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Auf in die Zukunft: Technik ist auch wichtig. Vor allem geht es bei der Digitalisierung aber um die Menschen, sagt Mareen Vaßholz. - © Julia Fahl
Auf in die Zukunft: Technik ist auch wichtig. Vor allem geht es bei der Digitalisierung aber um die Menschen, sagt Mareen Vaßholz. | © Julia Fahl

Hinterland-Allianz Wago hat eine eigene Einheit fürs Digitale

Am Stammsitz des Hidden Champion wurde ein Digital Transformation Office gegründet. Sechs Mitarbeiter unterstützen nun ihre weltweit mehr als 8.500 Kollegen, den richtigen Weg in die digitale Zukunft einzuschlagen.

Julia Fahl
22.02.2020 | Stand 20.02.2020, 14:46 Uhr

Wago liegt im Hinterland. Mitten in Minden, unterhalb der höher gelegten Ringstraße, die berühmte Mindener Schachtschleuse liegt fast in Sichtweite. Bielefeld ist je nach Verkehrslage etwas mehr als eine Autofahrstunde entfernt. Ganz schön weit weg, mag so mancher aus Bielefelder Sicht denken. Trotzdem gerät der Hidden Champion noch lange nicht ins Hintertreffen. Wago hat mehr als einen Fuß in der Tür zur Bielefelder Gründerszene, kooperiert mit Start-ups, ist Mitglied der Hinterland-Alliance und war auch wieder auf der „Hinterland of Things"-Konferenz dabei. Aber auch abseits von hippen Neugründungen macht sich das Traditionsunternehmen mit großen Schritten auf in die digitale Zukunft.

Eine, die dabei tatkräftig hilft, ist Mareen Vaßholz. 33 Jahre ist sie alt und kann bereits auf einen außergewöhnlichen Lebenslauf blicken. Nach ihrem Abitur studierte sie an der Universität Paderborn Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Maschinenbau. Kaum hatte sie das Studium erfolgreich abgeschlossen, war sie knapp drei Jahre lang Geschäftsführerin des Sonderforschungsbereichs 614 „Selbstoptimierende Systeme des Maschinenbaus" an der Uni Paderborn. Schließlich promovierte Vaßholz über die „Systematik zur wirtschaftlichkeitsorientierten Konzipierung Intelligenter Technischer Systeme". „Daher auch meine Affinität zur Arbeit mit Menschen und der Digitalisierung", sagt sie und lächelt.

Diese kann sie bei Wago in Minden voll ausleben. Seit Ende 2014 arbeitet sie für das Unternehmen, das elektrische Verbindungs- und Automatisierungstechnik herstellt. Besonders im zweiten Geschäftsbereich ist die Digitalisierung ein großes Thema: Smart Building, Internet of Things und Cloud-Lösungen sind nur drei Beispiele, die aktuelle und künftige Geschäftsfelder des Mindener Unternehmens beschreiben. Der unternehmenseigene Leitspruch kommt nicht von ungefähr: „Wago ist das Rückgrat einer intelligent vernetzten Welt". Mit seinen Produkten will das Unternehmen Kunden helfen, diese intelligent vernetzte Welt aktiv und nachhaltig zu gestalten.

"Digitalisierung ist für uns kein Selbstzweck"

Umso wichtiger ist eine zukunftsorientierte Unternehmensstrategie für den Hidden Champion mit seinen weltweit mehr als 8.500 Mitarbeitern und einem Umsatz von rund 932 Mio. Euro (2018). An deren Weiterentwicklung und Umsetzung arbeitet Mareen Vaßholz seit vier Jahren. Seit September 2018 leitet sie zudem das Digital Transformation Office. Englische Berufsbezeichnungen für einen Aufgabenbereich, der sich kurz und knapp so zusammenfassen lässt: Mareen Vaßholz hilft, Wago in die digitale Zukunft zu führen.

„Digitalisierung ist für uns kein Selbstzweck", sagt Mareen Vaßholz. „Sie nur zu betreiben, weil sie technologisch möglich ist, ist nicht zielführend. - © Julia Fahl
„Digitalisierung ist für uns kein Selbstzweck", sagt Mareen Vaßholz. „Sie nur zu betreiben, weil sie technologisch möglich ist, ist nicht zielführend. | © Julia Fahl

„Digitalisierung ist ja nichts Neues für uns. Unsere Produktionsanlagen sind automatisiert, wir nutzen zum Beispiel SAP und führen Microsoft Office 365 ein. Wir tragen schon längst keine Aktenordner mehr durch die Flure." Analog gespeicherte Informationen sind also längst in digitale Formate umgewandelt worden (Digitizierung), digitalisierte Informationen werden schon genutzt, um Prozesse zu optimieren (Digitalisierung). Jetzt geht es aber darum, neue Geschäftsmodelle zu finden und das Kerngeschäft zu transformieren – Stufe 3 des Digitalisierungsdreiklangs, wie Vaßholz ihn nennt.

„Digitalisierung ist für uns kein Selbstzweck", sagt sie. „Sie nur zu betreiben, weil sie technologisch möglich ist, ist nicht zielführend. Unser Ziel ist, dass wir durch die Digitalisierung einen Mehrwert und Nutzen für unsere Kunden und für uns schaffen." Unter anderem müssen neue Arbeitsweisen etabliert werden, damit Kunden noch früher in Entwicklungsprozesse einbezogen werden können. Deshalb setzt Vaßholz auf einen ganzheitlichen Ansatz der digitalen Transformation: von den Produkten über Prozesse bis hin zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit Kunden und Mitarbeitern.

Die Aufgaben sind klar verteilt

Mittel zum Zweck ist das Digital Transformation Office, das im August 2018 seine Arbeit aufgenommen hat. Mit Mareen Vaßholz bilden fünf weitere Mitarbeiter – drei Männer und zwei Frauen im Alter von Mitte 20 bis Mitte 40 – von nun an die Einheit für das Digitale. „Wir sind sehr divers aufgestellt! Digitalisierung bedeutet für mich auch Vielfalt." Die Aufgaben hat sich das Team untereinander aufgeteilt.

Vaßholz hat sich Strategiearbeit und Methodenkompetenz auf die Fahnen geschrieben. Und die anderen? Die Teamleiterin zählt auf und schnell wird klar, dass alle wichtigen Themen der digitalen Transformation abgebildet sind: Eine Mitarbeiterin kennt sich mit Daten aus und widmet sich dem Controlling und der Analyse, eine andere Kollegin kümmert sich um die Kommunikation – „Kommunikation ist essenziell für den Transformationsprozess" –, ein Mitarbeiter um neue, digitale Arbeitsweisen wie Design Sprints, einer um IT- und Softwarethemen und einer um relevante und zukunftsträchtige Geschäftsmodelle.

Soweit, so gut. Aber warum braucht es eine spezielle Einheit? Warum gibt es nicht in jeder Abteilung einen Kollegen, der sich abteilungsspezifisch der digitalen Transformation widmet? Ein Kulturwandel soll her, die Organisation soll digital fit gemacht werden – und das abteilungsübergreifend. Das zentral angesiedelte Digital Transformation Office hilft, zielgerichteter zu agieren.

Unternehmensintern soll ein Innovationsumfeld geschaffen werden

Die sechs Transformationsmanager wollen ihren mehr als 8.500 weltweit tätigen Kollegen aber keinesfalls ein starres Regelwerk überstülpen. „Wir agieren als Inhouse-Berater. Wer unsere Hilfe und Unterstützung benötigt, kann sich an uns wenden und wird von uns beraten." Hilfe zur Selbsthilfe also. Ein Angebot, das gerne angenommen wird. „Intern werden wir immer wieder angefragt, ob wir Ideen mit ausarbeiten können."

Ideen und deren schnelle Umsetzung sind ein Schlüssel zum (digitalen) Erfolg. „Wir wollen unternehmensintern ein Innovationsumfeld schaffen. Ideen entstehen überall im Unternehmen. Wir müssen sie nur fördern", sagt Vaßholz. Ein Mittel: die Wago-Kickbox. Angelehnt an die Adobe-Kickbox hat Wago gemeinsam mit dem Unternehmen „Startup Landschaft" aus dem Bielefelder Pioneers Club ein strukturiertes Innovations- und Trainingsprogramm für Mitarbeiter entwickelt, um Ideen intern vorantreiben zu können.

So funktioniert es: Jeder, der eine Idee hat, die er bisher noch nicht verwirklichen konnte, kann sich um eine Wago-Kickbox bewerben. Er erhält eine physische Box. Darin unter anderem enthalten: Ein motivierender Brief vom geschäftsführenden Gesellschafter Sven Hohorst, ein ausführlich erklärter Innovationsprozess über sechs bis acht Wochen, dem man auch allein Schritt für Schritt folgen kann, und 1.000 Euro Budget, um die eigene Idee zu prüfen. Doch eigentlich geht es um viel mehr: Die Mitarbeiter übernehmen Verantwortung und bekommen Vertrauen geschenkt.

Digitalisierung hat vor allem mit Menschen zu tun

Mitte Dezember 2019 gab es den ersten Pitch, bei dem elf Kickboxbesitzer ihre ganz unterschiedlichen Ideen vorgestellt haben und versuchten, einen Sponsor zu finden. Das Ergebnis: Sieben Ideen dürfen weiterentwickelt werden und das Kickbox-Konzept soll international ausgerollt werden. Für Mareen Vaßholz ist die Aktion ein voller Erfolg und eine von vielen Möglichkeiten, die Mitarbeiter einzubeziehen. „Im Zuge der digitalen Transformation müssen wir alle Kollegen mitnehmen."

Denn sie sind der zweite Schlüssel zum Erfolg, um den Gang in die digitale Zukunft aufsperren zu können. Im Gespräch mit Vaßholz lernt man schnell: Digitalisierung hat erst einmal gar nicht so viel mit Technik zu tun, sondern vor allem mit den Menschen. Sie müssen nicht nur sich selbst, sondern sich auch gegenseitig vertrauen, um Veränderungen anstoßen und sich darauf einstellen zu können. „Das ist die eigentliche Digitalisierungskompetenz", erklärt Vaßholz. Gleichzeitig geht es auch darum, von Start-ups zu lernen und eine Fehlerkultur zu etablieren. „Scheitern ist erlaubt und Fehler sind wertvoll, um aus ihnen zu lernen."

Ebenfalls wichtig: ein Netzwerk bilden, es pflegen und für sich nutzen. „Digitalisierung schaffen wir nicht allein, sondern nur miteinander." Die Herausforderung sei, die unterschiedlichen Denkweisen im Unternehmen – „die alle ihre Berechtigung haben" – zu vereinen. Der Austausch untereinander sei immens wichtig, auch um auf dem Laufenden zu bleiben. „Alles steht und fällt mit dem internen und externen Netzwerk."

Wago hat schon längst einen Fuß in der Gründerszene

Außerhalb des Unternehmensgeländes verbindet sich Wago unter anderem mit der Founders Foundation, der Start-up-Szene und über die von der Founders Foundation ins Leben gerufene Hinterland-Allianz auch mit anderen Unternehmen. Offenheit, die einen guten Grund hat: „Wir alle stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Wir müssen diese nicht immer allein lösen. Öffnen und vernetzen wir uns, können wir miteinander noch besser und schneller lernen. Es ist ein Geben und ein Nehmen." Die Region sei sehr umtriebig und habe einen guten Spirit, lobt die 33-Jährige. Angst vor Wettbewerb oder Konkurrenz müssten Wago und andere Unternehmen nicht haben. „Der findet längst woanders statt: nicht primär in der Region, sondern auf dem Weltmarkt."

Wago hat schon längst einen Fuß in der Gründerszene: Das Unternehmen arbeitet mit Start-ups zusammen, hat schon an einigen Hackathons teilgenommen, um gemeinsam mit Talenten Lösungen für seine digitalen Herausforderungen zu suchen und hat sich im Bielefelder Pioneers Club eingemietet. Da darf die jährliche „Hinterland of Things"-Konferenz im Kalender nicht fehlen. Für Mareen Vaßholz ist das Gründer-Meet-and-Greet im Bielefelder Lokschuppen immer wieder eine gute Möglichkeit, um mit Unternehmen und Start-ups ins Gespräch zu kommen. So hat Prodaso, ein Start-up aus der Founders Foundation, auf der Konferenz einen Show Case gezeigt, wie es mit Wago-Automatisierungstechnik Maschinendaten für die Kunden in die Cloud schickt und dort weiterverarbeitet.

Es geht aber auch darum, gemeinsame Themen zu finden, sich als potenzieller Geschäftspartner vorzustellen, aber auch als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren – oder wie sie mit einem Lächeln sagt, um „ein Ohr auf der Schiene zu haben". Am Ball bleiben, um sich neu erfinden zu können – das ist im Zuge der digitalen Transformation ganz wichtig.

Wird diese jemals abgeschlossen sein? Und wenn ja, wann? Darauf gibt es noch keine Antwort. „Aber diese Ungewissheit, dass künftige Aufgaben noch gar nicht absehbar sind, macht es ja auch spannend", sagt sie mit einem Lächeln. Erst einmal arbeiten sie und ihre fünf Kollegen aus dem Digital Transformation Office auf ein großes Ziel hin: „Dass es uns in dieser Form irgendwann nicht mehr gibt, weil wir uns als Team weiterentwickelt haben und die digitale Transformation erfolgreich war."

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