Das Haus in dem Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika mehrere Frauen gequält haben sollen. Hier im Mai 2016 von der Polizei mit einem Sichtschutzzaun versehen. - © Jens Reddeker
Das Haus in dem Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika mehrere Frauen gequält haben sollen. Hier im Mai 2016 von der Polizei mit einem Sichtschutzzaun versehen. | © Jens Reddeker

Paderborn/Höxter Bosseborn-Prozess vor Urteilsspruch - die wichtigsten Meilensteine

Einer der längsten Strafprozesse des Landgerichts Paderborn: Seine wichtigsten Phasen

Jutta Steinmetz
04.10.2018 | Stand 05.10.2018, 08:19 Uhr

Paderborn/Höxter. Am Freitag endet der Prozess um die Foltermorde von Bosseborn. Damit kommt einer der längsten Strafprozesse des Landgerichts Paderborn zu seinem Ende. Wir haben die wichtigsten Phasen der Verhandlung gegen die Hauptangeklagten Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika zusammengefasst. Angelika W. berichtet über ihre Beziehung zu Wilfried W., über ihr Leben in Bosseborn. Detailreich schildert sie dem Schwurgericht Paderborn, wie sie jahrelang von ihrem Partner misshandelt und nach und nach selbst zur Täterin wurde. Ausführlich erzählt sie, wie Annika W. erniedrigt und gequält wurde - so sehr, dass diese völlig entkräftet an den Folgen eines Sturzes stirbt. Ärztliche Hilfe hatte die junge Frau nicht erhalten. Bevor die 49-jährige Angeklagte das ähnlich ausgestaltete Leiden und Sterben der Susanne F. Revue passieren lässt, beschreibt sie haarklein, wie sie den Leichnam von Annika W. beseitigte. Erste Zeugenaussagen Nach neun Verhandlungstagen werden die ersten Zeugen gehört. Es sind die Nachbarn aus dem Saatweg. Sie erzählen, dass es von Anfang an Ärger mit Angelika und Wilfried W. gegeben habe. Von den Ereignissen auf dem alten Gehöft haben sie einiges mitbekommen, aber geschwiegen. Sie hätten sich nicht einmischen wollen, sagen sie, sondern nur ihre Ruhe haben wollen. Anfang März 2017 spricht Wilfried W., der bis dahin von seinem Recht zu schweigen Gebrauch gemacht hat, dann doch. Der 48-Jährige stellt sich als schüchtern dar, als Opfer seiner herrischen Ehefrau Angelika - und bricht schließlich seine Aussage ab, durch die er von seinem Verteidiger Detlev Binder geführt wird. Das vielköpfige Publikum mache ihn, den intellektuell eingeschränkten, schlichten Menschen nervös, lässt er seine Verteidiger erklären. Er wolle sich fortan nur dem Psychiater Michael Osterheider anvertrauen. Über diesen Experten soll im späteren Verlauf der Verhandlung Wilfried W.s Sicht der Dinge eingeführt werden. Zuvor hatte der Angeklagte eine Begutachtung durch den Regensburger Professor abgelehnt. Die Freundinnen des Wilfried W. Bevor zwei Zeuginnen berichten, wie sie in die Falle der Angeklagten getappt waren und von diesen heftig drangsaliert wurden, aber entkommen konnten, haben Frauen das Wort, die ganz andere Erfahrungen mit Wilfried W. machten. Sie beschreiben ihn als liebevollen, angenehmen Liebhaber. Gern hätten sie alle ein länger andauerndes Verhältnis mit ihm gehabt - wenn da nicht die angebliche Schwester Angelika W. gewesen wäre, die die romantische Zweisamkeit stets rasch zerstörte. Einige Frauen öffneten breitwillig ihre Portemonnaies und gaben Wilfried Geld, teilweise sogar fünfstellige Summen. Die gerichtsmedizinischen Gutachten Als im Sommer 2017 der Göttinger Professor Wolfgang Greller die Ansicht äußert, dass Susanne F. höchstwahrscheinlich auch bei rascher ärztlicher Hilfe an ihren Kopfverletzungen gestorben wäre, gerät der Vorwurf „Mord durch Unterlassen" zunächst ins Wanken. Oberstaatsanwalt Ralf Meyer beauftragt den Neurochirurgen Walter Stummer, sich mit dem Sachverhalt zu befassen. Der findet im Mai 2018 klare Worte: Susanne F.s Leben hätte mit einer „adäquaten Behandlung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" gerettet werden können. Außerdem sei die Frau - auch für Laien erkennbar - hilfsbedürftig gewesen, sagt Stummer mit Blick auf Filmdateien, in denen die Angeklagten das Leiden ihres Opfers dokumentiert hatten. Jeder habe erkennen können, dass Susanne F. hätte "hospitaliert" werden müssen, sagt Stummer. Ein paar Wochen später schließt sich der Essener Rechtsmediziner Thomas Bajanowski dieser Auffassung an. Die Vergangenheit des Wilfried W. Gut 20 Jahre bevor die Ereignisse aus Bosseborn offenbar wurden, hatte Wilfried W. schon einmal aus einer Beziehung heraus einen Menschen entsetzlich gequält und misshandelt. Das Opfer war seine damalige Ehefrau. Auch in den 1990er-Jahren agierte er zusammen mit einer Helferin. Er hielt seine Ex-Frau wie eine Sklavin, beließ es nicht bei Schlägen und Tritten, sondern kettete sie an eine Heizung, schloss sie in seinem Kofferraum ein. All das lässt das Gericht um den Vorsitzenden Bernd Emminghaus Revue passieren, als er das damalige Urteil des Amtsgerichts Paderborn verliest. Die Richter hatten Wilfried W. 1995 zu zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Als das Schwurgericht im März 2018 seine damalige Mittäterin vernimmt, mag sie sich nur rudimentär und sehr widerwillig erinnern. Über Wilfried W. sagt sie, dass dieser stets habe zeigen müssen, „dass er der Stärkere war". Das erste psychiatrische Gutachten platzt Im Herbst 2017 glaubt das Schwurgericht, bereits das Ende der Beweisaufnahme im Blick zu haben. Doch als der Psychiater Michael Osterheider seine Gespräche mit Wilfried W. als Zeuge darstellen soll, wird ein Dilemma offenbar. Der Regensburger Professor widerspricht sich selbst, zitiert seinen Probanden Wilfried W. falsch, legt diesem Worte in den Mund, die dieser nie gesagt hat, bezieht sich in seinem schriftlichen Gutachten auf ein Gespräch, bei dem er selbst gar nicht dabei war. Osterheider sei gesundheitlich nicht in der Lage gewesen, seine Arbeit zu leisten, wird seine Kollegin Nahlah Saimeh, der die psychiatrische Untersuchung von Angelika W. obliegt, Monate später erklären. Am 36. Prozesstag im Winter 2017 entbindet der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus Osterheider von seinem Gutachterauftrag. Die Psychiaterin Saimeh wird sich nun nicht nur mit der Angeklagten Angelika W. beschäftigen, sondern auch mit deren Ex-Mann Wilfried W. Die Erkenntnisse der Gutachterin Nahlah Saimeh Anfang Juli 2018 kann die ehemalige Leiterin der Forensischen Klinik Eickelborn nach stundenlangen Gesprächen mit Angelika und Wilfried W. ihre Erkenntnisse zur Schuldfähigkeit der Angeklagten vortragen. Anders als Osterheider kommt sie zu dem Schluss, dass Wilfried W. nur vermindert schuldfähig ist. Er sei intellektuell, aber auch in seiner moralischen Entwicklung auf der Stufe eines kleinen Kindes stehengeblieben. Der 48-Jährige, aufgrund seines geringen Intelligenzquotienten als „schwachsinnig" einzustufen, habe keine stabile Vorstellung von Recht und Unrecht und sei eine Persönlichkeit, die sich im Übermaß in die Abhängigkeit zu anderen Menschen begebe, so ihre Quintessenz. Diese fällt für Angelika W. ganz anders aus. Die 49-Jährige sei hochintelligent, aber völlig unfähig zu Empathie und Mitleid. „Seelische Erschütterung" sei ihrer Persönlichkeit, die autistische Züge trage, völlig fremd, sagt Saimeh. Die Angeklagten hätten aber einander perfekt ergänzt und zusammen gewirkt. Dass sie immer wieder neue Frauen ins Haus holten, die sie drangsalierten, hätte ihre Zweisamkeit stabilisiert. „Bis zum Schluss gab es eine gemeinsame Wir-Ebene", erklärt die Expertin. Ihre Prognose ist für beide Angeklagte ungünstig. Einzig in einer stark kontrollierten Umgebung sei ihre soziale Integration möglich, anderenfalls bestehe eine „extrem hohe Wiederholungsgefahr". Anders als Angelika W. gehöre aber Wilfried W. nicht ins Gefängnis sondern in die Psychiatrie. Schlußplädoyers - zwischen Lebenslang und Freispruch Fast zwei Jahre und 56 Verhandlungstage sind vergangen, als Oberstaatsanwalt Ralf Meyer in Saal 205 den Reigen der Plädoyers eröffnet. Er sieht die Schuld beider Angeklagter für nachgewiesen und fordert ihre Verurteilung wegen „Mordes durch Unterlassen". Angelika und Wilfried W. hätten wider besseres Wissens weder Annika W. noch Susanne F. Hilfe zukommen lassen, als sich die durch Misshandlungen stark geschwächten Frauen jeweils bei einem Sturz schwere Kopfverletzungen zugezogen hatten. Meyer verweist auf die unzähligen brutalen Übergriffe, denen die Opfer ausgesetzt waren, auf das menschenverachtende Streben nach Macht, bei dem die Angeklagten zusammen agierten. „Sie haben sich zu Herren über Leben und Tod gemacht." Der Ankläger folgt zwar Saimeh darin, dass Wilfried W. geistig eingeschränkt sei, aber dieser sei trotzdem in der Lage gewesen, sein Verhalten zu steuern. Und so plädiert er für beide Angeklagten auf eine lebenslange Freiheitsstrafe. Es sei zudem die Schwere der Schuld festzustellen. Jegliche Strafmilderung verbiete die Gesamtschau des Falles. Während ihm die Vertreter der Nebenklage folgen, kommen die Verteidiger zu ganz anderen Anträgen. Wilfrieds Anwälte sehen Angelika als Haupttäterin Die Anwälte von Wilfried, Detlev Binder und Carsten Ernst, verweisen auf die Persönlichkeit ihres Mandanten. Der sei ein unsicherer Mensch, der in seiner moralischen und intellektuellen Entwicklung auf der Stufe eines Grundschülers zu verorten sei. „Er ist ein Mensch, der dringend Hilfe braucht." Wilfried W. wisse nicht, was verboten, was erlaubt sei, er verstehe nicht, was Verantwortlichkeit bedeute. Ihrer Ansicht nach ist Angelika W. die Haupttäterin, die all die Grausamkeiten zu verantworten hat, die Annika W. und Susanne F. im Bosseborner Saatweg hatten erdulden müssen. Den Tod der Annika W. könne Wilfried W. nicht zur Last gelegt werden. Dass die geschwächte 33-Jährige im August 2014 durch ihren Sturz lebensgefährliche Kopfverletzungen erlitten hatte, hätten die Angeklagten erst festgestellt, als sie die Frau am Morgen danach fanden – bereits mit starrem Blick. Da sei es zu spät gewesen, einen Arzt zu rufen. Direkt nach dem Vorfall habe selbst die hochintelligente Angelika W. nicht die Gefährlichkeit der Situation erkannt. Wie hätte der intellektuell stark eingeschränkte Wilfried W. dann die Notwendigkeit des Handelns erkennen sollen, fragen die Verteidiger. Zwar treffe für Susanne F., die Ende April 2016 starb, der Vorwurf „Mord durch Unterlassen" zu, sei aber als Versuch zu werten. Schließlich hätten die Angeklagten ja doch noch einen Krankenwagen gerufen - wenn gleich auch zu spät, um das Leben der Frau noch zu retten. Das müsse ...

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