine Schweigeminute für die Opfer ein. In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sagte Parlamentspräsident David Sassoli. Auch UN-Generalsekretär António Guterres bewerte den Vorfall als „eine weitere tragische Demonstration von Antisemitismus", teilte ein UN-Sprecher in New York mit. Nach Spiegel-Informationen handelt es sich bei dem mutmaßlichen Täter um den 27-jährigen Stephan B. aus Sachsen-Anhalt. Es soll sich um einen Rechtsradikalen handeln. Den Ermittlern liege inzwischen ein Video vor, das der Attentäter offenbar mithilfe einer Helmkamera aufnahm. Aus dem Video ergäben sich klare Hinweise auf ein antisemitisches und rechtsextremes Motiv. So schimpfe der Täter mehrfach über "Juden" und "Kanaken". Terror am Versöhnungstag Jom Kippur Ein Polizeisprecher sagte dem Spiegel, ein Mann sei in einem Imbiss getötet worden. Das andere Opfer in der Nähe der Synagoge sei eine Frau. Nach Angaben des Universitätsklinikums der Stadt wurden zwei Schwerverletzte mit Schussverletzungen am Nachmittag operiert. Der Mann und die Frau seien außer Lebensgefahr, hieß es am Abend. Das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen veranlasste nach den Vorfällen in Halle (Saale) ab sofort strengere Sicherheitsvorkehrungen für alle jüdischen Einrichtungen im Land. "Unsere Schutzmaßnahmen haben wir noch einmal deutlich erhöht", sagte der zuständige Sprecher des Innenministeriums in Düsseldorf, Wolfgang Beus, auf Anfrage. Die Maßnahme gelte ab sofort und bis auf weiteres. Sie betreffe nicht ausschließlich Synagogen, sondern auch andere jüdische Einrichtungen im Land. Die Schutzbedürftigkeit müsse überall individuell analysiert werden. "Es ist die Aufgabe der Polizeibehörden, das richtig zu bewerten", so Beus. Es gab Spekulationen über eine Geiselnahme im EDEKA in der Südstadt. Dies können wir nicht bestätigen! Bitte bewahren Sie Ruhe und glauben keinen Gerüchten und Falschmeldungen. Das unüberlegte Teilen erschwert uns die Arbeit. Vielen Dank für Ihre Mithilfe.#hal0910#halle — Polizei Halle (Saale) (@Polizei_HAL) 9. Oktober 2019 Der 9. Oktober, an dem die Tat erfolgte, ist der höchste jüdische Feiertag. Jom Kippur bedeutet Versöhnungstag oder auch Versöhnungsfest. Weitere Informationen folgen

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