0
Klinikum - © Foto: Martin Schutt
In Deutschland gibt es zur Zeit knapp 1400 Krankenhäuser. | © Foto: Martin Schutt

Studie Bessere Versorgung durch weniger Krankenhäuser?

Sind kleine Krankenhäuser ein Risiko für die Patienten? Fachleute sehen das so. In einer Studie für die Bertelsmann Stiftung melden sie sich mit einem radikalen Vorschlag zu Wort.

Martin Krause
15.07.2019 | Stand 15.07.2019, 20:17 Uhr

Gütersloh. Die Versorgung der Patienten in Deutschland könnte einer Studie zufolge durch die Schließung von mehr als jedem zweiten Krankenhaus erheblich verbessert werden. Wenn die Zahl der Kliniken von derzeit knapp 1.400 auf weniger als 600 sinke, könnten die verbleibenden Häuser deutlich mehr Personal und eine bessere Ausstattung erhalten, heißt es in einer Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Denn viele Kliniken seien für heutige Ansprüche zu klein, sagen die Experten: "Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Konzentration auf deutlich unter 600 Kliniken vermeiden", so das harte Urteil der Fachleute. Durch die Reduzierung der Krankenhaus-Zahl seien eine stärkere Spezialisierung und eine bessere Ausstattung der Standorte mit Fachärzten und Pflegepersonal sowie mit technischem Gerät möglich. "Selbst ein brillanter Operateur bekommt Probleme, wenn er kein erfahrenes Team hat", sagt Jan Böcken, der Studienverantwortliche der Stiftung. Tatsächlich führten viele Kliniken demnach Operationen durch, für die ihre Mitarbeiter zu wenig Erfahrung haben oder für die sie nicht optimal ausgestattet sind: "Fast 40 Prozent der deutschen Kliniken haben 2017 komplexe Eingriffe durchgeführt, für die sie die gesetzlich vorgegebenen Fallzahlen nicht erreicht haben", so Böcken. Dies führe zu unnötigen Risiken. Oft fehlt den Fachkräften Erfahrung für Operationen Eine kritische Untergrenze für die Größe von Akutkrankenhäusern sieht Böcken bei 200 Betten. Allerdings sei nicht die Bettenzahl entscheidend, sondern die Zahl bestimmter Krankheitsfälle – eine Spezialisierung könne daher wichtig sein. Die Krankenkasse AOK Nordwest, die größte Krankenkasse in OWL, begrüßt die von der Bertelsmann Stiftung angeregte Diskussion. "Insbesondere im ländlichen Bereich braucht es intelligente Lösungen im Sinne der Patienten. Also Krankenhäuser zur Sicherstellung der Akut- und Notfallversorgung", erklärt AOK-Vorstandschef Tom Ackermann."Wir brauchen einen qualitätsorientierten Umbau der Krankenhauslandschaft, der diese Namen auch wirklich verdient. Dazu gehört auch, qualitätssichernde Standards eindeutig und verbindlich im Krankenhausplan des Landes zu formulieren und festzuschreiben", erklärt Ackermann weiter. "Ein deutlicher Schritt wäre es bereits, wenn zukünftig Kliniken mit mehr als 500 Betten nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel in der Krankenhauslandschaft bilden." Patientenschützer warnen vor einem Kahlschlag Bei Krankenhäusern und Ärzten stießen die Empfehlungen auf heftige Kritik. Theo Windhorst, Bielefelder Chirurg und seit 2005 Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, sagte, er sei "enttäuscht, dass aus einer guten statistischen Grundlage so schlechte Schlussfolgerungen" gezogen worden seien. Zwar sei eine Anpassung der Krankenhaus-Planung notwendig, sagte er mit Verweis auf entsprechende Vorbereitungen des NRW-Gesundheitsministers Karl-Josef Laumann (CDU). Und es mache durchaus Sinn, die Versorgung zu straffen. Mit Blick auf die wachsende Zahl alter und dementer Patienten sei aber auch die Erreichbarkeit wichtig: "Wir brauchen Häuser der Grund- und Regelversorgung weiterhin vor Ort", so Windhorst. Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz kritisierte, die empfohlene Schließung jeder zweiten Klinik wäre ein "Kahlschlag". Und Jochen Brink, Präsident der Krankenhausgesellschaft NRW, diagnostizierte einen "fehlenden Realitätsbezug" der Studie: Die Reduzierung der Klinikzahl würde nicht etwa Geld sparen, sondern zu weiteren Kosten in Milliardenhöhe führen. Dabei fehle allein den Krankenhäusern in NRW schon jetzt jährlich ein Milliardenbetrag. Kritik kommt auch vom Ärztekammer-Präsidenten Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach sich für einen Mix aus wohnortnaher Versorgung und Spezialisierung aus. "Nicht jedes Krankenhaus muss alles machen. Hier sollten wir unsere Kräfte besser bündeln", sagte er. "Kompliziertere Fälle gehören in ein Krankenhaus, das in der Behandlung Routine hat." Denn die Qualität einer Behandlung hänge stark mit der Erfahrung des Krankenhauses zusammen. Kliniken, denen diese nötige Routine fehle, stehe bereits jetzt keine Vergütung für diese Behandlung zu. Die Vorstellung, dass die Krankenhausversorgung vor allem im ländlichen Raum ausgedünnt wird, löst vielerorts Besorgnis aus. Ein solcher Schritt würde auch den Forderungen der Kommission "gleichwertige Lebensverhältnisse" nach Sicherung einer gut erreichbaren, wohnortnahen Gesundheitsinfrastruktur widersprechen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft warnte vor einer "Zerstörung von sozialer Infrastruktur in einem geradezu abenteuerlichen Ausmaß". Spahn hatte kürzlich betont: "Ein Krankenhaus vor Ort ist für viele Bürger ein Stück Heimat." Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt aus Bielefeld nannte den Vorschlag der Experten "mehr als befremdlich". In Ballungsgebieten könnten größere Strukturen aber "durchaus sinnvoll" sein, räumte er ein. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund betonte: "Versorgungsprobleme werden nicht dadurch gelöst, dass pauschal regionale, leicht zugängliche Versorgungskapazitäten ausgedünnt werden." Schnelle Erreichbarkeit ist kein Vorteil, wenn der Facharzt fehlt "Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung", betonen die Autoren der vom Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (Iges) erstellten Studie dagegen. Kleine Kliniken verfügten dagegen häufig nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall angemessen behandeln zu können. Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Bündelung von Ärzten und Pflegepersonal sowie Geräten in weniger Krankenhäusern vermeiden. Diese Einschätzung sei "absolut unbelegt", widersprach die Krankenhausgesellschaft. Die Qualität der Versorgung in den Kliniken werde seit Jahren gemessen, mit wenigen Ausnahmen werde jedes Jahr allen beteiligten Kliniken ein hohes Niveau bestätigt. Bei einem Großteil der Krankenhausbehandlungen handele es sich um medizinische Grundversorgung, wie Geburten oder altersbedingte Krankheitsbilder der Inneren Medizin. Sie müssten "möglichst familien- und wohnortnah in erreichbaren Krankenhäusern" erbracht werden. In der Bertelsmann-Studie heißt es dagegen, die schnelle Erreichbarkeit eines kleinen Krankenhauses sei nur ein vermeintlicher Vorteil. Wenn dort kein Facharzt verfügbar sei, habe die Klinik einen gravierenden Qualitätsnachteil. Im Regelfall wären die Kliniken auch dann innerhalb von 30 Minuten zu erreichen, wenn ihre Gesamtzahl deutlich verringert würde. In ländlichen Kreisen mit geringer Bevölkerungsdichte sei dies allerdings kaum möglich, räumen die Autoren ein. Dies gelte für insgesamt 28 Kreise in acht Bundesländern. Finanzielle Unterstützung für Schließungen und Zusammenlegungen Die Debatte über eine Verringerung der Zahl der Krankenhäuser in Deutschland ist nicht neu. "Zugänglichkeit und Qualität der Klinken stehen seit langem in einem Spannungsverhältnis", sagte Jürgen Wasem, Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen. "Es geschieht auch schon einiges. Mit dem Krankenhausstrukturfonds werden die Zusammenlegung und die Schließung von Krankenhäusern finanziell unterstützt." Die Autoren der Bertelsmann-Studie schlagen einen zweistufigen Aufbau einer neuen Krankenhausstruktur vor. Neben Versorgungskrankenhäusern mit durchschnittlich gut 600 Betten soll es etwa 50 Unikliniken und andere Maximalversorger mit im Schnitt 1.300 Betten geben. Aktuell hat ein Drittel der deutschen Krankenhäuser weniger als 100 Betten. Mit Material der dpa.

realisiert durch evolver group