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Flotte Feierabendtour: Die Teilnehmer können ganz neue Perspektiven auf die Heimat gewinnen. Es lohnt sich, Sofa gegen Fahrradsattel zu tauschen. - © Sarah Jonek
Flotte Feierabendtour: Die Teilnehmer können ganz neue Perspektiven auf die Heimat gewinnen. Es lohnt sich, Sofa gegen Fahrradsattel zu tauschen. | © Sarah Jonek

Meine Heimat Auf Feierabend-Fahrradtour durch die Heimat

Durch den Nordwesten Bielefelds und Werther: Warum das Angebot des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) zum gemeinsamen Radeln einfach Laune macht.

Monika Dütmeyer
29.07.2020 | Stand 24.07.2020, 11:40 Uhr

Für unsere „flotte Feierabendtour", die uns durch den Nordwesten Bielefelds und Werther führen soll, treffen wir uns an der Endstation der Stadtbahnlinie Babenhausen Süd in Bielefeld. Hier „schnaufen" gerade die Busse um die engen Kurven, um den Turnaround für den Start ihrer nächsten Linientour zu schaffen. Unser Tourleiter Herbert Matthes ist leicht zu erkennen. Denn erstens steht er neben dem Fahrradständer, und zweitens trägt er ein leuchtend gelbes Trikot. So ähnlich wie bei der Tour de France ist auch er unser „Vorfahrer".

„Jeder fährt auf eigene Verantwortung", erklärt er, als er die zehn Teilnehmer der ausgebuchten Tour begrüßt. Normalerweise dürfen alle, die Lust dazu haben, spontan mitfahren. Aber wegen Corona muss man sich vorher auf der Internetseite des ADFC Bielefeld anmelden. Bevor es losgeht, bestimmt Matthes auch noch einen Schlussfahrer, der dafür sorgt, dass niemand aus der Gruppe den Anschluss verpasst.

Los geht's in Bielefeld-Babenhausen

Mit ganzem Herzen engagiert: Kordula Gützlag und Herbert Matthes. - © Sarah Jonek
Mit ganzem Herzen engagiert: Kordula Gützlag und Herbert Matthes. | © Sarah Jonek

Kordula Gützlag meldet sich freiwillig für diesen Job. Sie ist Vorstandsvorsitzende des ADFC in Bielefeld. Nachdem Herbert Matthes erklärt, dass wir mit knapp 30 Kilometern eine „kurze Strecke" fahren und die Tour mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 18 Stundenkilometern eher eine flotte Angelegenheit mit einigen Steigungen sei, treten wir in die Pedale. Matthes fährt im gelben Trikot voran. Wir lassen das trubelige Supermarkt-Zentrum in Babenhausen hinter uns und biegen schon zwei Minuten nach dem Start in eine gefühlt andere Welt ein.

Auf einer Landstraße, die rechts und links von Bäumen gesäumt ist, bilden das Zwitschern der Vögel und unsere Gespräche die Geräuschkulisse. Untermalt vom schwachen Wind, der die Ohren streift. Wir meistern eine erste kleine Steigung, wofür wir sogleich belohnt werden: Uns eröffnet sich ein fantastischer Blick auf die Uni Bielefeld: Da liegt sie inmitten grüner Landschaft, von der Abendsonne in Szene gesetzt. Und mit dieser neuen Perspektive wird klar, wie überhaupt jemand jemals auf die Idee kommen konnte, den „Betonklotz" im Uni-Fanshop als Schneekugel anzubieten.

Erhabene Naturmomente auf der Tour

Nur hin und wieder passieren wir größere Straßen, nur kurz geht es durch eine Siedlung. „Wir suchen gezielt nach schönen Wegen und fahren die Touren, zwei-, dreimal ab, bevor wir mit den Teilnehmern losfahren", erklärt Herbert Matthes. Eine Menge Arbeit für die ehrenamtlichen Tourenleiter. Umso verständlicher, dass sie traurig sind, dass viele ihrer mit Liebe erarbeiteten Touren, die beispielsweise auch Bahnfahrten beinhalten könnten, in diesem Jahr aufgrund von Corona nicht stattfinden können.

Wir fahren vorbei an tiefgrünen Wiesen und Maisfeldern, wie wir sie mindestens zwei trockene Sommer lang nicht mehr gesehen haben. Passieren Getreidefelder. Während die Abendsonne die Ähren zu streicheln scheint, tanzen sie im leichten Wind. Und als wie aus dem Nichts ein Vogelschwarm aus dem Getreidemeer aufsteigt, ist es einer dieser erhabenen Naturmomente, in denen das ausgesprochene „Ist das schön" eigentlich wie die Untertreibung des Jahres klingt. In den Augen der Teilnehmer spiegelt sich nicht nur das Geschehen, sondern auch das gemeinsame Erleben dieses Moments. Und wir kommen ins Plaudern.

"Ein bisschen fahrradverrückt muss man schon sein"

Die meisten hier haben mehr als ein Fahrrad. Vorstandsvorsitzende Kordula Gützlag hat zum Beispiel gar kein Auto mehr. Als jüngstes Mitglied ihrer Fahrradflotte hat sie sich ein E-Bike angeschafft, mit dem sie auch heute am Start ist. Nadine Prekau, die das erste Mal an einer geführten Tour teilnimmt, hat sechs Räder. „Ein bisschen fahrradverrückt muss man schon sein", sagt sie während der Trinkpause und lacht. Mit seinen eigens zum Fahren seines Rennrades angezogenen Fahrradschuhe klappert Jürgen Becker über den Asphalt der Landstraße und bietet allen Teilnehmern Lakritz an. „Das mit dem Fahrradfahren ist bei mir wie ein Virus. Aber einer, der nie mehr weggeht", sagt er.

Dieser „Virus" verbindet offenbar, denn hier kann jeder mit jedem einfach ins Gespräch kommen. „Radfahrer sind meist sehr freundlich zueinander – und besonders hilfsbereit. Wenn man zum Beispiel mit dem Rad im Zug unterwegs ist, packt immer mal jemand mit an und fragt, wohin es geht", sagt Kordula Gützlag.

Das gemeinsame Fahren hat viele Vorteile

Diese Hilfsbereitschaft bekomme auch ich zu spüren: Als Jürgen Becker bemerkt, dass auf dem Hinterreifen eventuell zu wenig Luft ist, hat Ulla Lutz die Luftpumpe schon in der Hand und Kordula Gützlag im selben Moment die Finger zum Luftdrucktest schon auf dem Fahrradreifen-Profil.

Das gemeinsame Fahren hat für viele Teilnehmer Vorteile: Einigen macht das einsame Fahren einfach keinen Spaß, andere haben einfach niemanden, der genauso fahrradverrückt ist wie sie. Und auch der Sicherheitsaspekt spielt eine Rolle. Denn mit den geschulten Tourenleitern und den anderen Teilnehmern ist man nicht allein, wenn mal etwas passieren sollte, oder das Rad eine Panne hat.
Und Animation gibt es auch: Als Herbert Matthes fragt, ob jemand spontan und quasi außerhalb der offiziellen Tour Lust zum Eisessen in Werther hat, gehen alle Zeigefinger nach oben.

Dort angekommen, ist Zeit für Fachsimpelei über Räder und natürlich für das Eis, das nach Bewegung an der frischen Luft, noch viel besser schmeckt als sonst.

Information
Der ADFC Bielefeld hat rund 1.200 Mitglieder. Neben den Touren, zu denen auch Nicht-Mitglieder willkommen sind, gehören zum Angebot auch Radfahrkurse für Erwachsene, Kurse für Pedelecs sind geplant. Gesucht werden Tourenleiter und Leiter für die Radfahrkurse, erforderliche Schulungen übernimmt der ADFC. Infos und Kontakt gibt es hier.
Touren wie diese bieten auch weitere ADFC-Ortsgruppen an.

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