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Der Pulli ist Programm: „Empowering Entrepreneurs" steht auf dem Hoodie von Jannis Johannmeier (l.), Sprecher der Founders Foundation. Wie man ein Start-up-Unternehmen gründet, hat auch Torsten R. Bendlin dort gelernt. In dieser Zeit hat der 50-Jährige Investoren für seine Idee gefunden, zwei Mitgründer und Mitarbeiterin Judith Wend, die sich um das Marketing kümmert. Eine Marketing-Maßnahme trägt der Gründer sogar immer am Mann. - © Monika Dütmeyer
Der Pulli ist Programm: „Empowering Entrepreneurs" steht auf dem Hoodie von Jannis Johannmeier (l.), Sprecher der Founders Foundation. Wie man ein Start-up-Unternehmen gründet, hat auch Torsten R. Bendlin dort gelernt. In dieser Zeit hat der 50-Jährige Investoren für seine Idee gefunden, zwei Mitgründer und Mitarbeiterin Judith Wend, die sich um das Marketing kümmert. Eine Marketing-Maßnahme trägt der Gründer sogar immer am Mann. | © Monika Dütmeyer

Einzigartig in Deutschland So funktioniert die Ausbildung im Founders Home

Die gemeinnützige Founders Foundation der Bertelsmann Stiftung bietet ein Ausbildungsprogramm für Start-up-Gründer an. Torsten R. Bendlin hat teilgenommen und verrät mehr.

Monika Dütmeyer
11.01.2020 | Stand 03.02.2020, 17:06 Uhr

Wir treffen uns schon vor dem offiziellen Gesprächsbeginn zufällig vor der Eingangstür der Founders Foundation. Torsten R. Bendlin sieht auf den ersten Blick eigentlich nicht aus wie ein typischer Fan von Einhörnern oder Unicorns, wie sie auf Englisch heißen. Er ist schon groß, hat dunkle Haare und ist mit seinen 49 Jahren definitiv aus der Einhornphase raus. Offensichtlich hat er auch kein Faible für rosa-, pink- oder lilafarbene Kleidungsstücke. Dafür trägt er eine blaue Jacke, die eher den Eindruck eines Trekkies erweckt. Wie bei Captain Kirk prangt sowas wie ein weißes Sternenflottenabzeichen auf der Brust, das sich wie ein „V" liest. Da wirkt es schon fast schicksalhaft, dass seine Gründungsgeschichte mit einem „galaktischen Auftritt" ihren Anfang nahm.

Peinlich ist „scheißegal"

„Maßnahmen sind wie Sterne, die vom Himmel fallen", sagt Torsten und wirft eine Handvoll Glitzersterne über seinen Kopf in die Luft, die Pirouetten drehend zu Boden segeln. Als das Publikum der Veranstaltung „Dein Tag zum Gründen 2016" applaudiert, wackelt das Handyvideo im Takt des Klatschens, das er uns in der Couch-Ecke der Founders Foundation zeigt. „Es war mir scheißegal, wie peinlich das war. Ich wollte unbedingt gewinnen", sagt Torsten und lacht. Denn diese Sache mit den Maßnahmen, die wie Sterne vom Himmel fallen, hatte ihn schon länger beschäftigt.

Fitness-Tracker für die Firma

Damals arbeitete er als Einkaufsleiter der Nolte Gruppe und befasste sich damit, Kosten mithilfe einzelner Maßnahmen zu senken, die beispielsweise Mitarbeiter, Chefs oder Beratern vorschlagen. Wenn jemand zum Beispiel die Idee hatte, einen Verpackungskarton aus einem dünneren und günstigeren Material zu bestellen, dann war das eine schöne Ersparnis. Wenn jemand anderes vorschlug, zu einem Kartonlieferanten mit einem günstigeren Preisniveau zu wechseln, klang das ebenfalls gut. Aber wenn der neue Lieferant den dünneren Karton gar nicht anbot, hatte man schon ein Problem. Es gab kein Programm oder eine Plattform, die die Effekte aller Maßnahmen bis ins Letzte transparent machte und die Wirkung von einer Maßnahme auf die anderen berücksichtige. Das wollte Torsten ändern. Er wollte ein Tool entwickeln, das wie ein Fitness-Tracker alle Maßnahmen in ihrer gesamten Wirkung für das Unternehmen abbildet. Jedoch trieb ihn die Frage um, wie er als Kaufmann eine Software-Firma gründen sollte.

Schwer verliebt in eine Idee

„Aber ich hatte mich zwei Jahre mit der Idee beschäftigt und mich in sie verliebt", erinnert er sich. Irgendwann sei für ihn ein „Point of no return" gekommen. Und der führte ihn zu Sebastian Borek, Geschäftsführer der Founders Foundation. Er war zufällig Mitglied der Jury von „Dein Tag zum Gründen". Torsten gewann eine Mentoring-Session mit Sebastian – und hatte damit den ersten Punkt „Experience" des vierstufigen Ausbildungskonzeptes der Founders Foundation schon erfüllt.

Ausbildung in vier Phasen

Das Konzept lässt sich anhand der vier Etagen des neuen Founders Home an der Obernstraße 50 von unten nach oben erzählen. Im Erdgeschoss ist der erste Bereich „Experience" angesiedelt. Sollte potenziellen Start-up-Unternehmern nicht zufällig jemand von der Founders Foundation über den Weg laufen, kann jeder Interessierte an Events wie Talks oder Hackdays teilnehmen. Sie finden in einem großen Veranstaltungsraum mit offenen Backsteinmauern, Theke und gemixten Sitzgelegenheiten statt, die Industriecharme mit Wohnzimmerflair versprühen.

Erstens Experience, zweitens Education

Im ersten Obergeschoss befindet sich der Bereich „Education". Das ist der Platz für das Academy-Programm. Das absolvieren die Teilnehmer an drei Wochenenden und mit einigen Meetings in einem Zeitraum von acht Wochen nebenberuflich. „Das ist sozusagen das Gründerabitur", erklärt Jannis Johannmeier, Sprecher der Founders Foundation. Dabei geht es um Ideenfindung und Teambildung, Lösungsentwicklung und Unternehmensfinanzierung. Auch Torsten hat mitgemacht. „Ich erinnere mich zum Beispiel an die Aufgabe, in einer Woche 100 potenzielle Kunden anzurufen und Absichtserklärungen zur Zusammenarbeit von ihnen zu bekommen."

Die Masterclass ergänzt die Academy und komplettiert den Bereich „Education". Dahinter steht eine vierwöchige Förderung von persönlichen Fähigkeiten in Bereichen wie Sales, Online Marketing, Product Design oder Coding. „Das ist vergleichbar mit dem speziellen Stürmer- oder Torwart-Training im Fußball", erläutert Jannis. Drei bis vier Mal im Jahr startet das Education-Programm. Wer einen der 35 Plätze ergattern möchte, füllt einen Antrag aus und dreht ein einminütiges Bewerbungsvideo. Worauf es dabei ankommt? „Willen zur Veränderung, Interesse an digitalen Themen und Leidenschaft", sagt Jannis. Eine eigene Idee braucht man nicht unbedingt. „Der Bedarf kommt häufig aus den Unternehmen." Sie sind zum Beispiel bei den Hackdays auf der Suche nach digitalen Lösungsansätzen. Dabei präsentieren die Firmen Herausforderungen aus der Praxis, für die die Teilnehmer der Founders Foundation in 54 Stunden Lösungsansätze entwickeln. Die Education-Phase schließt mit einem Event ab: Die Gründerteams, die sich zusammengefunden haben, präsentieren jeweils ihre Geschäftsidee bei dem geliebten wie gefürchteten Pitchday.

Pitchen ist wunderbar schrecklich

Ähnlich wie bei der TV-Sendung „Höhle der Löwen" präsentieren die Teams ihre Geschäftsideen live vor Publikum und Jury. Während ein Teammitglied auf der Bühne die Geschäftsidee in englischer Sprache erläutert, läuft auf einem Bildschirm vor der Bühne ein Vier-Minuten-Countdown. Die Jury gibt anschließend eine Bewertung ab und das Publikum signalisiert mithilfe von roten und grünen Armbändchen, ob die Idee überzeugt (grün) oder nicht (rot). „Das ist eine Mischung aus schrecklich und wunderbar", erinnert sich Torsten. Entscheidend für die weitere Entwicklung des Start-ups ist das Abschneiden aber nicht. „Das Adrenalin hilft dabei, Motivation und Energie für die harte Zeit danach zu entwickeln", sagt Jannis. Die hat einen Namen und eine eigene Etage: „Accelerator" hat ihren Platz im zweiten Obergeschoss. Genauso wie das „Valley of Death".

Drittens Lab, viertens Accelerator

Vorher gibt es noch eine Zwischenstation, das „Lab", in dem die Teams im ersten Obergeschoss mithilfe von Mentoren und der Gründer-Community weiter an der Idee feilen und einen Plan für die nächsten Monate erstellen. Alles zielt auf das Finale des Start-up-Gründungscoachings ab: die sechsmonatige „Accelerator"-Phase. Spätestens dann heißt es, Kunden und Investoren zu gewinnen, Netzwerke weben und das gefürchtete „Valley of Death" zu durchschreiten. Das ist die Phase, in der die Früchte der Arbeit noch auf sich warten lassen und einige Start-up-Unternehmer kurz vor dem Ziel aufgeben. Doch das Durchhalten lohnt sich, denn nach dieser Durststrecke entwickeln sich viele Gründungen rasant. Denn eine Idee für ein Start-up muss eine Voraussetzung erfüllen: Sie muss über enormes Wachstumspotenzial mitbringen, „skalierbar" sein. Bei Torsten und seinem Team hat es ungefähr zwei Jahre gedauert bis das Unternehmen bereit war für den Markteintritt im großen Stil. Lab und Accelerator (Eine Art Startbeschleuniger) sind übrigens auch offen für Gründungsteams, die nicht zuvor die Academy durchlaufen haben, und kosten 99 Euro Teilnahmegebühr monatlich.

Was ist jetzt mit dem Einhorn?

„Für mich war das Wertvollste in meiner Zeit bei der Founders Foundation die Menschen, die ich hier kennengelernt habe", sagt Torsten. Dazu gehören seine Mitgründer Dennis Cutraro und Ingo Roßdeutscher. Außerdem Judith Wend, die das Marketing übernimmt, und Prof. Jan Brinckmann. Er hat nicht nur das Curriculum für die Founders Foundation entwickelt, er investierte auch als Business Angel in Torstens Firma. Die beginnt übrigens mit dem Buchstaben „V" von seiner Jacke und heißt Valuedesk. Sein Produkt bietet Transparenz für alle Maßnahmen und schlägt zukünftig mithilfe einer selbst entwickelten Künstlichen Intelligenz sogar weitere vor. „Die Kunden sollen es lieben." Das machen die Firmen Miele, Schüco oder Dr. Wolff jetzt schon. Ziel der Start-ups ist es, in fünf Jahren eine Bewertung von mehr als 100 Millionen Euro zu erzielen. Dann heißen sie im Gründer-Slang „Unicorn Pony". Wie praktisch, dass der Captain von Valuedesk mit dem „V" bereits ein „Sternflottenabzeichen" auf der Jacke trägt, wenn das Start-up voll durchstartet.

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