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Passionierter Trompeter: Martin Stork ist Musiklehrer aus Gütersloh und Inhaber einer kleinen privaten Musikschule. - © Ramhorst
Passionierter Trompeter: Martin Stork ist Musiklehrer aus Gütersloh und Inhaber einer kleinen privaten Musikschule. | © Ramhorst

Musikunterricht per Video-Chat

Die Corona-Krise zwingt auch Musiklehrer dazu, Unterricht neu zu denken. Statt im gewohnten Einzel- oder Gruppenunterricht, trifft Martin Stork seine Schüler nun im Videochat.

Theresa Boenke
03.05.2020 | Stand 04.05.2020, 10:33 Uhr

Eigentlich ist es ein Montag wie jeder andere auch. Um 14 Uhr trifft Martin Stork, Musiklehrer für Blechblasinstrumente und Blockflöte, seinen ersten Schüler zum Trompetenunterricht. Doch seit ein paar Wochen ist alles ein bisschen anders. Martin Stork muss sich nicht mehr ins Auto setzen, um seine Musikschüler zu treffen. Er setzt sich einfach vor seinen Laptop und ruft ein Videochat-Programm auf. Einen Mausklick später taucht sein Musikschüler im Video auf dem Display auf. Die Noten liegen bereit, die Trompete ist gezückt. Es kann losgehen. 30 Minuten Trompetenunterricht – fast so wie immer.

So oder so ähnlich gestalten sich gerade alle Wochentage von Martin Stork. „Von 14 bis 20 Uhr gebe ich täglich Unterricht. Auch wenn kein persönliches Treffen möglich ist, kann ich meine Schüler online per Skype unterrichten." Der Musiklehrer aus Gütersloh ist Inhaber einer kleinen privaten Musikschule und bildet unter anderem den Nachwuchs für zwei Blasorchester und drei Posaunenchöre in Gütersloh, Mastholte und Bielefeld-Jöllenbeck aus.

90 Prozent der Schüler werden via Skype unterrichtet

Natürlich war die Umstellung auf den virtuellen Unterricht aufgrund des virusbedingten Lockdowns zunächst eine Umstellung: „Meine Tochter hat mich schnell in das Video-Chat-Programm eingeführt und seitdem unterrichte ich 90 Prozent meiner Schüler via Skype", berichtet der passionierte Trompeter. Das klappt – und ist auch gut so: „Wenn man sein Geld als Musiklehrer verdient, freut man sich, wenn die Ausfälle nicht so hoch sind."

Natürlich muss man als Musiker mit sensiblem Gehör Abstriche machen, wenn via Videochat musiziert wird. „Die Technik ist stabil und zuverlässig und die Ton- und Bildqualität auch akzeptabel. Aber aufgrund der technisch bedingten zeitlichen Verzögerung ist gemeinsames, gleichzeitiges Spielen nicht möglich oder klingt ziemlich gruselig", sagt der Trompeter mit einem Schmunzeln.

"Manche üben wie der Teufel"

Auch wenn sich das Unterrichtskonzept aufgrund der neuen Rahmenbedingungen etwas verändert hat, sind Martin Storks Schüler – deren Alter von 6 Jahren bis ins hohe Alter reicht – mit großer Freude dabei. „Sie sind froh über die willkommene Abwechslung. Manche üben wie der Teufel", berichtet er. „Solch motivierte Schüler zu haben, ist natürlich super!"

Stork, der seit seinem 12. Lebensjahr Trompete spielt und bereits in den 80er Jahren als Musiklehrer tätig war, ist auch als Dirigent für die musikalische Leitung von zwei Bläserchören verantwortlich. „Die Proben und Auftritte können natürlich gerade nicht stattfinden, daran gibt es nichts zu rütteln", bedauert er. Ein geplantes Open-Air-Konzert kurz vor den Sommerferien muss wohl verschoben werden.

Digitale Kommunikation ersetzt nicht die gemeinsamen Proben

Selbst wenn es Lockerungen gäbe, die verpasste Probearbeit kann nicht nachgeholt werden. „Natürlich bleibt man mit den Musikern über E-Mails, Whats-App oder Telefonaten in Kontakt, aber das ersetzt nicht das regelmäßige gemeinsame Musizieren", sagt Stork. „Die Musik, die Gemeinschaft, die persönlichen Gespräche – da fehlt einfach ein ganz wichtiger Baustein."

Musik ist schließlich etwas, das verbindet. Und weil das auch in Corona-Zeiten nicht anders ist, möchte Martin Stork gerade jetzt andere an seiner Musik teilhaben lassen. „Jeden Samstag und Sonntag klettere ich zu 18 Uhr mit meiner Trompete auf den Turm der Martin-Luther-Kirche in Gütersloh und spiele von dort oben vier Lieder." Stets beginnt der Musiker dann mit Beethovens „Ode an die Freude". „Das ist die Hymne der Europäer. Nur der Zusammenhalt einer großen Gemeinschaft kann diese Krise überstehen." Sein kleines Turmkonzert beschließt Martin Stork dann stets mit dem Abendlied „Der Mond ist aufgegangen". Dazwischen spielt er zwei wechselnde Lieder, die von Hoffnung, Zuversicht und Gottvertrauen erzählen.

Viel Dankbarkeit für die Kirchenturmmusik

Vom Turm der Martin-Luther-Kirche aus erreicht der Trompeter viele. „Das hat echt eine Reichweite, man wird fast in der gesamten Innenstadt gehört." Gedankt wird ihm die Solo-Einlage, die man nach der sechsten Auflage mittlerweile durchaus als Konstante bezeichnen kann, mit Applaus am Fuße des Turmes – selbstverständlich mit Sicherheitsabstand – oder Dankesnachrichten und -telefonaten „aus der Ferne". Auch Bewohnern von Gütersloher Altenheimen und Krankenhäusern haben Martin Stork und andere Musikerkollegen – einzeln oder zu zweit – in sicherem Abstand und draußen schon Ständchen gebracht. „Wegen des Besuchsverbots haben die Menschen schon lange keine Angehörigen mehr gesehen, weshalb die Freude über die Livemusik riesengroß und eine Abwechslung ist."

Gerade findet Martin Stork wieder häufiger Zeit, sich seiner „heimlichen Geliebten", der Trompete, zu widmen. „Für mich war das Trompete-Spielen schon immer ein seelischer Ausgleich. Nirgends kann ich so gut abschalten", sagt der Gütersloher. Und wenn man gerade nicht mit anderen gemeinsam musizieren kann, dann musiziert man eben mit sich alleine: Martin Stork hat sich eine App heruntergeladen und experimentiert mit selbst aufgenommenen mehrstimmigen Liedern: „Das ist auch mal eine Erfahrung! Wie heißt es so schön: Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. Die Herausforderungen müssen wir annehmen und das Beste draus machen."

"In Sachen von Soforthilfe muss nachgebessert werden"
Jedoch wird diese optimistische Einstellung nicht unbegrenzt funktionieren, glaubt Martin Stork. „Eine gewisse Zeit kann man mit Kreativität und Optimismus durchhalten, aber das darf nicht allzu lange dauern. Kleinstbetriebe und Solo-Selbstständige können beim Bundesministerium für Wirtschaft zwar eine Soforthilfe beantragen, aber die bezieht sich nur auf die Unterstützung von Betriebskosten, nicht auf die Finanzierung des Lebensunterhalts."

Da Musiker vom Unterrichten und von den Einnahmen aus Auftritten leben, haben sie kaum Betriebskosten. Also gibt es auch keine Soforthilfe. „Da muss von Seiten der Verantwortlichen in der Regierung unbedingt nachgebessert werden."

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